Brüssel/Berlin (OTS) – Animal Equality zeigt auf, wie die
Tierindustrie die Politik lenkt –
Tierschutzorganisationen werden bei politischen Entscheidungen
hingegen kaum einbezogen
Die europäische Stopfleber-Industrie investierte 2025 zwischen
100.000 und 199.999 Euro in professionelle Lobbyarbeit und sicherte
sich im selben Jahr mehrere direkte Treffen mit den EU-Kommissaren
Olivér Várhelyi (Gesundheit und Tierschutz) und Christophe Hansen (
Landwirtschaft und Ernährung). Das zeigt eine neue Analyse der
international tätigen Tierschutzorganisation Animal Equality. Genau
in diesem Zeitraum verabschiedete die Europäische Kommission eine
überarbeitete Verordnung zu Vermarktungsstandards für
Geflügelprodukte – die umstrittenen extremen Lebergewichte, die nur
durch gewaltsame Zwangsmast erreicht werden, wurden darin nicht
verboten.
Die international tätige Tierschutzorganisation Animal Equality
zeigt mit einer Hintergrundrecherche, wie die Agrarindustrie die
Gesetzgebung beeinflusst. Laut LobbyFacts.eu hat sich der
Branchenverband Euro Foie Gras – unterstützt durch die Lobbyfirma
Aliénor – direkten Zugang zu den Entscheidungsträger*innen der EU
verschafft. Am 13. Februar 2025 traf sich der Tierschutzkommissar
Várhelyi mit Euro Foie Gras zum Thema „Tierschutz und Gesundheit“. Am
18. Juni 2025 folgte ein Treffen des Büros von
Landwirtschaftskommissar Hansen mit dem Branchenverband zum selben
Thema. Im Oktober 2025 verabschiedete die Kommission dann eine
überarbeitete Verordnung zu Vermarktungsstandards für
Geflügelprodukte – die umstrittenen Mindestgewichte für Foie gras (
mindestens 300g für Entenlebern, 400g für Gänselebern) wurden darin
nicht reduziert oder verboten. Diese hohen Gewichte können faktisch
nur durch Zwangsmast erreicht werden.
„Das ist kein Zufall – das ist das Ergebnis systematischer
Einflussnahme einer Industrie, die ungehinderten Zugang zu den
Entscheidungsträger*innen hat. Die Industrie, die von der Nutzung der
Tiere profitiert, darf nicht über den Schutz von Millionen Tieren
entscheiden“, unterstreicht Vanessa Raith, Direktorin von Animal
Equality Deutschland.
Agrarindustrie dominiert politischen Tierschutz
Die Analyse von Animal Equality offenbart das systematische
Ausmaß der Einflussnahme: Von Dezember 2024 bis März 2026 haben die
Kommissare Várhelyi und Hansen sowie ihre Kabinette laut Register der
Europäischen Kommission insgesamt 708 öffentliche Treffen abgehalten.
In mindestens 46 dieser Treffen diskutierten die Fleisch-, Geflügel-
und Milchindustrie das Thema Tierschutz mit den beiden Kommissaren
und ihren Kabinetten. Mit Tierschutzorganisationen fanden im selben
Zeitraum nur sieben Treffen statt – ein Verhältnis von knapp 7:1. Zum
Thema Zwangsmast speziell ist kein einziges Treffen mit einer
Tierschutzorganisation dokumentiert.
Industrienahe Berater*innen in Schlüsselpositionen
Besonders brisant: An den Treffen zwischen Euro Foie Gras und den
Kommissaren nahmen unter anderem zwei italienische
Kabinettsmitglieder teil, die enge Verbindungen zur Agrarindustrie
haben. Flavio Facioni, Mitglied im Stab von Kommissar Várhelyi, steht
dem italienischen Agrar- und Tierhaltungsverband Coldiretti nahe.
Antonella Rossetti, Mitglied im Stab von Kommissar Hansen, war zuvor
Senior Adviser bei Farm Europe – einer Agrarlobby-Organisation, die
jährlich rund eine halbe Million Euro in Lobbyarbeit investiert.
„Das zeigt überdeutlich: Hier entscheiden nicht Fakten und
Wissenschaft, sondern Euros und Einfluss. Wir reden bei der
Zwangsmast über eine Praxis, die von den führenden wissenschaftlichen
Gremien weltweit als tierquälerisch verurteilt wurde. Dass sie in der
EU noch immer legal ist, ist ein Versagen der Politik“ , sagt Vanessa
Raith, Direktorin von Animal Equality Deutschland.
40 EU-Abgeordnete fordern Verbot der Zwangsmast
Organisationen wie Animal Equality fordern seit Jahren ein
endgültiges Verbot der Zwangsmast in der EU sowie ein Importverbot
für Stopfleber-Produkte. Am 27. März 2026 unterzeichneten 40
Mitglieder des Europäischen Parlaments aus 15 EU-Ländern einen Brief
an die Kommissare Várhelyi und Hansen. Darin fordern sie, die
Zwangsmast in der Stopfleber-Produktion schrittweise abzuschaffen und
dies explizit in der kommenden Überarbeitung der
Tierschutzgesetzgebung zu verankern. Unter den Unterzeichnenden sind
auch sieben Abgeordnete aus Deutschland sowie Mitglieder aus vier der
fünf EU-Länder, in denen die Zwangsmast noch praktiziert wird:
Frankreich, Bulgarien, Spanien und Belgien. Nur aus Ungarn – dem
Heimatland von Kommissar Várhelyi und einem der bedeutendsten
Stopfleber-Produzenten der Welt nach Frankreich – fehlt eine
Unterschrift.
Hintergrund: Zwangsmast in der EU
Schätzungen zufolge werden in der EU jährlich rund 40 Millionen
Enten und Gänse für die Stopfleber-Produktion genutzt und getötet.
Die Praxis der Zwangsmast wurde mittlerweile sowohl von der
Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (
FAO) als auch vom Wissenschaftlichen Ausschuss für Tiergesundheit und
Tierschutz der EU verurteilt. Durch verschiedene Recherchen innerhalb
der Foie-gras-Industrie hat Animal Equality dokumentiert, wie Enten
und Gänse unter dieser qualvollen Prozedur leiden.
Bei der Zwangsmast werden den Tieren durch ein 20 bis 50
Zentimeter langes Metallrohr über einen Zeitraum von 12 bis 21 Tagen
zwei- bis dreimal täglich große Mengen Futter – bis zu einem
Kilogramm Maisbrei – gewaltvoll eingeflößt. Die Tiere leiden unter
einer krankhaften Verfettung der Leber. Zum Zeitpunkt der Tötung
wiegen ihre Lebern in der Regel zwischen 550 und 700 Gramm – das ist
sieben- bis zehnmal mehr als das natürliche Gewicht. Die
Sterblichkeitsrate während der Zwangsmast ist bis zu 25-mal höher als
bei nicht zwangsgemästeten Tieren.
22 von 27 EU-Ländern haben die Stopfleber-Produktion bereits
verboten – so auch Deutschland. Dennoch bleibt der Import der
umstrittenen Delikatesse weiterhin legal. Animal Equality fordert mit
einer Petition ein endgültiges Verbot der Zwangsmast in der EU sowie
ein Importverbot für Stopfleber-Produkte in allen Mitgliedstaaten, um
die rechtliche Inkonsistenz zwischen Produktionsverboten und
weiterhin erlaubtem Import zu beenden.
Wir stehen Ihnen jederzeit für weitere Informationen und
Gespräche zur Verfügung. Wenden Sie sich gerne an unseren
Pressekontakt Till Hartmann via E-Mail an [email protected]
oder melden Sie sich telefonisch unter +49 (0)176 3004 0892.
Fotos und weitere Informationen:
Pressekit
Euro Foie Gras bei LobbyFacts.eu
Transparenzregister der Europäischen Kommission
Brief der Abgeordneten an die Kommissare
Animal Equalitys Kampagne „Das Ende der Zwangsmast“
Mehr zur Datenanalyse „Tierindustrie dominiert Zugang zur EU-
Tierschutzpolitik – zentrale Reformen werden verschleppt“
Deutsche Mitglieder des Europäischen Parlaments, die den Brief an
die Kommissare unterzeichnet haben:
Tiemo Wölken (S&D / SPD)
Erik Marquardt (Greens/EFA / Bündnis 90/Die Grünen)
Martin Häusling (Greens/EFA / Bündnis 90/Die Grünen)
Sebastian Everding (The Left / Tierschutzpartei)
Maria Noichl (S&D / SPD)
Manuela Ripa (EPP / ÖDP – Ökologisch-Demokratische Partei)
Jutta Paulus (Greens/EFA / Bündnis 90/Die Grünen)
Über Animal Equality
Animal Equality wurde 2006 von Sharon Núñez, Javier Moreno und
Jose Valle in Spanien gegründet und ist heute eine der weltweit
effektivsten Tierschutzorganisationen. Gemeinsam mit Gesellschaft,
Politik und Unternehmen arbeiten wir in acht Ländern auf vier
Kontinenten für eine Welt, in der alle Tiere respektiert und vor
Ausbeutung geschützt werden. Zudem unterstützt Animal Equality mit
der Plattform Love Veg zahlreiche Menschen bei ihrer
Ernährungsumstellung und bietet unter anderem kostenfreie pflanzliche
Kochbücher an. Animal Equality setzt sich durch Aufklärungsarbeit,
Unternehmenskampagnen und die Veröffentlichung von Undercover-
Recherchen dafür ein, die Grausamkeit gegenüber landwirtschaftlich
genutzten Tieren zu beenden. Ebenso strebt Animal Equality
Fortschritte für Tiere auf rechtlicher Ebene an.