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Zweifelhaftes Auktionsdesign: Warum der nationale CO2-Emissionshandel kommunale Energieversorger bedroht (FOTO)

München (OTS) – Millionenkredite, aggressive Überbietungswettbewerbe,
umstrittene
Weiterverkäufe. Dr. Thomas Haller, Energie-Experte der globalen
Strategieberatung Simon-Kucher, erklärt, wie das nEHS-Auktionsdesign
bei CO2-Zertifikaten kommunale Energieversorger unter Druck setzt,
weshalb die neue BEHG-Novelle kaum Abhilfe schafft und warum Kritik
am CO2-Preis der falsche Weg ist.

Als wäre die wirtschaftliche Sicherheit kommunaler
Energieversorger eine unwichtige Randnotiz, zeigt der nationale CO2-
Emissionshandel solche Schwächen im Marktdesign, dass die
Zwischenschaltung von Finanzinvestoren und überteuerte Weiterverkäufe
aktuell eher an die Preistreiberei bei aufgekauften Konzerttickets
erinnert. So beklagen kommunale Energieversorger zu Recht, dass sie
trotz hoher Sicherheitsleistungen und erheblicher Liquiditätsbindung
nur einen Teil der benötigten Zertifikate direkt sichern können. Der
Kampf um die übrigen Zertifikate auf dem Sekundärmarkt führt zu
erheblichem Beschaffungs- und Liquiditätsdruck.

Auch der vom Kabinett beschlossene Gesetzesentwurf zur BEHG-
Novelle, der den CO2-Preis für 2027 formal im Korridor von 55 bis 65
Euro stabilisieren soll, löst das Problem nicht. Er sichert den
Preisrahmen, aber nicht automatisch den Marktzugang. Das System droht
an der Praxis vorbeizulaufen. Denn wer Zertifikate zur
Pflichterfüllung benötigt, konkurriert mit Akteuren, die vor allem
auf Marktchancen setzen.

Kommunalen Energieversorgern wird im Rennen um CO2-Zertifikate
ein Bein gestellt

Nicht der CO2-Preis ist also das Problem, sondern ein
Marktdesign, das Preisstabilität verspricht, aber Beschaffungsrisiken
in die Stadtwerke verlagert. Während ein wirksames CO2-Preissignal
richtig und wichtig bleibt, schafft ein Preiskorridor allein keine
ausreichende Planbarkeit. Entscheidend ist, dass BEHG-verpflichtete
Unternehmen wie Stadtwerke nicht weiter gegenüber finanzstarken
Marktakteuren benachteiligt werden. Konkret: Sie müssen Zertifikate
rechtzeitig, vollständig und liquiditätsschonend beschaffen können.

Das Auktionsdesign muss so nachgeschärft werden, dass Akteure mit
realer Liefer- und Abgabeverpflichtung nicht ins Hintertreffen
geraten. Das heißt auch: Sicherheitsleistungs- und Besicherungslogik
überprüfen, Zugangshürden für verpflichtete Marktteilnehmer
reduzieren und Sekundärmarktrisiken begrenzen. Sonst wird aus einem
administrativen CO2-Aufschlag eine marktnähere Risikoposition. Hier
ist die Politik gefragt. Denn man darf von kommunalen
Energieversorgern nicht erwarten, dass sie das Rennen um CO2-
Zertifikate gewinnen und ihnen gleichzeitig ein Bein stellen.

Stadtwerke müssen CO2-Risiken in konkrete Kundenlösungen
übersetzen

Aber Stadtwerke müssen auch selbst aktiv werden. CO2 wird vom
Compliance-Thema zu einer aktiven Portfolio- und Risikoposition. Sie
müssen CO2 künftig daher wie eine Commodity-Position steuern: mit
klarer Beschaffungslogik, Pricing-Mechanik, Vertragsabsicherung,
Risikoprämie und passender Kundenkommunikation. Im Kundendialog
reicht „gesetzlich bedingt“ künftig nicht mehr aus. CO2-Kosten müssen
in konkrete Handlungsoptionen übersetzt werden – etwa Effizienz,
Wärmelösungen, Ladeinfrastruktur, Grünstrom/PPA, Speicher oder
Energiemanagement. Der größte Hebel liegt nicht im reinen
Weiterreichen von Kosten, sondern darin, CO2-Risiken in konkrete
Kundenlösungen und belastbare Vertragslogiken zu übersetzen.

CO2 ist Aufgabe der Geschäftsführung

CO2 ist dabei längst keine Fachabteilungsfrage mehr. Es wird zur
Geschäftsführungsaufgabe. Wer hier keine klare Steuerungslogik
etabliert, riskiert Margenverluste, Liquiditätsdruck und
Vertrauensverlust bei Kunden. Zertifikatsmengen, Energie- und
Gasbeschaffung, Erzeugungspositionen, Pricing, Vertragslogik und
Kundenkommunikation müssen gemeinsam gesteuert werden. Besonders
kritisch ist das Timing: Wenn CO2-Kosten während der Vertragslaufzeit
steigen oder Zertifikate teurer beschafft werden müssen als
kalkuliert, entscheidet die Vertragsmechanik darüber, ob das
Stadtwerk die Mehrkosten weitergeben kann – oder ob sie direkt
Ergebnis und Liquidität belasten. Geschäftsführungen müssen deshalb
jetzt festlegen, welche CO2-Risiken sie selbst tragen, welche sie
absichern und welche sie transparent an Kunden weitergeben.

Dr. Thomas Haller ist Senior Partner und globaler Leiter der
Chemicals, Energy und Base Materials Practice der Strategieberatung
Simon-Kucher in Wien. Sein Fokus liegt auf der Entwicklung von
Gesamtstrategien, Aufbau neuer Geschäftsmodelle, Target Operating
Model-Entwicklung und Transformation, Marketing- und
Vertriebsstrategien, Pricing sowie die Entwicklung und Positionierung
neuer Produkte im Energie- und Industriesektor. Zu seinen Kunden
zählen nationale und internationale Energieversorger und
Industrieunternehmen.

Vertiefende Informationen in Form von Interviews sind auf Anfrage
möglich.

Über Simon-Kucher

Simon-Kucher ist eine globale Unternehmensberatung mit mehr als
2.200 Mitarbeitenden in über 30 Ländern. Als verlässlicher Partner
für Commercial Excellence unterstützen wir Unternehmen dabei,
nachhaltiges und profitables Wachstum zu realisieren. Wir verbinden
tiefgehende Beratungsexpertise mit Spezialisierung auf
Wachstumsstrategien und technologischer Kompetenz, um messbare
Ergebnisse zu erzielen. Wir optimieren sämtliche Hebel der
kommerziellen Strategie – von Produkt, Pricing und Innovation bis hin
zu Marketing und Vertrieb – konsequent ausgerichtet am Kundennutzen
und der Zahlungsbereitschaft. Mit über 40 Jahren Erfahrung in der
Monetarisierung gelten wir als weltweit führende Beratung für
Commercial Growth und Pricing. simon-kucher.com

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