Wien (OTS) – Vor zwei Jahren hat Wien begonnen, gezielt Forschung zu
ME/CFS zu
fördern. Heute zeigt sich, was daraus geworden ist: Der Wiener
Wissenschafts-, Forschungs- und Technologiefonds (WWTF) vergibt
gemeinsam mit der WE&ME Stiftung zwei Consolidation Grants mit
jeweils rund einer Million Euro, die bisher größten Einzelförderungen
für ME/CFS-Forschung in Österreich. Bürgermeister Michael Ludwig
präsentierte die Projekte heute, Dienstag, gemeinsam mit WWTF-
Präsident Michael Häupl und Gerhard Ströck, Vorstand der WE&ME
Stiftung, im Festsaal des Wiener Rathauses. Seit 2024 haben der WWTF
und die WE&ME Stiftung gemeinsam rund 3,1 Millionen Euro für die
ME/CFS-Forschung in Wien bereitgestellt. „ME/CFS ist keine seltene
Erkrankung“, betonte Ludwig. In Österreich sind schätzungsweise
70.000 bis 80.000 Menschen betroffen, mehr als an Multipler Sklerose.
Rund 60 Prozent der Betroffenen sind teilweise arbeitsunfähig, etwa
ein Viertel ist ans Haus oder ans Bett gebunden. Dennoch gebe es
bisher wenig Forschung dazu. „Genau hier greift die Stadt ein. Wo
Wissen fehlt, muss Forschung ansetzen. Gesundheit heißt für uns
beides: exzellente Forschung und eine Versorgung, die bei den
Menschen ankommt“, sagte der Bürgermeister.
Zwtl.: Neue Köpfe für ein vernachlässigtes Feld
Der WWTF könne als lokaler Forschungsförderer schnell und gezielt
dort ansetzen, wo andere Lücken lassen, erklärte WWTF-Präsident
Michael Häupl. „ME/CFS war so eine Lücke: viele Betroffene, kaum
Forschung, kaum Förderung.“ Auf sieben explorative Projekte im Jahr
2024 (700.000 Euro) folgten 2025 der Aufbau einer ME/CFS-Biobank an
der MedUni Wien (200.000 Euro), 2026 sechs Fellowships für junge
Forscher*innen (233.000 Euro) und nun die beiden Consolidation
Grants.
Ein Ziel sei von Anfang an gewesen, dass ME/CFS für Forscher*
innen keine wissenschaftliche Sackgasse ist. „Wir wollten neue Leute
in dieses Feld holen. Das ist gelungen: Beide Projektleiter, die
gefördert werden, hatten vor unserer ersten Förderrunde keinen Bezug
zu ME/CFS. Heute gehören sie und ihre Teams zu sehr aktiven Gruppen
in Österreich“, so Häupl.
Die Projekte wurden von einer internationalen Expert*innenjury
ausgewählt. Ein besonderes Novum des Vergabeverfahrens: Erkrankte
Wissenschafterinnen und Wissenschafter aus dem internationalen
Science4ME Forum waren als Patienten-Expertinnen und -Experten Teil
der Begutachtung.
Zwtl.: Philanthropisches Engagement aus persönlicher Betroffenheit
Die WE&ME Stiftung der Familie Ströck ist aus persönlicher
Betroffenheit – zwei erwachsenen Söhne sind an ME/CFS erkrankt – und
der Erfahrung entstanden, dass es für Patient*innen und Angehörige
kaum Anlaufstellen, kaum Diagnostik und nur wenig Forschung gibt, die
das ändern könnte, erklärte Gerhard Ströck. Deshalb habe man sich
entschieden, auf Grundlagenforschung zu setzen, die versucht die
zentralen Mechanismen der Erkrankung zu entschlüsseln und auch die
Betroffenen selbst ernst nimmt. „Der WWTF bringt mit, was eine
Stiftung allein nicht hat: Erfahrung mit Förderverfahren,
internationale Begutachtung, eine transparente Auswahl. Für unsere
Spenderinnen und Spender heißt das: Jeder Euro fließt in Forschung,
die internationalen Standards standhält“, so Ströck.
Zwtl.: Vom Vorprojekt zum großen Vorhaben
Wie aus einer ersten Projektförderung ein langjähriges Projekt
wird, zeichnete im Anschluss Lukas Haider von der MedUni Wien nach.
Er kommt ursprünglich aus der Multiple-Sklerose-Forschung. „ME/CFS
hat bis heute keinen etablierten Biomarker und keine ursächliche
Therapie. Ohne gezielte Förderung kommt niemand in dieses Feld, weil
es keine Vorarbeiten gibt, auf denen man aufbauen kann. Der WWTF hat
genau diese Vorarbeiten finanziert“, sagte Haider.
Im Vorprojekt fand sein Team Hinweise darauf, dass bei ME/CFS-
Patient*innen unter kontrolliertem Sauerstoffmangel die
Energieversorgung in Gehirn und Muskulatur versagt, während Gesunde
dies ausgleichen. Das neue Projekt ME-RESET (Lukas Haider, Martin
Krššák, Kathrin Kollndorfer; 36 Monate, 999.930 Euro) soll klären, wo
genau dieses Versagen entsteht, ob es an der Durchblutung oder an den
Mitochondrien liegt und ob es sich durch Sauerstoffzufuhr teilweise
umkehren lässt. Dafür werden Patient*innen in einer randomisierten
Studie mit Multiorgan-MRT, MR-Spektroskopie und Blutmarkern
untersucht. Es geht um einen Krankheitsmechanismus, nicht um eine
fertige Therapie.
Das zweite Projekt (Matthias Wielscher, Kathryn Hoffmann; 36
Monate, 999.169 Euro) geht der Frage nach, ob bei einem Teil der
Menschen mit ME/CFS-Diagnose eine bisher unerkannte seltene
genetische Erkrankung vorliegt. Dafür baut das Team eine
österreichische Kohorte auf und untersucht sie mit
Ganzgenomsequenzierung. Ein neues „ME/CFS Rare Disease Board“
bewertet die Befunde. Ziel ist eine präzisere Diagnostik.
Zwtl.: Die MedUni Wien als Dreh- und Angelpunkt
„Uns ist wichtig, Grundlagenforschung und Relevanz für die
Patientinnen und Patienten zusammenzubringen. Dafür braucht es ein
Umfeld, in dem Klinik und Grundlagenforschung direkt
zusammenarbeiten. Das haben wir hier“, sagte Michaela Fritz,
Vizerektorin für Forschung und Innovation der MedUni Wien. Die MedUni
Wien ist seit September 2024 auch Sitz des Nationalen
Referenzzentrums für postvirale Syndrome, das im Auftrag des
Gesundheitsministeriums Gesundheitsberufe in ganz Österreich
informiert. Geleitet wird es von Eva Untersmayr-Elsenhuber und
Kathryn Hoffmann.
Zu den Projekten:
https://wwtf.at/funding/programmes/ei/ME-CFS-CC26-003/
https://wwtf.at/funding/programmes/ei/ME-CFS-CC26-004/
Zwtl.: Ab 2027: PAIS-Zentrum in Wien
Mit dem PAIS-Zentrum schafft der Wiener Gesundheitsverbund eine
spezialisierte, Anlaufstelle für Menschen mit post-akuten
Infektionssyndromen, kurz PAIS, wie etwa Post COVID und ME/CFS.
„Bisher mussten Betroffene oft aktiv nach Ärztinnen und Ärzten
suchen, die die Erkrankung kennen. Das Zentrum wird die erste
spezialisierte Anlaufstelle in Wien. Am Anfang stehen Diagnose,
Symptommanagement und Begleitung“, sagte Michael Binder,
Medizinischer Direktor des Wiener Gesundheitsverbundes.
Die Versorgung startet ab Sommer 2027 in einer ersten Ausbaustufe
und steht ab Mitte 2028 in der finalen Ausbaustufe vollumfänglich zur
Verfügung. Das Zentrum verbindet medizinische Versorgung und
therapeutische Begleitung auf Basis der aktuellen Leitlinien.
„Wien fördert die wichtige Forschungsarbeit und unterstützt auch
die Betroffenen vor Ort. „Mit dem PAIS-Zentrum greifen in Wien
Forschung, Fachwissen und Versorgung an einem Standort ineinander“,
sagte Bürgermeister Ludwig abschließend
Zum PAIS-Zentrum: https://gesundheitsverbund.at/pais-zentrum-
wien/
Zwtl.: Über ME/CFS
ME/CFS (Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom)
ist eine schwere neuroimmunologische Multisystemerkrankung, die von
der WHO seit 1969 als neurologische Erkrankung klassifiziert ist (ICD
G93.3). Kernsymptom ist die Post-Exertional Malaise (PEM): Schon nach
geringer körperlicher oder geistiger Belastung verschlechtert sich
der Zustand der Betroffenen deutlich, meist zeitverzögert um 24 bis
72 Stunden. Aktivierung oder Training verschlimmern die Erkrankung;
empfohlen wird Pacing, also ein angepasstes Energiemanagement. ME/CFS
tritt häufig nach Virusinfektionen auf, auch nach COVID-19. Eine
ursächliche Therapie gibt es bisher nicht.