Schönheit

teilhaben teilsein: Wie ein Parlamentsbesuch zur Stärkung des Miteinanders beitragen kann

Wien (PK) – Die heute getroffenen Entscheidungen und beschlossenen
Gesetze prägen
die Lebensrealität der jungen Generation oft über Jahrzehnte. Doch
immer weniger junge Menschen fühlen sich im Parlament gut vertreten
und viele von ihnen würden auch gerne besser darüber Bescheid wissen,
welche Gesetzesvorhaben gerade erarbeitet werden und wie sie sich
selbst dazu einbringen können. Dies geht aus der vom österreichischen
Parlament beauftragten Studie „Junge Menschen & Demokratie 2025“ des
Sozialforschungsinstituts Foresight hervor. Wie ein Besuch im Hohen
Haus zur Stärkung politischer Teilhabe beitragen kann, darüber hat
die Parlamentskorrespondenz im Rahmen des Jahresschwerpunkts
„teilhaben teilsein“ mit einer Wissenschaftlerin und einem
Wissenschaftler gesprochen, die zu unterschiedlichen Themen im Hohen
Haus forschen.

Mit der Architektur des Parlamentsgebäudes befasste sich die
promovierte Kunsthistorikerin Julia Rüdiger in den vergangenen zwölf
Monaten während ihres „Forschungsjahres im Parlament“. Ihr Ziel war
es aufzuzeigen, wie Architektur parlamentarische Kultur prägt und
Resonanz zwischen Institution und Gesellschaft fördert.

Roland Trabe von der Pädagogischen Hochschule Wien untersucht in
einer dreijährigen Forschungsarbeit, wie sich das
Demokratieverständnis von Kindern und Jugendlichen durch ihre
Teilnahme an einem Angebot der Demokratiewerkstatt im Parlament
verändert. Abgefragt werden dazu bis zu 1.200 Workshopteilnehmerinnen
und -teilnehmer sowie ihre Lehrkräfte vor ihrem Besuch in der
Demokratiewerkstatt, unmittelbar danach sowie nochmals nach drei
Monaten. Die Demokratiewerkstatt ist eine Einrichtung des Parlaments
für junge Menschen im Alter von 8 bis 19 Jahren. Sie bietet
interaktive Workshops zu verschiedenen Themenschwerpunkten.

Gesehen und gehört werden

Gesehen und gehört werden und zwar auf Augenhöhe – das verstehen
Julia Rüdiger und Roland Trabe unter Teilhabe. Gerade Kindern und
Jugendlichen würde dieses Gefühl jedoch häufig fehlen, sagt Trabe.
Aus seiner Sicht ist es daher wichtig, jungen Menschen bereits früh
zu vermitteln, dass politische Partizipation weit über die
Stimmabgabe bei einer Wahl hinausgeht und er gibt zu bedenken, dass
eine große Gruppe von der Stimmabgabe ausgeschlossen ist, da sie
nicht die österreichische Staatsbürgerschaft besitzt.

Workshops der Demokratiewerkstatt stärken Interesse an Politik

Trabe rät, möglichst früh anzusetzen: Miteinander und
demokratische Partizipation sollten Kindern bereits im
Kindergartenalter vermittelt werden, betont er. Für den
Fachdidaktiker und Historiker, der auch in der Lehrkräfteaus- und –
weiterbildung tätig ist, ist Bildung der Schlüssel. Politische
Partizipation dürfe nicht erst zu einem späten Zeitpunkt theoretisch
vermittelt werden, sondern müsse bereits im sehr jungen Alter erlebt
und praktisch erfahren werden. Dazu gehöre auch, dass Kinder ihre
eigenen Rechte kennen und lernen, sich für andere einzusetzen. Damit
würde laut Trabe ein entscheidender Grundstein für demokratische
Resilienz gelegt.

Erste Ergebnisse seiner Forschung mit Teilnehmenden der
Demokratiewerkstatt des Parlaments würden belegen, dass sich Kinder
und Jugendliche sehr wohl mit politischen Themen beschäftigen. Ein
Besuch in der Demokratiewerkstatt intensiviere laut der von ihm
durchgeführten Wirksamkeitsstudie dieses Interesse, so Trabe. Im
Rahmen der Studie werden die Kinder und Jugendlichen nicht direkt zu
Politik befragt, sondern stattdessen gebeten, jene Themen zu nennen,
über die sie mit ihren Freunden sprechen. Dabei habe sich gezeigt,
dass sich die Schülerinnen und Schüler mit zahlreichen
gesamtgesellschaftlichen und demokratischen Fragen beschäftigen –
auch wenn ihnen dies selbst als solches oft gar nicht bewusst sei,
berichtet Trabe.

Workshops der Demokratiewerkstatt können virtuell oder in den
Räumlichkeiten des Parlaments besucht werden. Wenn Kinder und
Jugendliche persönlich zu einem Workshop ins Hohe Haus kommen,
tauschen sie das Klassenzimmer gegen einen sogenannten
außerschulischen Lernort. Das Besondere dabei sei, dass es den
Teilnehmenden damit ermöglicht wird, direkt in jenen Räumlichkeiten
neues Wissen zu erarbeiten und Zusammenhänge zu begreifen, in denen
die Geschicke des Staates gelenkt und Gesetze beschlossen werden,
sagt Trabe. Dass die Teilnehmenden von den Räumen der
Demokratiewerkstatt direkt in den Nationalratssitzungssaal hinab
blicken können, habe dabei zusätzlich einen positiven Effekt. Durch
dieses persönliche Erlebnis in einer besonderen Umgebung werde
Abstraktes begreifbarer, so Trabe.

Raum beeinflusst die Gesellschaft

Wie die Architektur eines Parlamentsgebäudes Teilhabe
beeinflussen kann, damit beschäftigt sich die Kunsthistorikerin Julia
Rüdiger. Die Auseinandersetzung mit diesem Thema beginne bereits
damit, dass Raum grundsätzlich die Gesellschaft und ihre
Bewegungsfreiheit beeinflusst, sagt Rüdiger. Mit ihrer Forschung will
sie zur Stärkung von Architectural Literacy in der Gesellschaft
beitragen. Gemeint ist damit ein geschärftes Bewusstsein dafür, mit
welcher Agenda eine bestimmte Form von Architektur für ein Gebäude
gewählt wurde.

Im Rahmen ihrer Forschungsarbeit im Hohen Haus hat sich Rüdiger
unter anderem damit auseinandergesetzt, wie der Raum im
Parlamentsgebäude von Besucherinnen und Besuchern wahrgenommen wird.
Zunächst habe sich gezeigt, dass die Sicherheitskontrolle am Eingang
als „notwendige Schwelle“ erlebt werde. Lässt man diese hinter sich,
findet man sich im Besucherzentrum, in der Agora, wieder. Im
Interview erzählt Rüdiger, dass sie anfangs skeptisch gewesen sei, da
es sich bei diesem Raum vor der Wiedereröffnung des sanierten
Parlamentsgebäudes um einen fensterlosen Kellerraum gehandelt hat,
der nach wie vor nur künstliches Licht bietet. Es habe sie daher
überrascht, wie positiv dieser Bereich nun von den meisten
Besucherinnen und Besuchern wahrgenommen werde. Dieser sei nun durch
seine neue Architektur zu einem zentralen, offenen Begegnungsort
geworden, so Rüdiger.

Als Kernfrage beschäftigt sie, wie Architektur den Menschen
begegnet. Hält diese Menschen auf Abstand oder lädt sie zum Verweilen
ein? Das Parlamentsgebäude am Ring lässt drei Bauphasen erkennen, die
jeweils auf ein bestimmtes Demokratieverständnis schließen lassen,
sagt Rüdiger. Errichtet wurde das Gebäude im späten 19. Jahrhundert
prominent an der Ringstraße. Es zeige Formen und Materialen, die an
Herrschaftsarchitektur erinnern. Als Beispiele dafür nennt Rüdiger
die Rampe, Symmetrie und eine überhöhte Mitte. Die zweite Bauphase
zeigt sich im Nationalratssaal, der nach dem Zweiten Weltkrieg
wiederaufgebaut wurde und völlig geradlinig und rational ausfällt.
Schließlich erlebte das Hohe Haus mit seiner Sanierung von 2018 bis
Ende 2022 eine dritte Bauphase. Die architektonisch neu gestalteten
Bereiche bieten nun viel Licht- und Blickregie. Diese würde darauf
abzielen, Resonanz zu schaffen und versuchen, mit den Bürgerinnen und
Bürgern zu kommunizieren, sagt Rüdiger.

Als Negativbeispiel dafür, wie Architektur Teilhabe einschränken
könne, verweist Rüdiger hingegen auf die faschistische Architektur
und die Entwürfe der Nationalsozialisten für die Umgestaltung Berlins
zur „Welthauptstadt“ Germania, die ab Mitte der 1930er-Jahre
entstanden. Die schiere Größe der damals geplanten Bauwerke sollte
die Menschen zu winzigen Figuren machen, sie einschüchtern und in der
Masse verschwinden lassen, so die Forscherin. Die Architektur dieser
Gebäude sei derart groß ausgefallen, sodass das Individuum nicht mehr
zähle – und nicht mehr gesehen und gehört werden könne.

Parlament erleben: Täglich Führungen und weitere Angebote

Im vergangenen Jahr nutzten 271.498 Menschen die Gelegenheit, das
Parlamentsgebäude bei kostenlosen Führungen aus nächster Nähe
kennenzulernen. Führungen werden täglich angeboten, in mehreren
Sprachen abgehalten und widmen sich unterschiedlichen
Themenschwerpunkten. Teile des Hauses können auch selbstständig
erkundet werden. An Plenartagen besteht die Möglichkeit, Sitzungen
des Nationalrats und des Bundesrats live mitzuerleben. Ein besonderer
Höhepunkt ist der Tag der offenen Tür am Nationalfeiertag, dem 26.
Oktober: Von 10 bis 16 Uhr öffnet das Parlament seine Türen und heißt
tausende Besucherinnen und Besucher willkommen. (Schluss) bea

HINWEIS: Unter dem Titel „teilhaben teilsein“ rückt das Parlament
die gesellschaftspolitische Teilhabe von jungen Menschen in den
Mittelpunkt. Mehr Informationen zum Jahresschwerpunkt 2026 finden Sie
unter www.parlament.gv.at/jahresschwerpunkt

Fotos von diesem Interview finden Sie im Webportal des Parlaments
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