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Fraktionsübergreifendes Bekenntnis im Nationalrat zur Stärkung der Lehre

Wien (PK) – Auf Verlangen der Freiheitlichen wurde der Bericht des
Wirtschaftsministers zur Situation der Jugendbeschäftigung und
Lehrlingsausbildung in Österreich 2024 und 2025 nach einer Diskussion
im Wirtschaftsausschuss auch im Plenum des Nationalrats behandelt. Im
Mittelpunkt der Debatte stand der Befund, dass die Zahl der
Lehranfängerinnen und Lehranfänger sowie die Zahl der Lehrbetriebe
2025 einen historischen Tiefststand erreicht haben.

Der Anteil von Jugendlichen, die eine Lehre beginnen, ist laut
Bericht über die Jugendbeschäftigung innerhalb weniger Jahre von rund
40 % auf unter 35 % gesunken. Die Zahl der Lehrbetriebe lag 2025 bei
rund 25.000. Um die Lehrlingsausbildung für Jugendliche und
Lehrbetriebe attraktiver zu machen und die Jugendarbeitslosigkeit zu
reduzieren, werden im Bericht eine Reihe von Maßnahmen vorgeschlagen.

In der Diskussion der Abgeordneten zeigte sich ein breiter
Konsens darüber, dass neue Wege beschritten werden müssen, um den
Bedürfnissen der Jugendlichen und der Betriebe entgegenzukommen und
die Attraktivität der Lehre zu erhöhen. Wirtschaftsminister Wolfgang
Hattmannsdorfer kündigte weitere Schritte an, um dieses Ziel zu
erreichen.

Die Freiheitlichen brachten einen Entschließungsantrag ein, der
mehr Flexibilität der Arbeitszeit für Lehrlinge forderte. Dieser
Antrag fand keine Mehrheit.

FPÖ fordert flexible Arbeitszeitmodelle für Lehrlinge

Der Rückgang der Zahl der Lehrlinge und Ausbildungsbetriebe sei
besorgniserregend, sagte Manuel Pfeifer (FPÖ). Die Antwort liege in
der Verbesserung der Rahmenbedingungen. Viele Betriebe würden auf
flexible Arbeitszeiten setzen und den Beschäftigten eine Vier-Tage-
Woche anbieten. Diese sei aber mit den Vorgaben für die Beschäftigung
von Lehrlingen nicht vereinbar. Seine Fraktion fordere daher in einem
Entschließungsantrag eine Rechtsgrundlage für flexible
Arbeitszeitmodelle auch für Lehrlinge unter 18 Jahren. Das von der
FPÖ vorgeschlagene Modell sei für Betriebe gedacht, in denen flexible
Arbeitszeitmodelle für erwachsene Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer
gelten. Die tägliche Arbeitszeit für Lehrlinge solle dabei zehn
Stunden nicht überschreiten und die wöchentliche Normalarbeitszeit
nicht ausgeweitet werden dürfen.

Auch Michael Fürtbauer (FPÖ) sprach sich dafür aus, kleineren
Betrieben die Möglichkeit zu geben, Lehrlinge im Rahmen einer Vier-
Tage-Woche zu beschäftigen. Ein zu starres Arbeitszeitmodell und ein
nachteiliger Ausbildungsschlüssel würden viele Betriebe davon
abhalten, Lehrlinge einzustellen. Dieser Sichtweise schloss sich
Maximilian Linder (FPÖ) an. Immer mehr Betriebe würden auf die
Lehrlingsausbildung verzichten, da die Rahmenbedingungen ungünstig
seien. Daher müsse man ihnen mit der Flexibilisierung der Arbeitszeit
ein Stück entgegenkommen.

Nicole Sunitsch (FPÖ) forderte mehr Unterstützung für die
Lehrlingsausbildung in den Regionen. Es sei wichtig, dass eine gute
Ausbildung nicht nur in urbanen Zentren angeboten werde. Die Lehre
dürfe jedenfalls keine Sackgasse sein, sondern müsse ein Sprungbrett
für die berufliche Zukunft bilden.

ÖVP: Brauchen breites Bündel an Maßnahmen

Die Lehrlingsausbildung sei eine der Stärken des
Wirtschaftsstandorts Österreich, auf die man stolz sein könne, sagte
Kurt Egger (ÖVP). Die Kombination von Theorie und Praxis in der
Lehrausbildung habe sich bewährt. Wichtig sei aber, gesellschaftlich
stärker zu vermitteln, dass die Lehre die Chancen für Beschäftigung
erhöhe und den Weg zum beruflichen Aufstieg eröffne.

Carmen Jeitler-Cincelli (ÖVP) sagte, die sinkenden
Lehrlingszahlen seien zweifellos alarmierend. Notwendig sei
jedenfalls ein Bündel an Maßnahmen. Eine schwache Wirtschaftslage
führe dazu, dass Betriebe zögern, Lehrlinge aufzunehmen. Eine
Attraktivierung der Lehre als zweiter Bildungsweg könnte Menschen
bewegen, auch später im Leben noch eine Lehre zu beginnen. Weiters
sollte man über die Förderung der regionalen Mobilität von Lehrlingen
nachdenken.

Betriebe müssten sich auf die Ausbildung der Lehrlinge
konzentrieren können, sagte Klaus Mair (ÖVP). Man könne von ihnen
nicht erwarten, dass sie Erziehungs- und Bildungsdefizite
ausgleichen. Wichtig sei zudem, Jugendliche und Eltern davon zu
überzeugen, dass eine praktische handwerkliche Ausbildung auch in
Zukunft einen hohen Stellenwert haben werde.

SPÖ: Betriebe, die nicht ausbilden, stärker in die Pflicht nehmen

„Facharbeiterinnen und Facharbeiter fallen nicht vom Himmel“,
sagte Reinhold Binder (SPÖ). Angesichts der sinkenden Zahl von
Lehrstellen sah auch er „die Alarmglocken schrillen“. Wer ausbilde,
müsse entsprechend unterstützt werden, darüber herrsche Einigkeit.
Die Betriebe, die die Fachkräfte von morgen suchen würden, müssten
aber selbst heute ihre Verantwortung für die Ausbildung von
Lehrlingen wahrnehmen.

Hier knüpfte Barbara Teiber (SPÖ) an. Förderungen alleine
reichten offenbar nicht aus, damit Betriebe die Verantwortung für die
Ausbildung von Fachkräften übernehmen. Sie schlug daher vor,
„Trittbrettfahrer“, die selbst nicht ausbilden wollten, aber dann
Fachkräfte von anderen Betrieben abziehen, durch ein Bonus-Malus-
System in die Pflicht zu nehmen. Überbetriebliche Lehrwerkstätten
seien zwar wichtig, aber nur die „zweitbeste Lösung“.

Roland Baumann (SPÖ) forderte Perspektiven und faire
Arbeitsbedingungen für junge Menschen. Zweifellos müsse man
Lehrbetriebe unterstützen. Bereits jetzt müssten viele Lehrlinge
unfreiwillig Überstunden leisten. Mehr Lehrstellen dürften nicht auf
Kosten der Lehrlinge gehen. Die Lösung könne jedenfalls nicht im
Abbau des Arbeits- und Jugendschutzes bestehen.

NEOS: Lehre muss an Realität der Wirtschaft angepasst werden

Im Bereich der dualen Ausbildung gebe es, trotz aller Erfolge,
auch viel zu tun, sagte Janos Juvan (NEOS). Betriebe, die ausbilden,
müssten von Bürokratie entlastet und die Rahmenbedingungen für
Berufsschulen zeitgemäß gestaltet werden. Weiters sei ein klares
Bekenntnis zur Lehre als Schritt in ein selbstbestimmtes Berufsleben
notwendig. Die Lehre müsse an die neuen Realitäten des
Wirtschaftslebens angepasst werden. Man dürfe jungen Menschen aber
durchaus etwas zutrauen und ihnen auch zumuten, hin und wieder „die
Extrameile zu gehen“.

Grüne: Müssen schon in Lehre gegen Gender Pay Gap vorgehen

Der Bericht über die Lehrlingsausbildung biete viele wichtige
Anregungen, meinte Markus Koza (Grüne). Er enthalte aber zu wenig
Aussagen über Einkommensunterschiede zwischen männlichen und
weiblichen Lehrlingen. Angaben dazu wären jedoch wichtig, um
frühzeitig Schritte gegen den Gender Pay Gap setzen zu können. Der
Bericht zeige auch Missstände auf, mit denen Lehrlinge konfrontiert
seien, wie Zwang zu Überstunden oder Mobbing und Belästigung. Wer
Fachkräfte wolle, müsse die entsprechenden Ausbildungs- und
Arbeitsbedingungen schaffen. Koza sah in den überbetrieblichen
Lehrwerkstätten eine Antwort auf die Lücke bei den Lehrbetrieben.

Dengler: Wien braucht andere Modelle als die Bundesländer

Der fraktionslose Abgeordnete Veit Dengler betonte, ein
Grundproblem sei, dass viele Jugendliche die Schule mit zu geringen
Kenntnissen verlassen würden. Dieses Defizit könne nicht durch die
Betriebe oder überbetriebliche Lehrwerkstätten ausgeglichen werden.
Zudem seien die Lehrwerkstätten ein sehr teures Modell. Da die
Rahmenbedingungen für die Jugendbeschäftigung in Wien deutlich anders
seien als in den Bundesländern, müsse der Wirtschaftsminister zwei
unterschiedliche Maßnahmenpakete schnüren.

Hattmannsdorfer: Müssen grundsätzlich Haltung zur Lehre ändern

Die Lehre stelle eine österreichische Erfolgsgeschichte dar und
trage viel zum Erfolg des Wirtschaftsstandorts Österreich bei,
betonte Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer. Wichtig sei es,
deutlich auszusprechen, dass die Lehre kein „Bildungsweg zweiter
Wahl“ sei. Sein Ressort habe bereits zahlreiche Schritte gesetzt, um
die Lehre attraktiver zu machen. Unter anderem habe man neue
Lehrberufe in stark gefragten Branchen geschaffen. Wichtig werde es
aber sein, den Betrieben zu ermöglichen, wieder Lehrlinge
auszubilden. Dazu müsse man pragmatisch über flexible Arbeitszeiten
nachdenken. Wichtig sei aber auch, das gesellschaftliche „Mindset“ zu
ändern und zu verdeutlichen, dass „eine Werkstatt genauso viel wert
wie ein Hörsaal“ und „ein Meister genauso viel wert wie ein Master“
sei. Hierfür sehe er eine gemeinsame Verantwortung. Ein Gender Pay
Gap bestehe bei Lehrlingen im Übrigen nicht. (Schluss Nationalrat)
sox

HINWEIS: Sitzungen des Nationalrats und des Bundesrats können via
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