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Verfassungsschutz: Siebter Präventionsgipfel zu nihilistisch motivierter Gewalt und Extremismus im digitalen Raum

Wien (OTS) – Das von der Direktion Staatsschutz und Nachrichtendienst
(DSN)
koordinierte „Bundesweite Netzwerk Extremismusprävention und
Deradikalisierung“ (BNED) veranstaltete am 15. Oktober 2026 in Wien
den siebten Präventionsgipfel. Unter dem diesjährigen Leitthema
„Nihilistisch motivierte Gewalt und Extremismus – Gefahr im digitalen
Raum“ setzte die Veranstaltung ein deutliches Zeichen gegen die
Radikalisierung in digitalen Subkulturen. Neben klassischen
extremistischen Strömungen gewinnt die sogenannte nihilistisch
motivierte Gewalt an Bedeutung. Dabei rückt die feste politische oder
religiöse Ideologie zunehmend in den Hintergrund, während die
Faszination für Gewalt und destruktive Weltbilder in den Vordergrund
tritt – ein Phänomen, das insbesondere junge Menschen im digitalen
Raum betrifft. Ziel der Veranstaltung war es, gemeinsam mit
Fachexpertinnen und Fachexperten aus Forschung, Sicherheit und
Zivilgesellschaft aktuelle Problemfelder zu analysieren und effektive
Gegenmaßnahmen gegen die neue Form der nihilistisch motivierten
Gewalt zu entwickeln.

„Kriminalität und Extremismus werden jünger und digitaler. Neben
dem Social-Media-Verbot muss auch die Aufklärung und Sensibilisierung
von Kindern und Jugendlichen eine wesentliche Rolle spielen“,
erklärte Innenminister Gerhard Karner.

Staatssekretär Jörg Leichtfried unterstrich die Bedeutung der
Sensibilisierung im sozialen Umfeld: „Sicherheit ist eine
gesamtgesellschaftliche Aufgabe – und sie beginnt bei der Prävention.
Dazu verfügen wir über gute und engagierte Sicherheitsbehörden,
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Pädagoginnen und Pädagogen,
Sozialarbeiterinnen und -arbeiter sowie Vertreterinnen und Vertreter
der Zivilgesellschaft. Entscheidend ist, wie wir dieses umfassend
vorhandene Wissen zusammenbringen. Denn gerade neue Phänomene wie
nihilistische Gewalt zeigen uns: wir dürfen nicht mit den Kategorien
von gestern auf die Bedrohungen von morgen reagieren.“

Die Notwendigkeit einer frühzeitigen Bedrohungserkennung wurde
bereits im Eröffnungsstatement des Generaldirektors für die
öffentliche Sicherheit, Franz Ruf, hervorgehoben: „Wir beobachten
eine starke Individualisierung und Vermischung von
Radikalisierungspfaden. Sie lassen sich schwer in die klassischen
ideologischen Kategorien einteilen. Unterschiedliche Motive,
Feindbilder und ideologische Elemente können nebeneinander bestehen
und sich gegenseitig verstärken. Die Aufgabe der Sicherheitsbehörden
besteht darin, Tendenzen richtig einzuordnen und die richten
Zusammenhänge zu erkennen. Dazu braucht es neben der Erfahrung von
Sicherheitsbehörden auch die Wissenschaft und psychologische
Expertise – darauf aufbauend eine Präventionsarbeit, die so dynamisch
ist, wie die Radikalisierungspfade, mit denen wir derzeit
konfrontiert sind.“

Welche spezifischen Herausforderungen sich aktuell für den
Verfassungsschutz ergeben, legte die DSN-Direktorin Sylvia Mayer dar:
„Wir beobachten immer stärker sogenannte post-ideologische
Radikalisierungsverläufe und somit nihilistisch motivierte Gewalt.
Die Personen zeigen eine ausgeprägte Gewaltbereitschaft und zwar
gleichermaßen im virtuellen Raum wie in der physischen Realität.
Extremismusformen dienen dabei zur Ästhetisierung und der Hass auf
die Gesellschaft meist als Doktrin. Der Verfassungsschutz begegnet
diesem Phänomen durch umfassende Prävention, vorausschauende
Früherkennung von Gefährdern und effektive Strafverfolgung. Die
effektivste Barriere stellt jedoch das Zusammenwirken
unterschiedlichster Gesellschaftsbereiche dar – nur dadurch können
wir verfassungsgefährdenden Entwicklungen wie nihilistisch
motivierter Gewalt nachhaltig begegnen.“ Im Zentrum der Betrachtung
stehe die Notwendigkeit, die Dynamiken in vernetzten Online-
Communitys und digitalen Gewaltmilieus besser greifbar zu machen, um
die innere Sicherheit effektiv zu gewährleisten.

Gewaltverherrlichung im Zentrum

Beobachtungen des Verfassungsschutzes zeigen, dass insbesondere
bei Jugendlichen oft nicht eine Ideologie der Einstieg ist, sondern
das Interesse an gewaltorientierten Videos. Antrieb sind häufig eine
tiefe Ablehnung der Gesellschaft, ein Gefühl der Sinnleere sowie
misanthropische Weltbilder.

In digitalen Communities suchen Betroffene Zugehörigkeit und
finden dort vorgefertigte Feindbilder, unter anderem Jüdinnen oder
Juden, Migrantinnen und Migranten oder Frauen. Die ideologische
Ausrichtung entwickelt sich oft erst sekundär oder als hybride
Mischung aus verschiedenen Bausteinen, wobei häufig islamistische und
rechtsextremistische Inhalte kombiniert werden. DSN-Direktorin Mayer
spricht hier von „post-ideologischen Radikalisierungsverläufen“.

Hinter dieser Entwicklung stehen oft hierarchielose,
internationale Netzwerke. Die DSN nennt in diesem Zusammenhang
insbesondere den Einfluss der kultartigen Bewegung „Order of Nine
Angles“ (Okkultismus, Satanismus, Akzelerationismus) sowie das „The-
Com-Netzwerk“ (The Community), das durch Cyberkriminalität und
physische Gewalt charakterisiert ist.

Radikalisierung wird in diesen Fällen durch digitale Mechanismen
massiv beschleunigt. Algorithmen verstärken negative Inhalte und
ziehen Nutzerinnen und Nutzer tiefer in extreme Welten. Taten werden
gefilmt, um Anerkennung in der Gruppe zu finden. Mittels
Verschleierung durch Codes, Memes oder Ironie werden extreme
Positionen normalisiert und Filtermechanismen der Plattformen
umgangen. Viele Inhalte bewegen sich knapp unterhalb der
Strafbarkeitsschwelle, untergraben aber systematisch demokratische
Werte.

Internationale Vernetzung in Online-Communitys

Im Rahmen der Keynotes beleuchtete Felix Neumann, Experte für
Extremismus- und Terrorismusbekämpfung der Konrad-Adenauer-Stiftung,
das Phänomen der nihilistisch motivierten Gewalt. Er beschrieb diese
als Dynamik in vernetzten Online-Communitys, insbesondere dem
sogenannten „Com-Netzwerk“. In diesen Gruppen prägen nihilistische
und misanthropische Überzeugungen die Tatmotivation und Zielauswahl.
Er wies darauf hin, dass die extremistische Ideologie hier als
Spektrum zu betrachten sei – von situativ übernommenen Bezügen bis
hin zu gefestigten Weltbildern.

Ergänzend dazu lieferte die zweite Keynote eine forensisch-
psychologische Einordnung junger Täter des Phänomens nihilistischer
Gewalt. Es wurde argumentiert, dass trotz der neuen Herausforderungen
durch den digitalen Raum die zentralen psychologischen Mechanismen
dahinter erklärbar bleiben.

Im ersten Panel der Veranstaltung zum Thema „Terrorismus ohne
eindeutige Ideologie? Herausforderungen der Gefahrenerkennung bei
nihilistischer Gewalt“ diskutierten die Teilnehmenden über die
Schwierigkeiten, ein sehr heterogenes und sich schnell wandelndes
Problem im Bereich der Gefahrenerkennung greifbar zu machen.

Das zweite Panel widmete sich den „Möglichkeiten und Grenzen der
Prävention von nihilistischer Gewalt im digitalen Raum“. Diskutiert
wurden dabei unter anderem die Rolle von vereinnahmenden Systemen,
Verschwörungstheorien und die Bedeutung von Medienkompetenz.

Ganzheitlicher Ansatz zur Gefahrenabwehr

Da nihilistisch motivierte Gewalt eine ernsthafte Gefahr für die
öffentliche Sicherheit darstellt, setzt das Innenministerium auf ein
Bündel an Maßnahmen aus Prävention, Früherkennung und
Strafverfolgung. Ein Schwerpunkt der DSN liegt daher auf der
Früherkennung potenzieller Gefährder sowie der engen Vernetzung mit
anderen Sicherheitsbehörden. In diesem Kontext steht die DSN in engem
Austausch mit dem Bundeskriminalamt sowie internationalen Partnern.

Die effektivste Barriere gegen diese Entwicklung ist das
Zusammenwirken aller gesellschaftlichen Bereiche, um Gefahren
frühzeitig entgegenzuwirken und verfassungsgefährdende Entwicklungen
nachhaltig zu stoppen. Die Zusammenarbeit zwischen
Sicherheitsbehörden, Zivilgesellschaft ist daher von essenzieller
Bedeutung.