Bandırma/Wien (OTS) – Der Fall geht derzeit um die Welt: Ein über 50
Jahre alter Frachter
mit togolesischer Flagge, beladen mit fast 3.000 Rindern aus Uruguay,
liegt seit Wochen vor der türkischen Küste fest. Dutzende Tiere sind
bereits verendet, die Zustände an Bord gelten als katastrophal. Die
„Spiridon II“ ist zum Symbol für das Versagen internationaler
Tiertransporte geworden – Recherchen von The Marker führen zu einer
möglichen Beteiligung eines Unternehmens aus Österreich.
Wie The Marker recherchiert hat, könnte das Unternehmen an der
Organisation oder Durchführung des Rinderexports maßgeblich beteiligt
gewesen sein – möglicherweise im Auftrag oder als Partner der
uruguayischen Exportfirma Ganosan. Die The Marker vorliegenden
Informationen legen eine direkte operative Rolle nahe.
Zwtl.: Mindestens 58 Rinder tot – Internationale Kritik wächst
Die „Spiridon II“ wurde am 22. Oktober 2025 in Bandirma (Türkei)
gestoppt, nachdem bei fast 500 Rindern gravierende
Dokumentationsmängel festgestellt wurden. Über 100 Tiere trugen keine
Ohrmarken, bei den anderen stimmten die Kennungen nicht mit den
Begleitpapieren überein. Die türkischen Behörden verweigerten die
Einfuhr – seitdem sitzt das Schiff fest.
Ein Zwischenstopp zum Nachladen von Futter wurde am 8. November
erlaubt – die Tiere blieben jedoch an Bord. Laut Gerichtsakten sind
seither mindestens 58 Rinder verendet. Zudem erlitten 140 trächtige
Tiere während der Überfahrt Fehlgeburten. 50 neugeborene Kälber
wurden lebend gefunden, weitere 90 geborene Kälber blieben laut
Kapitän unauffindbar.
Mehrere NGOs, darunter die Animal Welfare Foundation, drängen auf
eine sofortige Entladung der Tiere. Projektleiterin Maria Boada Saña,
die den Fall genau beobachtet, warnt: „Nach der wochenlangen
Überfahrt von Uruguay in die Türkei sind die Tiere ohnehin
geschwächt. Jede weitere Verzögerung bedeutet massives Tierleid.“
Zwtl.: Österreichs Exportpolitik: Hochrisiko-Märkte trotz bekannter
Probleme
Recherchen von The Marker zeigen, dass das österreichische,
mutmaßlich in Uruguay beteiligte Unternehmen, auch Rinder aus
Österreich nach Algerien exportiert. Laut Statistiken der Rinderzucht
Austria wurden im 1. Halbjahr 2025 insgesamt 5.754 Rinder nach
Algerien exportiert – ein Plus von 3.400 Tieren gegenüber dem
Vorjahr. Damit ging nahezu die Hälfte aller österreichischen
Zuchtrinderexporte in diesem Zeitraum in das nordafrikanische Land.
Diese Transporte folgen dem gleichen Prinzip: Meist trächtige
Rinder werden über Sammelstellen in Österreich zusammengeführt,
anschließend per Lkw an einen Hafen transportiert und dort auf
Schiffe verladen, die tagelang unterwegs sind. Die Risiken sind
identisch: unklare Zuständigkeiten, fehlende Kontrolle auf hoher See,
extreme Transportdauern, und eine rechtliche Grauzone, sobald die
Schiffe die EU-Gewässer verlassen.
Die Tragödie von Bandirma kann sich jederzeit auch mit
österreichischen Tieren wiederholen, weil sie unter vergleichbaren
Bedingungen und auf denselben Schiffstypen transportiert werden.
„Unsere Recherchen zeigen, dass dieser Fall kein Ausreißer ist,
sondern ein strukturelles Problem. Wer Tiere auf diese Routen
schickt, muss damit rechnen, dass genau solche Situationen
entstehen“, sagt Tobias Giesinger von der Investigativ-Plattform The
Marker.
Auf schriftliche Anfrage von The Marker reagierte das Unternehmen
nicht; telefonisch wurde eine Beteiligung an dem Transport
bestritten.