Wien (OTS) – Eine aktuelle Studie der Gemeinsamen Forschungsstelle
der
Europäischen Kommission (Joint Research Centre, JRC) beleuchtet die
Folgen der EU-Pläne zur Verschärfung der Regelungen bei den
Rückstandshöchstgehalten (MRL-Werte) von Wirkstoffen, die in der EU
nicht genehmigt sind. Das Ergebnis: Je nach Anpassungsmöglichkeiten
der Produzenten in Drittstaaten könnten die Auswirkungen auf den
internationalen Handel, die landwirtschaftliche Produktion vor Ort
und Verbraucherpreise v.a. bei Kaffee und Zitrusfrüchten erheblich
sein. Passen Drittländer die Produktion nicht an, könnten die EU-
Importe von Zitrusfrüchten um bis zu 92 Prozent sinken, während die
Verbraucherpreise um 85 Prozent steigen. Bei Kaffee weist das Modell
sogar einen Preisanstieg von bis zu 332 Prozent aus. „Das wäre ein
harter Schlag für die Kaffeehauskultur in Österreich“, so IGP-Obmann
Christian Stockmar, der die Pläne der EU kritisiert: „Mit dem Food
and Feed Safety -Omnibus drohen weitere Verschärfungen. Die EU
wiederholt also ihre Fehler: Zuerst regulieren, dann Folgen
abschätzen. Das wird der nächste Rückschlag für die
Versorgungssicherheit und den Wirtschaftsstandort.“
Tropisches Klima stellt den Pflanzenschutz vor andere
Herausforderungen
Die Studie zeigt: Wer europäische Produktionsstandards weltweit
zur Voraussetzung für den Handel macht, sollte die Konsequenzen
entlang der gesamten Versorgungskette berücksichtigen. Kaffee, Kakao,
Tee, Reis, Gewürze oder tropische Früchte wie Bananen, Orangen oder
Zitronen wachsen unter völlig anderen Bedingungen als unsere
heimischen Kulturen. Sie sind daher auch anderen Schaderregern
ausgesetzt und es bedarf anderer Wirkstoffe und Lösungen im
Pflanzenschutz. Werden Produktionsstandards ohne Berücksichtigung
dieser Unterschiede festgelegt, hat das Auswirkungen auf
Verfügbarkeit, Lieferketten und Preise.
Während große Teile Europas durch ausgeprägte Jahreszeiten und
eine winterliche Vegetationspause geprägt sind, herrschen in
tropischen und subtropischen Regionen ganzjährig günstige
Wachstumsbedingungen. Das gilt allerdings nicht nur für
Kulturpflanzen. Hohe Temperaturen und Luftfeuchtigkeit begünstigen
auch die Entwicklung von Insekten, Pilzkrankheiten und Unkräutern.
Mehrere Vegetations- und Erntezyklen pro Jahr führen zusätzlich dazu,
dass Schaderreger kontinuierlich geeignete Wirtspflanzen vorfinden.
Entsprechend unterscheiden sich auch die Anforderungen an den
Pflanzenschutz. Eine Tatsache, die im Diskurs beharrlich ignoriert
wird.
EU kehrt Wissenschaft und Realität den Rücken zu
Besonders kritisch sieht die IGP die doppelt negative Entwicklung
bei der Versorgungssicherheit: „Die EU lässt mit ihrer Regulierung
keine Innovation in Europa zu, weshalb das Risiko für enorme
Ernteeinbußen seit Jahren ansteigt. Die Landwirte sind gegenüber
vielen Schaderregern machtlos und viele sperren zu, wie der aktuelle
Grüne Bericht zeigt. Gleichzeitig schwächt man mit Maßnahmen wie
diesen die eigene Rolle am Weltmarkt, weil andere Regionen als
Konkurrenten keine teuren Produktionsumstellungen fordern. Das ist
höchst fahrlässig und bedarf dringend eines Umdenkens.“
Die IGP sieht sich in ihrer Forderung nach einer differenzierten
Betrachtung sogenannter Spiegelklauseln bestätigt: „Eine Nicht-
Genehmigung in der EU bedeutet nicht automatisch, dass ein Wirkstoff
unter den Bedingungen eines Drittstaates nicht zugelassen und
verantwortungsvoll eingesetzt werden kann. Die entscheidende Frage
sollte sein, ob ein Lebensmittel für Konsumentinnen und Konsumenten
sicher ist. Dafür gibt es Rückstandshöchstgehalte, wissenschaftliche
Risikobewertungen und Kontrollen. Eine verantwortungsvolle
Handelspolitik sollte diese Instrumente nutzen und gleichzeitig die
unterschiedlichen Produktionsbedingungen in den Herkunftsländern
berücksichtigen, anstatt die Versorgungssicherheit aufs Spiel zu
setzen.“
JRC untersucht 18 Wirkstoffe, 235 Produkte und 86 Exportländer
Die im August 2026 veröffentlichte JRC-Studie untersucht anhand
von möglichen Szenarien die wirtschaftlichen Folgen einer Absenkung
der Rückstandshöchstgehalte für bestimmte, in der EU nicht genehmigte
Pflanzenschutzmittel-Wirkstoffe auf die analytische
Bestimmungsgrenze. Die Analyse umfasst 18 Wirkstoffe, 235
landwirtschaftliche Produkte und 86 Exportländer. Das JRC modelliert
mehrere Szenarien, die sich vor allem darin unterscheiden, in welchem
Umfang Produzenten außerhalb der EU ihre Produktionsverfahren an die
strengeren europäischen Anforderungen anpassen können. In einem
Extremszenario, in dem keine Anpassung der Produktionsverfahren
erfolgt und die betroffenen Handelsströme vollständig zum Erliegen
kommen, würden die gesamten Agrarimporte der EU laut JRC um rund 41
Prozent zurückgehen.