Wien (OTS) – Der Nationalrat hat am 23. September das Gesetzespaket
„Arbeiten im
Alter“ beschlossen. Kern ist ein Steuerfreibetrag für alle, die das
gesetzliche Pensionsalter bereits erreicht haben und dennoch
weiterarbeiten.
Die Jahre davor sehen anders aus. Im September waren 306.624
Menschen arbeitslos, um 2,5 Prozent mehr als ein Jahr davor. Die Zahl
der langzeitbeschäftigungslosen arbeitslosen Personen stieg mit 11
Prozent deutlich stärker, auf 104.101 Menschen. Damit ist bereits ein
Drittel aller arbeitslosen Menschen langzeitbeschäftigungslos. Mit
dem Alter verfestigt sich Arbeitslosigkeit zusätzlich: Bei den über
50-Jährigen sind 46,6 Prozent langzeitbeschäftigungslos, bei den 60-
bis 64-Jährigen 55,3 Prozent. In dieser Altersgruppe stieg die Zahl
der langzeitbeschäftigungslosen Arbeitslosen binnen eines Jahres um
23 Prozent. Am deutlichsten zeigt sich die Entwicklung bei Frauen.
Ihre Arbeitslosigkeit stieg im September um 6 Prozent, jene der
Männer ging um 0,6 Prozent zurück. Bei den 60- bis 64-jährigen Frauen
beträgt das Plus 35,7 Prozent oder 2.236 Personen, bei der
Langzeitbeschäftigungslosigkeit in dieser Gruppe 48 Prozent oder
1.418 Personen.
Der hohe relative Anstieg erklärt sich auch daraus, dass diese
Altersgruppe bis vor Kurzem großteils bereits in Pension war. Das AMS
nennt als Ursachen die schrittweise Anhebung des
Pensionsantrittsalters für Frauen, die seit 2024 läuft, und den
überdurchschnittlichen Anstieg der Arbeitslosigkeit in Branchen in
denen viele Frauen arbeiten, wie Gesundheit und Handel.
„Die Anhebung des Frauenpensionsalters ist beschlossen und sie
läuft. Damit ist auch entschieden, dass Frauen fünf Jahre länger
Erwerbsarbeit brauchen. Diese Arbeitsplätze entstehen gerade nicht“ ,
sagt Sabine Rehbichler, Geschäftsführerin von arbeit plus – Soziale
Unternehmen Österreich.
„Es fehlt nicht an Frauen, die arbeiten wollen. Es fehlt an
Unternehmen, die sie einstellen“ , so Rehbichler. „ Laut
Arbeiterkammer beschäftigt mehr als die Hälfte der größeren und
mittleren Betriebe keine einzige Frau über 60.“
Zwtl.: Was das Paket für die Zeit vor der Pension vorsieht
Positiv wertet arbeit plus, dass das Paket auch Mittel für die
Zeit vor der Pension vorsieht: bis zu 100 Millionen Euro jährlich ab
2027 für Beihilfen, Maßnahmen und Beschäftigungsprojekte,
insbesondere zur Schaffung und Förderung von Arbeitsplätzen für
ältere Personen. Dazu kommt der Arbeitsmarkt-Transformationsfonds
beim Arbeitsmarktservice mit 26,7 Millionen Euro für 2028 und 54,6
Millionen Euro für 2029. Er soll Qualifizierung und
Beschäftigungsbeihilfen fördern, um Umbrüche in der Arbeitswelt,
insbesondere Digitalisierung und Dekarbonisierung, besser zu
bewältigen. Die inhaltliche Ausgestaltung steht noch bevor.
„Erfahrungswerte dazu, welche Angebote Menschen mit erschwertem
Zugang zum Arbeitsmarkt weiterbringen, liegen vor: Das
Bildungszentrum Salzkammergut in Ebensee erreicht in einer
strukturschwachen Region rund 40 Prozent Vermittlung, in der
Zusammenarbeit von Caritas, AMS und SPAR entstehen Fachkräfte für den
Lebensmitteleinzelhandel “, so Rehbichler. „Diese Erfahrungen sollten
in die Ausgestaltung einfließen.“
Ob daraus nachhaltige Beschäftigung wird, entscheidet sich beim
Übergang in den ersten Arbeitsmarkt. Dafür ist auch die Kostenseite
der Unternehmen relevant: Mit dem Budgetbegleitgesetz wird die
Arbeitskraft Älterer ab 2028 teurer, während Menschen in Pension
steuerlich begünstigt werden. Ergänzend braucht es ein Instrument,
das die Unternehmen selbst adressiert.
„Für Unternehmen wird ausgerechnet die Beschäftigung jener Gruppe
teurer, deren Weg zurück in Beschäftigung ohnehin am längsten dauert,
während die Weiterarbeit in der Pension steuerlich entlastet wird.
Dabei kommt Beschäftigung ab 50 mehrfach zurück, für die Menschen,
für die Wirtschaft und für den Sozialstaat“ , sagt Manuela Vollmann,
Vorstandsvorsitzende von arbeit plus Österreich.
Zwtl.: Was es jetzt braucht
„Das Gesetz heißt Arbeiten im Alter, beinhaltet aber bislang vor
allem das Arbeiten in der Pension“ , sagt Rehbichler. Daher brauche
es so Vollmann und Rehbichler folgende Ergänzungen:
1. Bonus-Malus: Wer Ältere einstellt, wird entlastet
Es braucht ein Bonus-Malus-System für die Anstellung von Menschen ab
50 und ab 60. Das Pensionsantrittsalter verschiebt sich nach hinten,
und wer in Programmen Sozialer Unternehmen unterstützt wird, soll
danach auch eine langfristige Perspektive haben.
arbeit plus fordert ein System, das die Lohnnebenkosten an die
tatsächliche Beschäftigung Älterer koppelt: Unternehmen, die
Verantwortung übernehmen, werden entlastet, Unternehmen, die sie
abgeben, zahlen dafür. Drei von vier Betrieben in Österreich
beschäftigen niemanden über 60, arbeitslose Menschen zwischen 60 und
64 sind im Schnitt bereits 431 Tage beim AMS gemeldet.
„In unseren Sozialen Unternehmen arbeiten Frauen, die am
regulären Arbeitsmarkt aktuell niemand einstellt“ , sagt Vollmann. „
Sie sind kollektivvertraglich angestellt und zahlen Beiträge. Das ist
besser als jedes Jahr in Arbeitslosigkeit, für die Frauen und für das
Budget.“
2. Altersarmut verhindern: Jedes Jahr ohne Erwerbsarbeit
verkleinert die Pension
Eigenständige Alterssicherung entsteht über Erwerbsarbeit, und jedes
Jahr ohne sie verkleinert die spätere Pension. Frauen erhalten laut
Sozialministerium und Arbeiterkammer im Schnitt um 39,4 Prozent
weniger Pension als Männer, nach EU-SILC 2025 sind 18,7 Prozent der
Frauen ab 65 armutsgefährdet.
Auf dem Pensionskonto werden 1,78 Prozent der Beitragsgrundlage
gutgeschrieben, bei Arbeitslosengeld jedoch nur von 70 Prozent der
Bemessungsgrundlage, bei Notstandshilfe von 64,4 Prozent. Nach mehr
als einem Jahr Notstandshilfebezug sind es seit dem heurigen Budget
nun nur noch 48,3 Prozent. Einer Studie des WIFO im Auftrag der
Arbeiterkammer zufolge traten 72 Prozent der Frauen 2022 direkt aus
einer Beschäftigung in die Pension über, bei den übrigen 28 Prozent
lagen davor Erwerbslücken von durchschnittlich 8,4 Jahren, bei
Männern in derselben Situation 5,6 Jahre.
„Damit 2028 Wirkung entsteht, braucht es diese Angebote auch
2027. Eine aktive Arbeitsmarktpolitik sichert bestehende
Beschäftigung ab und baut darauf auf. Beschäftigung ab 50 ist kein
Sozialprogramm, sie ist Arbeitskräftesicherung und demokratischer
Kitt. Solange die Beschäftigungschancen ab 50 nicht mitsteigen,
verlängert ein höheres Antrittsalter nicht das Erwerbsleben, sondern
die Zeit davor ohne Arbeit“ , so Vollmann.
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