Wien (OTS) – Der 100. Geburtstag Ingeborg Bachmanns war Anlass für
einen neuen,
gemeinsamen Deutsch-Österreichischen Lyrikpreis zur Würdigung der
deutschsprachigen Gegenwartslyrik.
Der vom Beauftragten der Deutschen Bundesregierung für Kultur und
Medien (BKM) und dem Bundesministerium für europäische und
internationale Angelegenheiten der Republik Österreich (BMEIA)
initiierte einmalige Preis zeichnet jeweils eine Lyrikerin bzw. einen
Lyriker, die/der in Deutschland oder Österreich ihren
Lebensmittelpunkt haben und in den vergangen drei Jahren Lyrikbände
herausbrachten, aus.
Die Gewinnerinnen wurden von einer unabhängigen Jury ausgewählt,
der die maßgeblichen Literaturinstitutionen und Expertinnen und
Experten beider Länder angehören: Jan Bürger (Literaturarchiv Marbach
), Bernhard Fetz (Literaturarchiv Wien), Daniela Strigl (freie
Kritikerin, Wien), Beate Tröger (freie Kritikerin, Frankfurt am Main)
, Aurélie Maurin (TOLEDO/Literarische Colloquium Berlin) sowie Ursula
Ebel und Manfred Müller (Österreichische Gesellschaft für Literatur).
Wesentliches Kriterium der Auswahl war, dass die Werke – wie
Ingeborg Bachmanns Werk und Leben – geprägt sind von der Verbindung
verschiedener poetischer Traditionen, Sprachwelten und Kulturräume.
Die Jury tagte am 28. September 2026 und wählte die deutsche
Schriftstellerin und Übersetzerin Esther Kinsky und die in Wien und
Berlin lebende Schriftstellerin und Übersetzerin Ann Cotten als
Preisträgerinnen mit folgender Begründung aus:
„Esther Kinskys Gedichtband „Heim.Statt“ benennt schon in seinem
Titel das Spannungsfeld zwischen Behaustheit und Ortlosigkeit. Sieben
mehrstimmige Langgedichte übersetzen Zustände der Entwurzelung und
Randständigkeit in eine raue, eigensinnige poetische Sprache. Was es
bedeutet, mit Zugehörigkeits- und Sprachverlust umzugehen, erkundet
die 1956 geborene Autorin und Übersetzerin virtuos. In ihrem
Durchmessen verschiedener Sprachräume steht sie in der Tradition
ihrer Vorgängerin Ingeborg Bachmann,“ so die Jury und weiter:
„Ann Cotten erhält den Lyrikpreis für „Poller. Idyllen“, ein
Buch, in dem sie den antiken Begriff der Idylle mit Klugheit, Witz
und Bravour ernstnimmt und zugleich unterläuft. Die 1982 in Ames,
Iowa, geborene Autorin hat den Band selbst illustriert, auf jeder
Seite steht oben das Gedicht, während sich unter dem Strich ein
recycelter Prosatext als botanisches Substrat verteilt. Als
Übersetzerin, Japan-Enthusiastin und Vergnügungsreisende durch die
Literaturgeschichte bewegt Ann Cotten sich mit spielerischer Neugier
zwischen den Zeiten und Kulturen und führt vor, wie eine Lyrik
aussieht, die Zeitgenossenschaft mit Eigensinn und visionärem Gespür
vereint.“
Esther Kinsky und Ann Cotten erhalten den mit jeweils 15.000 Euro
dotierten Preis für ihre beiden aktuellen Lyrikbände: „Heim.Statt“ (
Gedichte, Suhrkamp 2025) und „Poller. Idyllen“ (Suhrkamp, 2026).
Ann Cotton wurde bereits im Jahr 2012 im ersten Band der vom
BMEIA herausgegebenen Publikation schreibART AUSTRIA vorgestellt. In
dieser inzwischen vier Mal erschienen Publikation werden von einer
unabhängigen Jury Autorinnen und Autoren der jüngeren Generation
empfohlen und erhalten die Möglichkeit, ihre Arbeit im Ausland
vorzustellen.
Staatsminister Weimer und Staatssekretär Schellhorn werden den
Preis persönlich bei der feierlichen Preisverleihung am
Eröffnungsabend der Buch Wien am 25. November 2026 überreichen.
Staatssekretär Sepp Schellhorn: „Gerade in Zeiten globaler
technischer Veränderungen und den zunehmenden Einsatz künstlicher
Intelligenz müssen wir uns mit voller Kraft für den Erhalt unserer
Sprache und den kreativen Gestaltungsgeist unserer Künstlerinnen und
Künstler und insbesondere von Literaturschaffenden einsetzen. Mit
diesem Preis wollen wir ein unübersehbares Zeichen der Unterstützung
für die deutschsprachige Gegenwartslyrik und für Schriftstellerinnen
und Schriftsteller setzen.“
Zum Preis gehört auch die Teilnahme an Übersetzungswerkstätten in
Berlin am LCB und in Wien in der ÖGfL. Dort beschäftigen sich die
Preisträgerinnen gemeinsam mit Literaturübersetzerinnen und –
übersetzern insbesondere mit Sprachen und Werken, die für Ingeborg
Bachmann von besonderer Bedeutung waren. Im Mittelpunkt steht dabei
der Austausch darüber, wie sich ihre eigenen Texte in andere Sprachen
übertragen lassen und welche neuen Perspektiven dadurch entstehen.
Der Preis schafft damit auch einen Raum für literarischen und
europäischen Austausch. Zugleich knüpft er an das reiche literarische
Werk Ingeborg Bachmanns an, das bis heute weit über den
deutschsprachigen Raum hinauswirkt.
Projektträger sind auf deutscher Seite das Literarische
Colloquium Berlin e.V. (LCB) in Kooperation mit dem TOLEDO-Programm
des Deutschen Übersetzerfonds und auf österreichischer Seite die
Österreichische Gesellschaft für Literatur (ÖGfL).