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SOS Mitmensch-Bericht: So können patriarchale und gewaltfördernde Tendenzen bei Burschen verhindert werden

Wien (OTS) – SOS Mitmensch hat rund ein Dutzend Expert:innen aus
Schulen und der
Burschenarbeit befragt, wie patriarchale Rollenverständnisse und
gewaltfördernde Tendenzen bei Burschen zurückgedrängt werden können.
In einem 52-seitigen Bericht nennen die Expert:innen mehr als zwanzig
effektive Maßnahmen und fordern von der Politik eine verstärkte
Unterstützung für antipatriarchale Burschenarbeit ein.

„Burschen, die patriarchal auftreten und sich über Besitzdenken,
Ehre und Gewalt definieren, sind ein erhebliches gesellschaftliches
Problem, aber keineswegs ein Naturgesetz. Unser Bericht zeigt, dass
es klare Lösungswege gibt, um die soziale Kompetenz, Fürsorglichkeit
und Kooperationsbereitschaft von Burschen zu stärken und sie von
gewaltfördernden patriarchalen Rollenbildern zu lösen. Viele Burschen
leiden auch selbst unter den toxischen patriarchalen
Rollenerwartungen, mit denen sie konfrontiert werden“, erklärt
Alexander Pollak, Sprecher von SOS Mitmensch.

Drei Schuldirektor:innen, drei auf Genderthemen spezialisierte
Lehrer sowie fünf Expertinnen und Experten aus der
sozialarbeiterischen Burschen- und Männerarbeit geben im Burschen-
Bericht von SOS Mitmensch Auskunft darüber, wie in
Bildungseinrichtungen die soziale und emotionale Kompetenz von
Burschen gefördert und patriarchalen Rollenverständnissen
entgegengewirkt werden kann. So solle etwa das Sprechen über Gefühle
und Konflikte fixer Teil des Schulalltags sein, ebenso eine
demokratische Vereinbarungskultur. Darüber hinaus betonen die
Expert:innen die große Bedeutung der Aufarbeitung von
Gewaltvorfällen. Wichtig sei auch das breite Ausrollen von Workshops,
die sich mit Konfliktvermeidung und Sexualpädagogik beschäftigen.
Insgesamt plädieren die Expertinnen und Experten für mehr Ressourcen
für Beziehungsarbeit und soziales Lernen an Schulen, mehr
Gewaltpräventionsarbeit sowie die Einführung eines gemeinsamen
Ethikunterrichts. Wichtig sei darüber hinaus die Stärkung
außerschulischer Burschenarbeit und der Kampf gegen frauenfeindliche
Influencer in sozialen Netzwerken.

Thomas Angerer, Direktor der HTL Wien West, betont, dass Burschen
ernst genommen werden wollen. „Wenn man ihnen respektvoll und auf
Augenhöhe gegenübertritt, hat man schon viel gewonnen. Zugleich
braucht es eine klare Grundsatzhaltung gegen Fehlverhalten. Dazu
genügt es nicht, auf Vorfälle zu reagieren, wir müssen auch präventiv
arbeiten. Wir holen uns flächendeckend Gewalt- und Suchtpräventions-
Workshops sowie Safer-Internet- und Demokratie-Workshops an die
Schule.“

AHS-Lehrer Patrick Osterkorn streicht die wichtige Rolle von
sozialem Lernen hervor: „Soziales Lernen ist das Um und Auf und muss
von Anfang an trainiert und geübt werden. Das sollte in Form von
Fächern wie ‚Kommunikation-Kooperation-Konfliktlösung‘ geschehen,
aber auch integriert in allen Unterrichtsfächern.“

Alexander Blaschek, Mittelschul-Beratungslehrer in Wien, erklärt,
dass „Burschen Räume brauchen, in denen sie Gefühle wie Angst, Trauer
und Unsicherheit ausdrücken können und diese als legitim anerkannt
werden“. Darüber hinaus solle Burschen „durch reflexionsorientierte
Burschenarbeit“ ermöglicht werden, Geschlechterrollen zu
hinterfragen.

Der Geschäftsführer des Vereins „Neuer Start“, Shokat Walizadeh,
betont: „Es braucht Räume, in denen Männlichkeit nicht auf Härte,
Dominanz und Abwertung beruht, sondern sie Verlässlichkeit, Fürsorge
und auch Gleichberechtigung erfahren.“

Erika Tiefenbacher, Direktorin der Mitteschule Währing, sieht in
Klassendemokratie ein wichtiges Tool, um Gleichberechtigung zu
vermitteln. „Man macht sich gemeinsam Regeln aus und jede Stimme ist
dabei gleich viel wert. Es ist auch ein Rahmen, um Burschen und
Mädchen zu motivieren, problematische Verhaltensmuster toxischer
Männlichkeit aktiv anzusprechen.“

Simon Březina, Projektleiter beim Verein White Ribbon Österreich,
betont die entscheidende Rolle der Umfeldbedingungen: „Wenn Schulen
oder auch Arbeitgeber:innen eine Umgebung schaffen, wo Werte wie
Rücksichtnahme, Verständnis, Wertschätzung wichtig sind, kann
aggressives und gewaltvolles Verhalten nachhaltig reduziert werden.“
Darüber hinaus sei eine gute Aufarbeitung von Gewaltvorfällen die
wirksamste Form der Prävention, so Březina.

Tara Pire, Obfrau beim Verein „Poika“, weist darauf hin, dass die
bestehenden Workshop-Angebote aus der gendersensiblen Burschenarbeit
den Bedarf bei weitem nicht abdecken können. „Wir können der
Nachfrage nicht nachkommen und das ist nicht nur bei uns so“, fordert
Pire den strukturellen Ausbau entsprechender Angebote.

SOS Mitmensch-Sprecher Pollak betont, dass die im Burschen-
Bericht festgehaltene „geballte Expertise“ der Expertinnen und
Experten „ein echter Game-Changer sein kann, um Gleichberechtigung an
Schulen zu stärken und gewaltfördernde Faktoren zurückzudrängen“.
Dazu müsse die Politik die am Tisch liegenden Forderungen und Best-
Practice-Vorschläge ernst nehmen und umsetzen, regt Pollak einen
runden Tisch von Politik und Burschen-Expert:innen an.

Den gesamten Bericht finden Sie hier:
https://www.sosmitmensch.at/expert-innenbericht-burschen-befreien