Versorgung von Menschen mit Hormon- und Stoffwechselerkrankungen gefährdet!

Wien (OTS) – Am 24. April ist Welthormontag, dies ist ein guter
Anlass, um auf das
Fachgebiet Endokrinologie und Diabetologie zu blicken. Es umfasst
Volkserkrankungen wie Diabetes mellitus, Osteoporose,
Schilddrüsenerkrankungen oder Fettstoffwechselstörungen aber auch
seltenere Krankheitsbilder wie Erkrankungen der Hirnanhangsdrüse,
Nebennieren und der Keimdrüsen sowie seltene genetische Erkrankungen.
Durch die zunehmende Spezialisierung in der Behandlung von
hochprävalenten Erkrankungen wie dem Diabetes mellitus Typ 2 ist
neben der Betreuung durch AllgemeinmedizinerInnen und InternistInnen
zunehmend die Expertise von FachärztInnen der Endokrinologie und
Diabetologie gefragt. In Österreich stehen dafür nur 310
spezialisierte InternistInnen zur Verfügung – etwa die Hälfte davon
im niedergelassenen Bereich. Rund 30% dieser SpezialistInnen sind
bereits über 60 Jahre alt und gehen in absehbarer Zeit in Pension.

Zwtl.: Zu wenige FachärztInnen für den tatsächlichen Bedarf

„ Um den medizinischen Bedarf zu decken, wären aus unserer Sicht
mindestens 400 FachärztInnen erforderlich “, erklärt Univ. Prof.
Thomas Scherer, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für
Endokrinologie und Stoffwechsel (ÖGES). Es fehlen somit aktuell etwa
90 SpezialistInnen; noch dazu werden weitere 90 in den nächsten 5
Jahren auf Grund von Pensionierungen wegfallen. Gleichzeitig
schließen aufgrund begrenzter Ausbildungsstellen aber nur ca. 15
ÄrztInnen pro Jahr ihre Fachausbildung ab, eine Zahl die nicht einmal
die absehbaren Pensionierungen kompensiert. Zudem werden trotz großem
Interesse an diesem zentralen Sonderfach der Inneren Medizin ein
Drittel der verfügbaren Ausbildungsstellen meist wegen fehlender
finanzieller Mittel oder anderer Prioritätensetzung der
Ausbildungsstätten nicht voll ausgeschöpft . Die Versorgung von
PatientInnen mit Hormon- und Stoffwechselerkrankungen steht damit
bereits heute unter erheblichem Druck. „ Ohne rasche Maßnahmen –
insbesondere mehr Ausbildungsplätze, zusätzliche FachärztInnenstellen
und attraktivere Arbeitsbedingungen – wird sich die Versorgungslücke
weiter vergrößern “, ergänzt Univ. Prof. Harald Sourij, Präsident der
Österreichischen Diabetesgesellschaft (ÖDG).

Zwtl.: Diabetes: Hoher Versorgungsbedarf und fachliche Expertise

Rund 800.000 Menschen leben in Österreich mit Diabetes mellitus.
Allein die etwa 30.000 Patientinnen und Patienten mit Typ-1-Diabetes
benötigen mindestens zwei fachärztliche Kontrollen pro Jahr. Auch
rund 8.000 Schwangere mit Gestationsdiabetes müssen während der
Schwangerschaft engmaschig betreut werden – das entspricht mindestens
100.000 FachärztInnenkontakten jährlich.

Von den über 700.000 Menschen mit Typ-2-Diabetes hat bereits etwa
ein Drittel Folgeerkrankungen. Laut Diabetes-Management-Programm
„Therapie Aktiv“ sollten diese PatientI nnen zumindest einmal
jährlich fachärztlich kontrolliert werden. Aktuell werden nur rund
100.000 Betroffene im strukturierten Programm betreut, hier besteht
zusätzlicher Handlungsbedarf um möglichst viele Personen in das
Programm aufzunehmen. Wir gehen im Bereich Typ 2 Diabetes von rund
200.000 FachärztInnenkontakten pro Jahr aus.

Österreichische Daten zeigen, dass nahezu 3 von 10
KrankenhauspatientInnen Diabetes als Haupt- oder Nebendiagnose
aufweisen . Studien zeigen: In Spitälern mit diabetologischer
Expertise ist die Sterblichkeit niedriger. Für eine qualitätsvolle
stationäre Versorgung wäre daher in den rund 150 Akutspitälern
Österreichs entsprechende endokrinologisch-diabetologische
Fachkompetenz wesentlich.

Zwtl.: Schilddrüsenerkrankungen: interdisziplinärer
Koordinationsbedarf

Schilddrüsenerkrankungen zählen zu den häufigsten
endokrinologischen Störungen in Österreich: Bis zu 50 % der
Erwachsenen entwickeln im Laufe des Lebens Knoten und pro Jahr finden
ca. 10.000 Schilddrüsenoperationen statt. Funktionsstörungen – meist
durch Autoimmunerkrankungen – betreffen bis zu 10 % der Bevölkerung.
Entsprechend häufig werden Schilddrüsenhormone verschrieben. Die
große Zahl der Erkrankten erfordert daher eine enge Zusammenarbeit
zwischen Allgemeinmedizin, Innerer Medizin, Nuklearmedizin,
Chirurgie, Radiologie und Endokrinologie. Zur strukturierten
Abklärung von Knoten inklusive Feinnadelpunktionen sind geschätzten
100.000 fachärztliche Kontakte pro Jahr notwendig.

Eine manifeste Schilddrüsenüberfunktion betrifft rund 63.000
Menschen und erfordert regelmäßige Kontrollen sowie bei komplexen
Verläufen (zB. Augenbeteiligung, Hyperthyreose in der Schwangerschaft
) spezialisierte Betreuung. Zusätzlich nehmen
Schilddrüsenfunktionsstörungen als Nebenwirkung moderner
onkologischer Therapien zu. Insgesamt ist von rund 150.000
notwendigen endokrinologischen Kontakten pro Jahr auszugehen.

Zwtl.: Hypothalamus- und Hypophysenerkrankungen: lebenslange
Betreuung notwendig

Tumoren und Funktionsstörungen der Hypophyse (Hirnanhangsdrüse)
sind selten, erfordern jedoch eine spezialisierte und langfristige
Betreuung. Internationale Daten zeigen eine Prävalenz von 1.000
Betroffenen pro Million Einwohner. Nach Diagnose und Therapie sind
halb- bzw. jährliche Kontrollen notwendig, wodurch sich für
Österreich ein Bedarf von > 10.000 Fachkonsultationen pro Jahr
ergibt.

Noch nicht berücksichtigt sind dabei PatientInnen mit bleibenden
Hypophysenfunktionsstörungen nach Operationen, Bestrahlungen oder als
Nebenwirkung von Immuntherapien bei Krebserkrankungen – eine
Patientengruppe, die in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen
ist.

Zwtl.: Nebenschilddrüsenerkrankungen: hoher Betreuungsaufwand rund um
Operationen

Erkrankungen der Nebenschilddrüse, insbesondere der primäre
Hyperparathyreoidismus und postoperative Hypoparathyreoidismus,
machen in Österreich mehrere tausend fachärztliche Kontakte pro Jahr
erforderlich. Es ergibt sich ein Bedarf von rund 5.000 Konsultationen
jährlich.

Zwtl.: Nebennierenerkrankungen: steigender Kontrollbedarf

Raumforderungen der Nebennieren (Prävalenz > 2%) werden häufig
zufällig bei radiologischen Untersuchungen entdeckt und müssen
endokrinologisch abgeklärt werden, um eine hormonelle Aktivität
auszuschließen. Für diese Erstabklärungen ergibt sich ein Bedarf von
rund 5.000 Konsultationen jährlich. Während etwa drei Viertel der
Tumoren hormonell inaktiv sind, erfordern hormonaktive Tumore
zusätzliche, teils lebenslange Kontrollen. Insgesamt ist im Bereich
der Nebennieren von über 27.000 endokrinologischen Konsultationen pro
Jahr auszugehen. Nicht eingerechnet sind dabei PatientInnen mit
primärer Nebenniereninsuffizienz und adrenogenitalem Syndrom.

Weitere Erkrankungen, die von EndokrinologInnen (mit)betreut
werden sollen sind Adipositas, Osteoporose oder komplexe Keimdrüsen-
und Lipidstoffwechselstörungen, die ebenfalls eine spezialisierte
Betreuung benötigen.

Zwtl.: Strukturelle Versorgung und steigender Bedarf

Aus struktureller Sicht sollte zumindest jedes Akutspital über
endokrinologische Konsiliarexpertise verfügen. Dies verbessert
Diagnostik und Therapie hormoneller Erkrankungen und kann langfristig
Komplikationen und Kosten reduzieren. Selbst bei konservativer
Berechnung ergibt sich in Österreich durch die oben genannten Zahlen
ein Bedarf von ca. 600.000 endokrinologischen/diabetologischen
Konsultationen pro Jahr – ohne Berücksichtigung von Adipositas,
Osteoporose, komplexen Keimdrüsen- und Lipidstörungen oder
angeborenen Stoffwechselerkrankungen. Zudem ist aufgrund steigender
Adipositasraten und einer alternden Bevölkerung mit einem weiter
wachsenden Versorgungsbedarf zu rechnen.

Zwtl.: Akuter Handlungsbedarf

Dem steigenden Bedarf stehen derzeit lediglich 310 FachärztInnen
gegenüber. Rechnerisch wären damit pro Fachärztin bzw. Facharzt etwa
2.000 Konsultationen jährlich erforderlich – tatsächlich sind jedoch
etwa 1.500 ambulante Kontakte pro Jahr realistisch . Um den Bedarf zu
decken, wären daher mindestens 400 klinisch tätige Fachärztinnen und
Fachärzte in Vollzeit erforderlich .

Zwtl.: Gesundheitspolitische Maßnahmen notwendig

Die Versorgung von Menschen mit Hormon- und
Stoffwechselerkrankungen steht damit vor einer strukturellen
Herausforderung. Bereits heute übersteigt der Bedarf an
endokrinologischer und diabetologischer Betreuung die verfügbaren
Ressourcen deutlich.

Um die Versorgungssicherheit nachhaltig zu gewährleisten, braucht
es daher rasche gesundheitspolitische Maßnahmen:

– vollständige Besetzung bestehender Ausbildungsstellen

– Schaffung zusätzlicher Facharztstellen im niedergelassenen und
stationären Bereich

– endokrinologisch-diabetologische Expertise zumindest in
Akutspitälern

– attraktivere Arbeitsbedingungen zur Bindung qualifizierter
Spezialistinnen und Spezialisten

Die kontinuierliche Betreuung von Patientinnen und Patienten mit
hormonellen Erkrankungen ist keine Option, sondern eine medizinische
Notwendigkeit . Versorgungssicherheit bedeutet hier Lebensqualität,
Komplikationsvermeidung und langfristige Kosteneffizienz für das
Gesundheitssystem.

Informationen über die Aktivitäten der ÖGES bzw. ÖDG finden Sie
unter www.oeges.at bzw. www.oedg.at

Pressefotos unter: https://www.publichealth.at/portfolio-
items/welthormontag/