Torschluss für EU-Saatgutrecht – Breite Allianz fordert Kurskorrektur

Brüssel, Wien, Schiltern (OTS) – Die Verhandlungen unter den 27
EU-Staaten über eine neue Verordnung
zur Produktion und Vermarktung von Pflanzenvermehrungsmaterial (PRM)
treten in die entscheidende Phase. Heute, am 25. November 2025,
schlägt eine breite Allianz aus Saatgut-Initiativen,
Umweltorganisationen, Landwirt:innen und Züchter:innen Alarm: Wenn im
neuen Saatgutrecht keine wesentlichen Verbesserungen für die
Agrobiodiversität und für die Rechte der Landwirt:innen verankert
werden, riskiert Europa ein Saatgutsystem, das die
Ernährungssouveränität gefährdet und keine Antworten auf die
Herausforderungen durch die Klimakrise bietet. „ Wenn der Rat der
Landwirtschaftsminister:innen seinen Kurs nicht in den kommenden
Tagen korrigiert, gefährdet er alle Akteur:innen, die die
landwirtschaftliche Vielfalt am Leben erhalten “ , warnt die ARCHE
NOAH Saatgutrechts-Expertin Magdalena Prieler.

Bereits in wenigen Tagen, am 28. November 2025, sollten die
nationalen Agrar-Attachés in Brüssel den Weg für eine endgültige
Abstimmung auf Botschafter:innen-Ebene ebnen, die Mitte Dezember
stattfindet. Dazu müssen sie den Vorschlag der dänischen
Ratspräsidentschaft für eine gemeinsame Position der
Landwirtschaftsminister:innen zum neuen EU-Saatgutrecht billigen. In
einem gemeinsamen Schreiben warnen 200 Organisationen – darunter
ARCHE NOAH, IFOAM Organics Europe, European Coordination Via
Campesina, die deutsche Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft
(AbL), der Dachverband Kulturpflanzen- und Nutztiervielfalt e.V. oder
der Dachverband Ökologische Pflanzenzüchtung in Deutschland –, dass
der aktuelle Vorschlag des Rates die Erhaltung und Verbreitung der
Kulturpflanzenvielfalt unzulässig einschränkt: Bestehende Rechte, die
in mehreren europäischen Ländern wie Österreich anerkannt sind,
könnten massiv eingeschränkt werden.

Agrobiodiversität in Gefahr

Derzeit wird das Sortenzulassungssystem von straffen
Uniformitätsvorschriften dominiert. Die Landwirtschaftsminister:innen
möchten nun die Möglichkeit, neu entwickelte, vielfältige lokale
Sorten, die von diesem starren System abweichen, vermarkten zu
dürfen, willkürlich auf Obst und Gemüse beschränken – und somit für
andere Gruppen von Kulturen wie Getreide und Ölpflanzen verbieten. „
Die Züchtung vielfältiger, regional angepasster Sorten von Getreide,
Erdäpfeln oder Ölpflanzen zu verbieten, kommt einem Arbeits- und
Innovationsverbot gleich. Übergeben die Minister:innen diesen Markt
exklusiv der Saatgut-Industrie, werden heimische Saatgut-
Produzent:innen, Landwirt:innen und Kosument:innen gleichermaßen im
Regen stehen gelassen. Den einen verbietet man die Arbeit, den
nächsten fehlen Sorten zur Klimawandelanpassung und die dritten
müssen künftig auf regionale Spezialitäten verzichten. Das wäre ein
völlig inakzeptabler Kniefall vor den marktdominierenden Konzernen “
, warnt Magdalena Prieler, Saatgutrechts-Expertin von ARCHE NOAH.

Die unterzeichnenden Organisationen fordern, dass die Weitergabe
von Vermehrungsmaterial zum Zweck der Erhaltung der Vielfalt aus dem
Saatgutrecht ausgenommen bleibt – wie derzeit in Österreich. Auch
muss die Freiheit für Landwirt:innen, Saatgut untereinander
weiterzugeben, gewährleistet sein, und der administrative Aufwand für
Kleinstbetriebe muss verhältnismäßig bleiben. Alle diese Punkte
fehlen in der Position des Rats.

Landwirtschaftsminister Totschnig schweigt

„ Die Politik scheint die Trageweite eines neuen Saatgutrechts
nicht verstanden zu haben. Oder sie folgt blind den Vorgaben der
marktbeherrschenden Agrochemie-Konzerne. Nur so ist die aktuelle
Ratsposition zu verstehen “ , kritisiert Magdalena Prieler. So fand
Österreichs Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig angeblich keine
Zeit, die über 200.000 Unterschriften der von ARCHE NOAH initiierten
Petition „Hoch die Gabeln – für die Vielfalt“ ( www.hochdiegabeln.at
) entgegenzunehmen. Die Übergabe findet demnächst auf Beamt:innen-
Ebene statt. „ Der Torschluss naht: Minister Totschnig muss
Verantwortung übernehmen und sich für eine dringende Kurskorrektur
einsetzen – für Vielfalt, Resilienz und die Zukunft unserer
Landwirtschaft “ , appelliert Prieler.

Zum offenen Brief und der Liste der unterzeichnenden
Organisationen:
www.arche-noah.at/jointletteronprm