Vom Samen bis auf den Teller: Warum samenfestes Saatgut die Grundlage einer nachhaltigen Ernährung ist

Wien/St. Leonhard am Hornerwald (OTS) – Welche Rolle spielen
biodynamische Landwirtschaft, gesunde Böden und
samenfestes Saatgut für Geschmack, Artenvielfalt und langfristige
Ernährungssicherheit? Mit dieser Frage beschäftigte sich der Demeter-
Talk „Vom Samen bis auf den Teller: Die Zukunft beginnt im Boden“ mit
EU-Bio-Bäuerin des Jahres 2024 Reinhild Frech-Emmelmann (ReinSaat),
Spitzenkoch Paul Ivić (TIAN) und Demeter-Landwirt Werner Michlits im
Meinklang Hofladen in Wien.

Im Zentrum des Gesprächs stand die Bedeutung samenfester,
gentechnikfreier Sorten, die im Gegensatz zu Hybridsorten
nachbaufähig, regional anpassungsfähig und frei zirkulierbar sind.
Sie entwickeln sich über Generationen weiter, sichern Vielfalt und
stärken die Unabhängigkeit landwirtschaftlicher Betriebe. Frech-
Emmelmann betonte, dass samenfestes Saatgut weit mehr sei als ein
technischer Begriff, sondern die Grundlage für eine resilientere und
geschmacklich reichere Ernährung. „Samenfeste Sorten schreiben eine
Biografie. Sie verändern sich mit der Umwelt und zeigen die
Qualitäten von Böden, Sonne und Menschen. Diese Qualität wächst mit.“

Zwtl.: Zukunftsfähigkeit unserer Landwirtschaft sichern

Im Gespräch wurde deutlich, dass die zunehmende Patentierung von
Sorten und die Konzentration in der Saatgutbranche eine zentrale
Bedrohung für Vielfalt und bäuerliche Souveränität darstellen.
„Patentierungen und Konzerne wollen die Hoheit über Saatgut an sich
reißen. Dadurch verlieren Bäuerinnen und Bauern ihre Unabhängigkeit –
und wir riskieren die Zukunftsfähigkeit unserer Landwirtschaft“ ,
warnte Frech-Emmelmann. Umso wichtiger sei es, Wissen zugänglich zu
machen und das Bewusstsein für Herkunft und Qualität von
Lebensmitteln früh zu verankern. „Bildung und Bewusstsein sind die
Grundlage für eine enkeltaugliche Landwirtschaft. Wir müssen schon
bei Kindern anfangen, den Respekt für Boden, Pflanze und Tier zu
vermitteln“, sagte sie. Ivić ergänzte: „Ernährungsbildung beginnt bei
der Wertschätzung von Qualität und Herkunft. Nur so können wir
bewusste Entscheidungen treffen.“

Zwtl.: Happy soil – happy food

Auch aus kulinarischer Perspektive wurde deutlich, wie eng
Bodenfruchtbarkeit, Sortenvielfalt und Geschmack miteinander
verbunden sind. Paul Ivić erklärte, dass außergewöhnlicher Geschmack
nicht durch aufwendige Technik, sondern durch hochwertige Rohstoffe
entsteht: „Mit richtig guten Lebensmitteln brauchst du weniger, um
mehr Geschmack hervorzubringen. Da ist sogar weniger mehr.“
Entscheidend sei die Bereitschaft, sich mit Lebensmitteln intensiv zu
beschäftigen und Qualitäten erkennen zu lernen. „Wer das einmal
verstanden hat, hört auf, billig und minderwertig einzukaufen“, so
Ivić. Kochen sei ein Prozess des Beobachtens, des Fühlens und
Erfahrens – kein Handwerk nach App-Logik. „Ein Rezept ist nur die
Hälfte. Der Rest ist Wahrnehmung und Handwerk. Happy soil – happy
food. Wenn die Erde glücklich ist, bekommen wir Lebensmittel, die uns
wirklich nähren.“

Zwtl.: Verlieren wir die Vielfalt, verlieren wir die Nahrungsqualität

Wie groß die Unterschiede zwischen samenfesten Sorten und
Hybriden in der Praxis sind, schilderte Gastgeber Werner Michlits
eindrucksvoll anhand eines Versuches mit Karotten: „Wir haben
testweise eine Hybridkarotte hineingeschmuggelt – und sofort gesehen,
wie anders sie wächst. Wir haben fast vergessen, wie echte Karotten
aussehen.“ Solche Beobachtungen machten sichtbar, was häufig abstrakt
bleibt: genetische Vielfalt ist die Voraussetzung für robuste
Pflanzen, stabile Erträge und letztlich für Lebensmittelqualität.
„Wenn wir die Vielfalt verlieren, dann verlieren wir auch unsere
Nahrungsqualität“, so Frech-Emmelmann.

Im Anschluss an das Gespräch verkosteten die Gäste biodynamische
Produkte aus dem Meinklang Hofladen und nutzten die Gelegenheit zum
Austausch am „Tisch der Vielfalt“. Die Veranstaltung machte deutlich,
dass der Weg zu einer nachhaltigen und gesunden Ernährung beim Samen
beginnt und sich in lebendigen Böden, regional angepassten Sorten und
verantwortungsvollem Wirtschaften fortsetzt. „Biodynamie steht für
ein System, das Menschen, Pflanzen und Erde miteinander verbindet und
langfristig Geschmack, Vielfalt und Sicherheit in der Ernährung
gewährleistet. Jede Kaufentscheidung kann dazu beitragen, dieses
System zu stärken und die Zukunft unserer Lebensmittel zu sichern“,
so Demeter Österreich Obmann Andreas Höritzauer abschließend.

Demeter ist Verband und das Qualitätslabel für Produkte der
biologisch-dynamischen Landwirtschaft, die großteils über die
strengen Richtlinien der EU-Bio-Verordnung hinausgehen. Es steht
weltweit seit vielen Jahrzehnten für konsequente Bio-Lebensmittel,
die in Einklang mit der Natur hergestellt werden und einen
ganzheitlichen Ansatz in der Landwirtschaft verfolgen. Aktuell
wirtschaften in Österreich ca. 260 Höfe nach Demeter-Richtlinien auf
einer Fläche von rund 8.700 ha (davon ca. 800 ha in Umstellung auf
Demeter). Rund 65 Betriebe betreiben Weinbau und gut 50 Betriebe
Obstbau. 50 Verarbeitungsbetriebe (z.B. Getreide- oder Ölmühlen,
Kosmetikbetriebe, Brauereien, Kellereien oder Röstereien) veredeln
die Demeter-Produkte behutsam und schonend.

Reinhild Frech-Emmelmann ist EU-Bio-Bäuerin des Jahres 2024,
Gründerin von ReinSaat , einem der führenden biologisch-dynamischen
Saatgutbetriebe. Als Pionierin für samenfestes, gentechnikfreies
Saatgut verbindet sie angewandte Züchtungsarbeit mit konsequent
biodynamischer Landwirtschaft. ReinSaat produziert rund 800 Sorten
samenfestes Gemüse-, Kräuter- und Blumensaatgut nach biologischen
Richtlinien – eine Grundvoraussetzung für biodynamische
Landwirtschaft. Denn im Demeter-System sind die Verwendung und
Weiterentwicklung regional angepasster, samenfester Sorten ein
zentrales Prinzip: Sie sichern Vielfalt, Bodenfruchtbarkeit und
ermöglichen langfristig Lebensmittelqualität – für Landwirt*innen wie
Konsument*innen gleichermaßen.

Paul Ivić ist Spitzenkoch, führt das erste Michelin-dekorierte
vegetarische Restaurant Österreichs, das TIAN in Wien, sowie das TIAN
Bistro. Seine Küche steht für kompromisslose Qualität, Nachhaltigkeit
und enge Zusammenarbeit mit biologischen und regionalen Produzent*
innen. Ivić engagiert sich öffentlich für bewussten Genuss,
Biodiversität, Ressourcenschutz und einen respektvollen Umgang mit
Lebensmitteln.