Wien (OTS) – Nach mehreren wirtschaftlich schwierigen Jahren hellt
sich die Lage
in Österreich langsam auf, auch die Konsumentennachfrage zieht
vorsichtig an. Doch nun sorgt der Krieg im Nahen Osten für neue
Unsicherheit an den Energie- und Transportmärkten – mit potenziell
spürbaren Folgen für Preise, Lieferketten und die Kaufkraft auch in
Österreich.
Seit Freitag sind die internationalen Rohölpreise bereits um rund
zehn Prozent gestiegen. Hintergrund sind Eskalationen in einer der
sensibelsten Energie-Regionen der Welt: Über die Straße von Hormus
wird rund ein Fünftel des globalen Ölhandels abgewickelt. Jede
ernsthafte Störung dieser Route treibt die Rohölpreise nach oben. Für
Österreich kommt erschwerend hinzu, dass durch eine Blockade der
Meerenge auch kein Flüssiggas aus Katar mehr geliefert werden kann –
ein relevanter Versorgungskanal, der nach dem Wegfall russischer
Gaslieferungen schwer kurzfristig ersetzbar ist.
„ Wir sehen derzeit eine beachtenswerte Kombination aus
steigenden Energiepreisen, höheren Risikoaufschlägen im Transport und
wachsender geopolitischer Unsicherheit. Abhängig von der Dauer des
kriegerischen Konflikts kann dies die fragile wirtschaftliche
Erholung rasch wieder abbremsen “, erklärt Rainer Will ,
Geschäftsführer des freiwilligen, überparteilichen und unabhängigen
Handelsverbands.
Zwtl.: Vier Wirkungsstränge treffen den Handel gleichzeitig
Die aktuellen Entwicklungen wirken über verschiedene Ebenen auf
die Realwirtschaft:
1.
Energiepreise: Steigende Rohölpreise verteuern Treibstoffe und
erhöhen mittelfristig den Druck auf Gas- und Strommärkte. Energie ist
nicht nur ein direkter Kostenfaktor für Handelsbetriebe – sie steckt
auch in nahezu allen Produkten, von landwirtschaftlichen
Vorleistungen wie Düngemitteln bis hin zu Verpackungen und
industriellen Komponenten.
2.
Transport- und Logistikkosten: Störungen im See- und Luftverkehr,
höhere Versicherungsprämien für Schiffe in Risikoregionen sowie
Umwege im internationalen Frachtverkehr führen zu steigenden Kosten
pro Container und pro Luftfracht-Kilogramm. Österreich ist als
Binnenland besonders abhängig von funktionierenden internationalen
Transitkorridoren. Werden diese unsicherer oder teurer, schlägt sich
das unmittelbar in Einkaufspreisen und Lieferzeiten nieder. Durch den
derzeitigen Ausfall von Luftfahrts-Knotenpunkten wie Dubai oder Abu
Dhabi sind zeitkritische Branchen wie Elektronik, Pharmazeutika und
Ersatzteilversorgung betroffen.
3.
Inflation: Ein anhaltender Ölpreisschock würde Österreich und
Europa abermals unter Inflationsdruck setzen. Analysten schätzen,
dass ein länger andauernder Konflikt mit gestörtem Ölangebot die
globale Inflation um 0,6 bis 0,7 Prozentpunkte erhöhen könnte. Die
gestiegenen Treibstoffpreise werden sich zeitnah in der heimischen
Inflationsrate niederschlagen. Das ist keine Spekulation, das ist
eine direkte Marktreaktion, die bereits zu beobachten ist.
4.
Investitionszurückhaltung: Geopolitische Unsicherheit wirkt
bereits für sich genommen als Wachstumshemmnis. Unternehmen
verschieben Investitionen, Haushalte werden vorsichtiger bei größeren
Anschaffungen. In einer Phase, in der sich die Konsumstimmung gerade
erst stabilisiert, kann das rasch wieder zu einer Abschwächung
führen.
„ Der Handel ist in einer Schlüsselposition zwischen Produzenten
und Konsumenten. Wir sehen sehr genau, wie Energie- und
Transportkosten entlang der Wertschöpfungskette wirken. Wenn hier
erneut Verwerfungen auftreten, droht eine neue Welle an Preisdruck –
nicht aus spekulativen Gründen, sondern aufgrund real steigender
Inputkosten “, erklärt Handelssprecher Rainer Will .
Zwtl.: Erholung steht unter Vorbehalt
Nach zwei herausfordernden Jahren mit hoher Inflation,
Kaufkraftverlusten und Rezession ist die derzeitige Stabilisierung
der heimischen Wirtschaft noch keineswegs abgesichert. Steigende
Energie- und Logistikkosten könnten:
–
die Inflation erneut anheizen,
–
die Kaufkraft der Haushalte schwächen,
–
Investitionen im Handel bremsen und
–
die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts beeinträchtigen.
Zwtl.: HV fordert Diversifikation der Energiequellen, Abschaffung des
Merit-Order-Prinzips und Lieferketten-Resilienz
Aus Sicht des Handelsverbands braucht es nun vor allem
vorausschauende Planung und klare Signale der Stabilität. Die
Bundesregierung sollte deshalb insbesondere den Fokus auf leistbare
Energie beibehalten und die Diversifikation der Energiequellen
konsequent vorantreiben sowie Lieferketten-Resilienz strategisch
priorisieren.
Die Bundesregierung, allen voran Bundeskanzler Stocker, hat sich
heuer die Abschaffung des Merit-Order-Prinzips zum Ziel gesetzt. Dies
hat der Kanzler zuletzt in der ORF-Pressestunde bestätigt. Die
aktuellen Verwerfungen im Nahen Osten verleihen diesem Projekt jetzt
enorme Dringlichkeit.
„ Wir brauchen jetzt Szenarien für Energiealternativen, für
robuste Lieferketten und für die Absicherung der Kaufkraft.
Unternehmen und Haushalte müssen wissen: Österreich ist vorbereitet.
Vorsorge schafft Vertrauen – und Vertrauen ist die wichtigste Währung
in unsicheren Zeiten “, so Will abschließend. „ Der Handel selbst
optimiert seine Lieferketten laufend. Er reagiert rasch, um
potenzielle negative Wirkungen der aktuellen Situation für die
Bevölkerung abzumildern .“