Wien (OTS) – Österreichs Betriebe steigern vielfach ihre
Produktivität –
allerdings geschieht dies zu oft durch mehr Arbeitsdruck und höhere
Belastung für die Beschäftigten. Was es jetzt braucht, ist ein klares
Umdenken: Nachhaltiger Erfolg entsteht nicht durch Dauerstress,
sondern durch gute Arbeitsbedingungen, gezielte Weiterbildung und
mehr Mitsprache. Das ist eines der zentralen Ergebnisse des aktuellen
Strukturwandelbarometers. Im Auftrag der Arbeiterkammer Wien und des
ÖGB hat das Meinungsforschungsinstitut IFES dafür knapp 1.500
Betriebsratsvorsitzende aus zahlreichen Branchen in ganz Österreich
befragt.
Produktivität wächst – aber auf Kosten der Arbeitnehmer:innen
73 Prozent der Betriebsratsvorsitzenden geben an, dass
Produktivität in ihren Betrieben eines der wichtigsten Themen ist.
Mehr als die Hälfte berichtet zudem, dass die Produktivität in den
vergangenen drei Jahren gestiegen ist.
Diese Steigerung erfolgt jedoch vielfach nicht durch bessere
Rahmenbedingungen, sondern durch höheren Druck auf die Beschäftigten.
ÖGB Bundesgeschäftsführer Willi Mernyi betont: „Die Steigerung der
Produktivität geht eindeutig zu Lasten der Beschäftigten. Der Druck
steigt, während die Belastungen immer größer werden. Unternehmen
müssen endlich erkennen: Ihre Mitarbeiter:innen sind ihr wichtigstes
Kapital. Wer das Arbeitstempo ständig erhöht, gefährdet die
Gesundheit der Beschäftigten.“
Zentrale Indikatoren zeigen eine klare negative Entwicklung:
· Das Arbeitsklima hat sich verschlechtert
· Der Arbeitsdruck ist gestiegen
· Krankenstände bleiben auf hohem Niveau
· Der Druck, trotz Krankheit oder in der Freizeit zu arbeiten, wächst
Insgesamt ergibt sich ein deutliches Bild: Die Arbeitswelt
entwickelt sich zulasten der Beschäftigten.
„Die Arbeit wird immer intensiver, was in einer hohen Anzahl von
Krankenständen resultiert. Gleichzeitig wird von Vertreter:innen der
Wirtschaft nach einem höheren Pensionsalter gerufen – das geht völlig
an der Realität vorbei“, betont AK-Direktorin Silvia Hruška-Frank.
Betriebe lassen Potenziale ungenutzt
Neben steigender Belastung zeigt die Erhebung auch strukturelle
Schwächen: Viele Unternehmen nutzen vorhandene
Arbeitskräftepotenziale trotz Fachkräftebedarf zu wenig.
· 63 Prozent der Betriebe haben Schwierigkeiten, Personal zu
finden
· 35 Prozent zeigen geringe Bereitschaft, Langzeitarbeitslose
einzustellen
· 29 Prozent zögern bei Beschäftigten über 50
· 22 Prozent lehnen Teilzeitkräfte ab
· 17 Prozent schließen Personen mit Betreuungspflichten aus
Diese Zurückhaltung verschärft die Situation zusätzlich und
verhindert nachhaltige Lösungen.
Frauen brauchen faire Chancen
Besonders deutlich wird die Ungleichheit bei Frauen: Zwar
beschäftigen viele Unternehmen Personen mit Betreuungspflichten und
bieten Teilzeitmodelle an, dennoch entstehen daraus häufig
langfristige Nachteile.
Teilzeit bedeutet für viele Frauen geringere Einkommen,
schlechtere Karrierechancen und niedrigere Pensionen.
„Personalpolitik ist oft noch nicht fair. Es braucht echte
Gleichstellung: gleiche Chancen, faire Bezahlung und Arbeitszeiten,
die zum Leben passen“, so Mernyi.
Gute Arbeit statt Dauerstress
AK und ÖGB fordern daher ein Umdenken in den Betrieben.
Produktivität darf nicht durch permanent steigenden Arbeitsdruck
erzielt werden.
Stattdessen sind Investitionen in Weiterbildung, gute
Arbeitsorganisation und der sinnvolle Einsatz neuer Technologien
entscheidend. Die Betriebsratsvorsitzenden sehen Qualifizierung als
wichtigsten Hebel für nachhaltige Produktivität – dennoch setzt
derzeit nur rund ein Drittel der Betriebe diese Strategie um.
Auch Digitalisierung, Automatisierung und Künstliche Intelligenz
müssen den Menschen dienen: Sie sollen Arbeit erleichtern und nicht
zusätzlichen Druck erzeugen.
Ein weiterer zentraler Faktor ist die Mitsprache der
Beschäftigten. Sechs von zehn Befragten sind der Meinung, dass
Arbeitnehmer:innen stärker in Entscheidungen eingebunden werden
sollten. In der Praxis geschieht das jedoch derzeit nur in einem von
neun Betrieben.
Betriebsräte verbessern die Arbeitswelt
Betriebsräte spielen eine entscheidende Rolle für faire Lösungen
im Betrieb. Die Studie zeigt klar: Wo Betriebsräte gut eingebunden
sind, funktioniert die Zusammenarbeit zwischen Beschäftigten,
Betriebsrat und Management besser.
Beschäftigte kennen ihre Arbeit am besten – ihre Erfahrungen
müssen daher stärker in Veränderungen einfließen. Mehr Mitsprache
bedeutet mehr Fairness und bessere Arbeitsbedingungen.
Positiv bewertet wird die Kommunikation in den Betrieben: Der
Austausch zwischen Belegschaft, Betriebsrat und Management
funktioniert überwiegend gut. Gleichzeitig zeigt sich jedoch ein
Warnsignal: Die Einbindung des Betriebsrats in unternehmerische
Entscheidungen ist erstmals ins Negative gekippt. Damit wird eine
zentrale Ressource geschwächt.
Gesundheit ist die Grundlage für Erfolg
Echte Produktivität entsteht nicht durch Dauerstress, sondern
durch gute Ausbildung, effiziente Abläufe sowie gesunde und
motivierte Beschäftigte.
„Die Chancen sind da. Jetzt sind die Unternehmen am Zug. Wer in
seine Beschäftigten investiert, wird langfristig erfolgreicher sein“,
betonen AK-Direktorin Silvia Hruška-Frank und ÖGB
Bundesgeschäftsführer Willi Mernyi.
Qualifizierung und Beteiligung bleiben entscheidend
Die Befragten identifizieren klare Hebel für nachhaltige
Produktivität:
· Prozessoptimierung (61 Prozent)
· Einbindung von Beschäftigten (59 Prozent)
· Weiterbildung und Qualifizierung (51 Prozent)
· Digitalisierung (41 Prozent)
Gerade bei Qualifizierung und Beteiligung besteht aus Sicht der
Betriebsratsvorsitzenden weiterhin großer Nachholbedarf.
Abschließend stellen Silvia Hruška-Frank und Willi Mernyi klar:
„Produktivität auf Kosten der Beschäftigten ist weder nachhaltig noch
sinnvoll. Wettbewerb entscheidet sich auch über Qualität,
Verlässlichkeit und Qualifikation. Unternehmen brauchen gut
ausgebildete und fair bezahlte Beschäftigte. Nur so können sie
langfristig erfolgreich sein.“
Link zum SWB:
https://wien.arbeiterkammer.at/strukturwandelbarometer
Mehr Leistung, mehr Stress: Wenn uns die Arbeit krank macht | ÖGB
ÖGB und Arbeiterkammer fordern:
· Ausbau der Qualifizierung: Eine breit angelegte Aus- und
Weiterbildungsoffensive für alle Beschäftigten
· Gesunde Arbeit bis zur Pension: Altersgerechte Arbeitsplätze und
Fokus auf Gesundheit als entscheidender Produktivitätsfaktor
· Stärkung der Mitbestimmung: Mehr Einbindung von Betriebsräten und
bessere Kommunikation als Grundlage für wirtschaftlichen Erfolg und
soziale Stabilität