Wien (OTS) – Welche Risiken und vor allem Chancen bringt Künstliche
Intelligenz (
KI) für den heimischen Handel? Und wie kann es gelingen, dass
Ortskerne und Stadtzentren zukunftsfit und die Handelsunternehmen
dort für die Menschen attraktiv sind? Diese Fragen standen im
Mittelpunkt des Handelstags, zu dem die WKÖ-Bundessparte Handel
gestern in die Wirtschaftskammer Österreich eingeladen hat und der
unter dem Motto „Zwischen digitalen Welten und realen Räumen“ stand.
Mehr als 200 Teilnehmer:innen waren gekommen, um darüber mit Top-
Expert:innen aus Politik und Wirtschaft zu diskutieren.
Nach einer Videobotschaft von Bundeskanzler Christian Stocker zu
Beginn, in der er auf den Handel als tragende Säule für unsere
Wirtschaft sowie für die Städte und Gemeinden hinwies, leitete
Bundesspartenobmann Rainer Trefelik mit mutmachenden Worten ein: „Wir
haben erste Zeichen eines leichten Aufschwungs. Das ist ein gutes
Signal, auf dem wir aufbauen können.“ Dennoch seien die
Herausforderungen für den Handel groß – von der Konkurrenz durch
asiatische Plattformen bis hin zur Inflation, wo der Handel nicht der
Verursacher sei, sondern am Ende der Wertschöpfungskette steht. „Wir
brauchen daher starke Partner, um uns diesen Herausforderungen zu
stellen. Es geht darum, den Handel gemeinsam positiv
weiterzuentwickeln.“
WKÖ-Präsident Harald Mahrer wies in seinen Eröffnungsworten
darauf hin, dass mit dem Metaller-Abschluss am Vorabend des
Handelstags ein starkes Signal gesetzt worden sei. Es sei gelungen,
einen Kurswechsel einzuleiten, und dieser sei von großer Bedeutung
für die Wettbewerbsfähigkeit. Mahrer betonte zudem, dass ein solcher
Kurswechsel auch im Handel notwendig sei. Darüber hinaus müsse man
Rahmenbedingungen schaffen, die es den Unternehmen ermöglichen,
ungehindert ihrer Arbeit nachzugehen. „Es wurden immer engere
Korsette, immer mehr Auflagen geschaffen. Das drückt auch auf die
Stimmung und wirkt als negativer Multiplikator. Für die Zukunft
brauchen wir wieder mehr Freiheit und Eigenverantwortung. Das Glas
ist zu zwei Drittel voll – das müssen wir aber auch erkennen und
Unternehmen tun lassen. Wir brauchen wieder mehr Zuversicht, dann
wird auch wieder mehr Geld im österreichischen Handel ausgegeben.“
Wirtschaftsminister sicherte der Branche Unterstützung zu
Maßnahmen, die für mehr Zuversicht unter den Handelsunternehmen
sorgen, kündigte Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer in
seinem Impulsvortrag an: „Der heimische Handel ist mit über 600.000
Beschäftigten der zweitgrößte Arbeitgeber Österreichs und ein
unverzichtbarer Motor unserer Wirtschaft. Die Bundesregierung stärkt
diese zentrale Branche mit klaren Maßnahmen: Wir setzen uns in
Brüssel für die rasche Abschaffung der 150-Euro-Zollfreigrenze ein,
wir schaffen mehr Transparenz für Konsumentinnen und Konsumenten und
wir unterstützen die Branche mit gezielten Entlastungen und einem
klaren Bekenntnis zu fairen Wettbewerbsbedingungen.
Inflationsbekämpfung ist dabei ein gemeinsames Anliegen von Politik
und Handel. Mit wirksamen und verträglichen Schritten wollen wir die
Kaufkraft stärken, die Wettbewerbsfähigkeit sichern und die Lohn-
Preis-Spirale durchbrechen.“
Was der Handel selbst machen kann, um den Wünschen der
Konsument:innen noch besser gerecht zu werden, stand im Mittelpunkt
des Experten-Talks zwischen Markus Schweizer , Geschäftsführer von
Holistic Consulting, und Iris Thalbauer , Geschäftsführerin der
Bundesparte Handel. Aufbauend auf die Erkenntnisse der Studie
„Elevate Retail Design 2025 von Holistic Consulting sagte Thalbauer:
„Die Studie zeigt, dass der stationäre Handel keineswegs
abgeschrieben ist. Die Kund:innen erwarten aber, dass die Basics
stimmen, das heißt ein gut sortiertes Angebot, leichte
Erreichbarkeit, gutes Preis-Leistungsverhältnis. Das Einkaufserlebnis
ist dann die Kür.“ Digitale Tools wie etwa Bestandsabfragen,
Körperscans oder Smart Mirrows sind von vielen Kund:innen gewünscht
und können diese Erlebnisse schaffen. „Tools, die stark mit
persönlichen Daten arbeiten, werden eher abgelehnt. Es zählt mit
digitalen Tools dem Bedürfnis nach Einfachheit entgegenzukommen und
damit einen echten Mehrwert zu schaffen. Hier liegen die Chancen für
den stationären Handel“, so Thalbauer.
Staatssekretär Alexander Pröll betonte, dass „Digitalisierung der
Schlüssel für ein starkes, zukunftsfähiges Österreich“ sei. „Wenn wir
digitale Bildung fördern, Künstliche Intelligenz in der Verwaltung
einsetzen und die digitale Verwaltung konsequent ausbauen, stärken
wir die Wettbewerbsfähigkeit unseres Landes. Gleichzeitig entlasten
wir unsere Unternehmerinnen und Unternehmer – insbesondere im Handel
– durch effiziente, moderne Services. Das ist der Anspruch, den ich
an eine moderne Verwaltung stelle – und genau daran arbeite ich Tag
für Tag in der Regierung!“
Neue Sichtweise: KI steht für „kann ich“
GMV-Team-Geschäftsführer Frank Rehme, der zu den führenden
Handelsexperten Deutschlands zählt und sich auf die Schwerpunkte
Digitalisierung, Innovation und Künstliche Intelligenz (KI) im
Einzelhandel spezialisiert hat, fordert zum Ausprobieren von KI auf
sowie zur Sichtweise, dass KI für „kann ich“ steht: „KI ist kein
abstraktes Buzzword, sondern eine Einladung zum Aufbruch. Der Handel
hat die Chance, mit Mut und Tatkraft neue Wege zu gehen – wer macht,
gewinnt“, zeigte sich Rehme überzeugt und diskutierte im Anschluss,
wie mögliche Umsetzungen in der Praxis aussehen. Seine
Gesprächspartner waren dabei Martin Berghofer , Leiter der BBE
Handelsberatung Österreich, der bekannten Influencerin und
Markenbildungsexpertin Lisa Sophie Thoma sowie Valentin Grabner ,
dessen Startup Respory Bewegungsmuster im stationären Handel
vollständig anonym erfasst und die CASH înno up Startup Challenge
gewann.
Attraktive Ortskerne als soziale Drehscheibe
Den zweiten Themenblock des Tages, der sich mit dem Handel in der
„Stadt der Zukunft“ beschäftigte, eröffnete WKÖ-Generalsekretär
Jochen Danninger mit dem Hinweis auf die Bedeutung der Ortskerne als
soziale Drehscheibe, wo sich Menschen beim Einkaufen, in
Bildungseinrichtungen, auf Festen oder im Wirtshaus treffen. „In den
Ortskernen wird Gemeinschaft gelebt und Zukunft geschrieben.
Allerdings braucht es dazu mehr als schöne Fassaden. Entscheidend ist
der Mix aus Geschäften, Gastronomie, Dienstleistungen und Kultur und
damit dieser auch in Zukunft stimmt, müssen wir die Weichen heute
stellen. Das reicht von Anreizen für längeres Arbeiten und
Vollzeitarbeit über die Eindämmung von Sozialbetrug, um wieder für
Fairness im System zu sorgen, bis hin zum Abbau von Bürokratie, damit
sich die Unternehmen stärker auf ihre Kernkompetenz konzentrieren
können“, betonte Danninger.
Neben politischen Weichenstellungen, auf deren Bedeutung auch
Gemeindebund-Präsident Johannes Pressl hinwies, spielt das
Freizeitvergnügen in Innenstädten eine große Rolle – auch für den
Handel. Das zeigte Nicole Srock.Stanley auf, Expertin für Handel und
Freizeitwirtschaft sowie für Stadtentwicklung und CEO der dan
pearlman Group, eine Gruppe inhabergeführter, strategischer
Kreativagenturen mit Sitz in Berlin, die Projekte mit Fokus auf
Innovation und Transformation realisiert. Denn „die Zukunft des
stationären Handels liegt im Erlebnis. Retailer können punkten, wenn
sie multifunktionale Flächen schaffen und diese mit Storytelling,
Inszenierung und Community-Formaten aufladen“, so Srock.Stanley.
Tatsächlich sind innovative Konzepte nötig, wie Roman
Schwarzenecker , Geschäftsführer des Austrian Council of Shopping
Places (ACSP) anhand von Zahlen illustrierte: So ist der Anteil des
Einzelhandels an den Innenstadtflächen innerhalb von zehn Jahren (
2014 bis 2024) von 72,8% auf 65,5% gesunken, die Leerstandsrate
hingegen enorm gestiegen, vor allem in Kleinstädten.
In einigen Städten gelingt es allerdings, durch innovative
Konzepte erfolgreich dagegen zu halten. So hat etwa Mödling, obwohl
die Shopping City Süd sowie auch das Shoppingcenter Riverside in Wien
-Liesing ganz nah sind, die niedrigste Leerstandsrate in ganz
Österreich, aber auch Wels liegt seit Jahren unter den Top-3-Städten
mit dem niedrigsten Leerstand. Gert Zaunbauer , Wirtschaftsstadtrat
in Mödling und Kommunikationsexperte (Agentur Putz & Stingl), sowie
Peter Jungreithmair , Geschäftsführer der Wels Marketing & Tourismus
GmbH, betonten dabei die Bedeutung der Zusammenarbeit verschiedener
Player, um Innenstädte zu beleben. Mario Abl , Bürgermeister von
Trofaiach, wiederum schaffte es u.a. durch eine Bürgerbeteiligung,
der Kleinstadt in einer Abwanderungsregion wieder Attraktivität und
damit sogar ein kleines Bevölkerungswachstum zu verleihen.
Der Frage, wie lebendiger Handel in der Stadt der Zukunft
aussieht, widmete sich auch das letzte Panel des Tages. Mit dabei
waren Elisabeth Blanik , Vizepräsidentin des Städtebunds und
Bürgermeisterin von Lienz, Roland Gruber , Gründer Nonconform
Architekten, Michael Gsaller , Präsident STAMA, Expertin Nicole
Srock.Stanley sowie Gastgeber und Handelsobmann Rainer Trefelik , der
abschließend betonte: „Wenn wir weiter attraktive Innenstädte haben
wollen, braucht es gute Erreichbarkeit, weniger politische
Veranstaltungen, die vom Stadtbummel abschrecken, und wir müssen auch
bei unseren Kindern und Jugendlichen ansetzen. Es braucht das
Mindset, dass stationärer Handel auch in die Stadt der Zukunft ein
wichtiger Bestandteil ist.“ (PWK389/DFS)
Zur Foto-Rückschau des spannenden Handelstags 2025, den Ina
Sabitzer moderierte und Roman Seeliger , Rechtsexperte der
Bundessparte Handel sowie Pianist und Comedian, musikalisch
begleitete, geht es hier .