Schönheit

WorldSkills 2026: Medaillenjagd mit Glücksfällen und Fehlerquellen – VIDEO / AUDIO / BILD

Shanghai (OTS) – Der dritte Wettkampftag beginnt für Paul Wohlesser
und David Seidl
mit einer Aufgabe, die in keinem Wettbewerbsplan steht: aus den
Erfahrungen des Vortags die richtigen Schlüsse ziehen. Vor den
Mechatronikern steht eine kleine Produktionsanlage, aufgebaut auf
Aluminiumprofilen, durchzogen von blauen Druckluftschläuchen. Sie
soll Werkstücke transportieren und Grundkörper, Inlay und Deckel
zusammensetzen. Heute gilt es, Fehler zu korrigieren und die
Stationen zu einem verlässlichen Ganzen zu verbinden.

Am dritten von vier Wettkampftagen bleibt für Österreichs 48
Teilnehmer:innen noch etwas Zeit, Abläufe zu verbessern, Versäumtes
aufzuholen und auf Gelungenem aufzubauen.

Steirisch-kärntnerisches Duo auf Fehlersuche

An der Anlage der beiden Steirer wird das konkret. Wohlesser, der
aus Neumarkt kommt, und Seidl, der in Mariahof zu Hause ist, arbeiten
bei Flex in Althofen (Kärnten). In Shanghai müssen sie auf wenigen
Quadratmetern zeigen, was industrielle Produktion im Großen verlangt:
Mechanik, Elektronik und Programmierung so abstimmen, dass jeder
Schritt den nächsten ermöglicht. Der erste Testlauf bringt
Ernüchterung: Die Mini-Fabrik streikt. Zumindest vorerst. Ihr
Trostpflaster: „Auch allen anderen Nationen erging es gleich. Die
Aufgabe ist einfach extrem herausfordernd. Wir dürfen nicht
vergessen: Das sind WorldSkills!“, sagt Wohlesser. „Jetzt heißt‘s:
Lösungen finden. Und dann geht wieder die Post ab“, gibt Seidl die
Marschroute vor.

Ein Modellauto verlangt neue Wege

Die richtigen Wege soll auch der Roboter von Kristijan Hrdžić aus
Graz und Gabriel Aldrian aus Eibiswald in der Steiermark finden. Die
Fachkräfte von Magna Steyr in Graz bzw. Knapp AG in Hart bei Graz
treten im Teambewerb Robot Systems Integration an. Ihr Roboter soll
Blechteile aufnehmen, in einer Station positionieren, daraus ein
kleines, flaches Modellauto bauen und Schweißpunkte setzen. „Das
müssen wir programmieren und am Computer auch einen digitalen
Zwilling erstellen. Das heißt, dass man den tatsächlichen Roboter
eins zu eins am PC nachbaut, damit dort alles simuliert werden kann“,
erklärt Hrdžić. Das Problem: Noch kommt der Roboter nicht überall
hin.

Starker Rückhalt kommt dafür aus den Betrieben und von daheim.
Drei Vertreter seines Unternehmens seien nach Shanghai gereist,
erzählt Aldrian, darunter Wegbegleiter aus seiner vierjährigen
Lehrzeit. Hrdžić hat für die Stunden außerhalb der Halle eine klare
Regel: „Man muss den Wettbewerb hinter sich lassen, wenn man ins
Hotel kommt. Klar, man kann noch ein paar Besprechungen machen. Aber
im Endeffekt muss man abschalten können, damit man seinen Schlaf
kriegt.“

Vorarlberger Chemiker: Viel Einsatz, kaum Reaktionszeit

Am Arbeitsplatz von René Bitschnau aus Frastanz in Vorarlberg
stehen Laborflaschen, durch Verschlüsse führen schmale Schläuche. Der
Chemielabortechniker trägt einen weißen Mantel, Schutzbrille und
blaue Handschuhe. Der Absolvent der HTL Dornbirn muss Stoffe
untersuchen und Substanzen gezielt herstellen, etwa Vorstufen für
Medikamente. „Es gibt nicht das eine große Gesamtergebnis. Jeder
Halbtag produziert ein anderes Ergebnis: Bei einer chemischen Analyse
kommt ein Gutachten heraus. Bei der Synthese entsteht ein chemischer
Stoff, etwa als Pulver.“ Genau, sauber und schnell arbeiten, lautet
die Anforderung. „Dieses Jahr ist es wirklich extrem. Gerade im
Vergleich zu den Staatsmeisterschaften sind die Aufgaben sehr
fordernd gestellt. Ich glaube kaum, dass viele mit den Aufgaben
fertig werden“, sagt der Vorarlberger. Sein erstes Modul sei eine
schwierige Eingewöhnung gewesen. Danach habe er besser in den Bewerb
gefunden: „Seitdem geht es ziemlich gut, muss ich sagen.“

Grafiker hat Gold im Kopf und Pop im Ohr

Paul Bürki aus Altenmarkt bei Fürstenfeld in der Steiermark
findet diesen Antrieb auch über die Kopfhörer. Der Grafiker von der
HTBLVA Graz-Ortweinschule sitzt so konzentriert am Bildschirm, dass
die Menschen hinter ihm aus seiner Wahrnehmung verschwinden. Am
ersten Tag habe er das Publikum noch stärker bemerkt. Am zweiten?
„Gar nicht. Jetzt gibt’s nur mehr den Bildschirm, das war’s.“

Während andere sichtlich gequält mit Entwürfen ringen, hat der
Fürstenfelder Gold im Kopf und Pop im Ohr: Eine große Playlist gibt
ihm „ein wohliges Gefühl beim Arbeiten.“ Dem ersehnten Edelmetall ist
Bürki zumindest gestalterisch nähergekommen. Im Zuge des Wettbewerbs
entwarf er eine WorldSkills-Medaille, anschließend die Verpackung und
ein kleines Booklet dazu. Das Modell aus Holz habe sich gut
angefühlt, aber: „Wir wollen natürlich am Sonntag die echte Goldene
in den Händen halten“, lacht der entspannt wirkende Steirer.

Am dritten Wettkampftag steht bei ihm „Editorial Design“ auf dem
Programm, die Gestaltung eines mehrseitigen Druckprodukts. Am
Finaltag folgt Werbung – die konkrete Aufgabe wird erst kurzfristig
bekanntgegeben. Bürki hofft auf „ganz viel Energie und Glück“ aus
Österreich. Seine Eltern, seine Schwester und deren Freund
unterstützen ihn vor Ort. Auch sein Heimatort Altenmarkt bei
Fürstenfeld soll ihm „weiter die Daumen drücken“, freut sich die
Medaillenhoffnung über Glückwünsche.

Kärntner Hochbauer mauert sich einen Glücksbringer

Vom Glück verfolgt ist Noah Trettenbrein aus St. Paul im
Lavanttal in Kärnten – zumindest wettbewerbstechnisch: Auf seinem
Bauplan prangt ein gelbes, vierblättriges Kleeblatt zwischen den
Ziffern zwei und sechs. Das muss die Fachkraft der BM-Haus GmbH aus
St. Georgen im Lavanttal aus verschiedenfarbigen Ziegeln errichten:
Blatt für Blatt, Fuge für Fuge, mit schräg verlaufenden Steinreihen
und geschwungenen Konturen. Daneben zeigt der Plan zwei weitere
anspruchsvolle Mauerwerksmodule – eines mit abgestufter Oberkante,
ein anderes mit einem gelben Linienmotiv auf dunklem Grund. Für die
drei Aufgaben bleiben insgesamt nur 22 Stunden Zeit. „Was dann nicht
da ist, kann leider nicht bewertet werden. Das ist die höchste
Strafe“, erklärte der Lavanttaler. Fertigwerden allein reicht
allerdings nicht: „Jeder Millimeter zählt.“

Das Fundament hat Trettenbrein lange vor Shanghai gelegt. „An
einem typischen Trainingstag habe ich im Schnitt 13 Stunden
trainiert. Mein Trainer hat mich immer erinnern müssen, Pausen zu
machen, weil ich darauf völlig vergessen habe“, lacht der Maurer.
Gebaut wurden etwa Aufgaben früherer Europa- und Weltmeisterschaften.

Teamchef: „Es geht um mehr als Medaillen“

„Gerade am dritten Wettkampftag sieht man, was unsere jungen
Fachkräfte leisten. Die Aufgaben sind enorm anspruchsvoll, die Zeit
ist knapp, und trotzdem muss die Qualität stimmen. Wer dann nach
einem Rückschlag eine Lösung findet, zeigt eine Stärke, auf die wir
in Österreich stolz sein können“, sagt SkillsAustria-Präsident Josef
Herk . „Dahinter stehen Betriebe, Schulen und Trainer, die diesen
jungen Menschen viel zutrauen und ihnen diese Entwicklung
ermöglichen. Jetzt wollen wir ihnen für den letzten Wettkampftag noch
einmal den ganzen Rückhalt geben.“

Für Teamchef Jürgen Kraft reicht die Bedeutung dieser Tage über
die Ergebnisliste hinaus: „Natürlich wollen wir Medaillen gewinnen.
Dafür haben alle unglaublich viel investiert. Aber diese
Weltmeisterschaft inklusive der Vorbereitung verlangt den
Teilnehmerinnen und Teilnehmern etwas ab, das sie noch lange nach
Shanghai brauchen werden: unter Druck Entscheidungen treffen, mit
Fehlern umgehen und Verantwortung übernehmen. Sie erleben hier, dass
selbst die Besten der Welt an Grenzen stoßen – und dass es darauf
ankommt, wie man danach weiterarbeitet.“ Die Erfahrung werde mit nach
Österreich genommen: „In die Betriebe, in die nächsten Aufgaben und
in das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Deshalb geht es hier um
mehr als nur Medaillen.“

Am Samstag, dem letzten Wettkampftag, werden rund 300
österreichische Fans das Team noch einmal zu Höchstleistungen
antreiben. Am Sonntag folgt die Medaillenvergabe (ab 14 Uhr in
Österreich, Link zum offiziellen Livestream ). Bis dahin wird in
Shanghai geschraubt, geprüft, gestaltet und gemauert – denn, wie es
der Kärntner Hochbauer Noah Trettenbrein auf den Punkt bringt: „Jeder
Millimeter zählt“. (PWK478/HSP)

Videos ( hier zum Download )

Das Videomaterial zeigt folgende Fachkräfte im Wettbewerb:

– Fliesenleger Andreas Landl aus der Steiermark

– David Seidl und Paul Wohlesser aus der Steiermark und Kärnten

– Anlagenelektriker Janick Gehrer aus Vorarlberg

– Trockenbauer Jonas Leitner mit Bezug zur Steiermark und zu Wien

– Betonbauer Julian Gintner und Michael Pomassl aus Niederösterreich

– Hochbauer Noah Trettenbrein aus Kärnten

Fotos (© SkillsAustria/Wieser/Slovencik)

– Paul Wohlesser aus Neumarkt und David Seidl aus Mariahof in der
Steiermark bauen eine automatisierte Fertigungslinie, die Werkstücke
transportiert und zusammensetzt ( hier )

– Mit Schutzbrille und ruhiger Hand: René Bitschnau aus Frastanz in
Vorarlberg untersucht im Chemielabor unbekannte Proben und stellt bei
Syntheseaufgaben neue Stoffe her ( hier )

– Die Welt vor dem Bildschirm, Musik auf den Ohren: Paul Bürki aus
Altenmarkt bei Fürstenfeld in der Steiermark blendet beim Gestalten
den Trubel der WM-Halle aus ( hier )

– Mit der Wasserwaage überprüft Noah Trettenbrein aus St. Paul im
Lavanttal in Kärnten die Ausrichtung seines Mauerwerks. Im Hochbau
muss er drei Module in insgesamt 22 Stunden errichten ( hier )

– Alle aktuellen Fotos finden Sie hier oder sortiert nach
Wettbewerbstagen hier .

O-Ton-Service

– Alle verfügbaren O-Töne inkl. Transkripten

– Kristijan Hrdžić und Gabriel Aldrian , Robot Systems Integration,
aus der Steiermark . Hrdžić über die Herausforderung: „Es ist ein
sehr schwieriges Projekt mit sehr vielen Teilen. Wenn nicht alles
zusammenpasst, dann hat man sehr viele Probleme. Und die gleichen
Probleme hat so ziemlich jedes Land bei uns.“ ( zum gesamten O-Ton )

– Chemielabortechniker René Bitschnau aus Vorarlberg : „Ich bin mir
sicher, jeder hat irgendeinen Tiefpunkt beim Wettbewerb. Wichtig ist,
einfach weiterzumachen, Vollgas zu geben – und ja, das wird schon.“ (
hier zum gesamten O-Ton )

– Hochbauer Noah Trettenbrein aus Kärnten : „Was nicht da ist, kann
leider nicht bewertet werden. Das ist die höchste Strafe. Natürlich
geht es auch um jeden Millimeter. Jeder Millimeter zählt.“
Aufgenommen vor Wettbewerbsbeginn am 22. September. ( hier zum
gesamten O-Ton )

– Grafiker Paul Bürki aus der Steiermark : „Wir wollen natürlich die
echte Goldene am Sonntag auch in den Händen halten“ ( hier zum
gesamten O-Ton )