Wien (OTS) – Es sind Bilder, die in Erinnerung bleiben:
liegengebliebene U-Bahnen,
geschlossene Geschäfte, dunkle Straßen. Der Stromausfall auf der
Iberischen Halbinsel hat gezeigt, wie fragil moderne Energiesysteme
sein können. Im Zuge des Trendforums von Oesterreichs Energie wurde
deutlich: Versorgungssicherheit ist kein Zufall, sondern das Ergebnis
klarer Regeln, robuster Netze – und kontinuierlicher Investitionen.
Es ist der 28. April 2025, ein warmer Frühlingstag, als um 12:33
und 16 Sekunden die Lichter in Spanien und schließlich auf der
gesamten Iberischen Halbinsel ausgehen. Das erste Mal überhaupt hat
ein sogenannter Überspannungskollaps dazu geführt, dass sich in
kurzer Zeit viele Stromerzeuger vom Netz getrennt haben und damit
einen vollständigen Zusammenbruch des Systems ausgelöst haben. Lange
war der Hergang dieses Blackouts ein Rätsel. Im Zuge des gestrigen
Oesterreichs Energie Trendforums präsentierte der Leiter der
Europäischen Untersuchungskommission erste Ergebnisse – und zog
Schlüsse für die österreichische Versorgungssicherheit.
Iberischer Blackout war „first of its kind“
„Den einen klaren Auslöser gibt es nicht, es war eine Verkettung
von mehreren nachteiligen Umständen“, sagt Klaus Kaschnitz,
Betriebsdirektor Austrian Power Grid AG (APG) und Leiter der
Untersuchungskommission zum Iberian Blackout bei ENTSO-E, dem Verband
Europäischer Übertragungsnetzbetreiber. Aus dem spanischen Blackout –
als „First of its kind“ – könne man viel lernen: „Jedes Stromsystem
braucht Sicherheitsreserven. Dazu gehört ausreichend Netzkapazität
und konsequenter Netzausbau. Wir sehen auch, dass die Blindleistung
als physikalische Größe deutlich mehr Aufmerksamkeit braucht. Es ist
ein Gebot der Stunde, alle Möglichkeiten zur Netzstabilisierung zu
nutzen. Auch kleine Anlagen können einen Beitrag leisten. Dafür
brauchen wir klare, zeitgerecht etablierte Regelwerke.“
Wenige Stunden mit fatalen Folgen für die Wirtschaft
Wenn denn der Ernstfall eintritt, kann das rasch sehr teuer
werden. „Der Blackout hat Spanien rund eine Milliarde Euro gekostet.
Das sind etwa 0,1 Prozent des BIP. Direkt sichtbar waren Schäden von
300 bis 500 Millionen Euro, der Rest sind länger anhaltende Ausfälle
und zusätzliche Kosten, wenn etwa Anlagen komplett zerstört wurden“,
sagt Monika Köppl-Turyna, Direktorin EcoAustria, Institut für
Wirtschaftsforschung.
Lehren für Österreich
Was es braucht, um einen solchen Komplettausfall möglichst zu
verhindern, weiß Bernd Klöckl, Universitätsprofessor für
Energiesysteme und Netze an der Technischen Universität Wien: „Die
Großstörung vom 28. April dieses Jahres wird nach jener vom 4.
November 2006 die zweite sein, an die wir noch Jahrzehnte
zurückdenken werden, weil sie uns viel über das richtige Design von
Netzanschlussregeln und Systemschutzplänen gelehrt haben wird.“
Österreich ist diesbezüglich zwar keine Insel der Seligen, im
Vergleich zu Spanien aber in einer besseren Situation, ergänzt
Klöckl: „Wir sind viel stärker an die Nachbarn angebunden und haben
durch den hohen Anteil der Wasserkraft bessere Möglichkeiten zum
Versorgungswiederaufbau. Trotzdem müssen auch wir die technischen
Herausforderungen der Energiewende ernst nehmen.“
Robuste Netze bieten Sicherheit
Ansatzpunkte zur Optimierung gibt es. „Alle im iberischen
Blackout beobachteten Phänomene sind durch Netzausbau und robuste
Systemschutzpläne verbesserbar. Der Ablauf der Störung war ein
eindeutiger Beweis dafür, dass sich Investitionen in ein technisch
hervorragendes Netz immer auszahlen“, sagt Klöckl.
Wirtschaftsforscherin Köppl-Turyna empfiehlt, die richtigen
Marktanreize zu setzen: „Etwa für mehr grundlastfähige Erzeugung und
zusätzliche Speicherkapazitäten oder durch langfristige Verträge
zwischen Energiewirtschaft und Unternehmen, die
Investitionssicherheit schaffen. Am Ende ist Resilienz ein harter
ökonomischer Standortfaktor: Ein robustes, krisenfestes Energiesystem
ist ein Wettbewerbsvorteil für Europa und für Österreich.“
Technik ist nicht das einzige Risiko
Thomas Starlinger, sicherheitspolitischer Berater der
Bundesministerin für europäische und internationale Angelegenheiten,
bringt einen weiteren Aspekt in die Aufarbeitung ein: „Aus
sicherheitspolitischer Sicht stellt sich die Frage, ob derartige
Szenarien ausschließlich technische Ursachen haben oder auch durch
externes Eingreifen ausgelöst werden könnten.“ Die Lehren für
Österreich liegen auf der Hand: „Wir müssen uns fragen, ob wir
wirklich ausreichend Reserven im System haben. Technisch,
organisatorisch und sicherheitspolitisch. Und wir müssen alles
daransetzen, zu verhindern, dass jemand von außen in unsere Netze und
Steuerungssysteme eingreifen kann. Das betrifft sowohl den physischen
Schutz kritischer Infrastruktur als auch die Cybersicherheit.“
Energiesicherheit sei daher längst auch eine Frage der nationalen
und europäischen Sicherheit. Starlinger: „Je robuster, redundanter
und besser geschützt unsere Systeme sind, desto widerstandsfähiger
ist unser Land in Krisen und desto glaubwürdiger können wir sagen,
dass wir auf den Ernstfall vorbereitet sind. Fakt ist, Resilienz ist
wichtig und wird uns auch etwas kosten.“
Wert und Preis der Resilienz
Dessen ist sich die heimische E-Wirtschaft bewusst, und arbeitet
jeden Tag mit voller Kraft an der Versorgungssicherheit, betont
Barbara Schmidt, Generalsekretärin von Oesterreichs Energie:
„Österreich liegt europaweit an der Spitze. Unsere Netze sind stabil,
die Ausfallzeiten im internationalen Vergleich sehr gering, und wir
haben eine starke Basis aus Wasserkraft, Speicherkapazitäten und gut
eingespielten Abläufen. Für den Wirtschaftsstandort Österreich ist
das entscheidend. Ohne sichere Stromversorgung gibt es keine
wettbewerbsfähige Industrie, keine Digitalisierung und auch die
Energiewende wird nicht funktionieren.“ Michael Strugl, Präsident von
Oesterreichs Energie, bringt es auf den Punkt: „All das gibt es nicht
zum Nulltarif. Hohe Versorgungssicherheit ist kein Selbstläufer. Sie
erfordert kontinuierliche, große Investitionen in Netze, Kraftwerke
und Digitalisierung sowie eine enge Zusammenarbeit aller Akteure.
Wenn wir das hohe Niveau halten wollen, müssen wir auch in Zukunft
bereit sein, entsprechend zu investieren.“