Wien (OTS) – Die Arbeitsmarktsituation in Österreich verschärft sich:
Seit 32
Monaten steigen die Arbeitslosenzahlen durchgängig. Im November 2025
waren 399.199 Personen arbeitslos oder in Schulung gemeldet – ein
Anstieg von 15.236 Menschen, also ein Plus von 4 Prozent im Vergleich
zum Vorjahr. Besonders alarmierend ist die Entwicklung bei Menschen
in verfestigter Arbeitslosigkeit: Von allen arbeitslosen Personen
waren 95.472 langzeitbeschäftigungslos. Ein Plus von 11.118 gegenüber
dem Vorjahr oder umgerechnet +13,2 Prozent. Parallel dazu werden
österreichweit Programme für arbeitsmarktintegrative Maßnahmen nicht
inflationsangepasst oder gekürzt. arbeit plus gemeinsam mit dem SWÖ
warnen: Die Einsparungen gefährden Jobs und jahrzehntelang
erfolgreich aufgebaute Strukturen aktiver Arbeitsmarktpolitik.
Wirtschaftsflaute trifft besonders Frauen und Ältere hart
„Wir erleben seit 32 Monaten ununterbrochen steigende
Arbeitslosenzahlen. Die Lage ist ernst“, stellt Sabine Rehbichler,
Geschäftsführerin von arbeit plus Österreich, klar. „Die angespannte
wirtschaftliche Situation mit laufenden Betriebsschließungen führt
dazu, dass Menschen länger arbeitslos bleiben und in verfestigte
Arbeitslosigkeit abzurutschen drohen. Das ist ein Teufelskreis: Je
länger Menschen arbeitslos sind, desto schwerer finden sie zurück in
den Arbeitsmarkt.“
Die Zahlen zeigen deutlich: Frauen sind seit etwa einem Jahr
überdurchschnittlich stark vom Anstieg der Arbeitslosigkeit und
Langzeitbeschäftigungslosigkeit betroffen. Außerdem steigt die Dauer
der Arbeitslosigkeit dramatisch mit dem Alter: Die durchschnittliche
Vormerkdauer beim AMS beträgt im November 2025 198 Tage, bei Personen
ab 50 bereits 284 Tage. Noch alarmierender ist die Situation bei den
rund 40.000 langzeitbeschäftigungslosen Arbeitslose ab 50. Diese sind
im Schnitt 555 Tage, umgerechnet anderthalb Jahre, beim AMS
vorgemerkt.
„Es ist zu kurzgegriffen zu meinen, dass die überproportional
steigende Frauenarbeitslosigkeit rein auf die Erhöhung des
Pensionsantrittsalters zurückzuführen ist“, gibt Manuela Vollmann,
Vorsitzende von arbeit plus Österreich zu bedenken. „Die Entwicklung
ist Ausdruck massiver struktureller Probleme am Arbeitsmarkt. Frauen
werden systematisch benachteiligt, von den Chancen auf Wiedereinstieg
bis hin zu den Qualifizierungsangeboten. Es ist eine lebenslange
Benachteiligung mit hohen ökonomischen Folgen für jede Einzelne.“
Mit Blick auf die bereits erfolgten Einsparungen bei Projekten
für Jugendliche und junge Menschen mit Behinderung warnt SWÖ-
Fachgruppenvorsitzender Walerich Berger: „Statt junge Menschen zu
stärken und ihnen die Unterstützung zu geben, die sie brauchen, um
überhaupt in den Arbeitsmarkt zu kommen, werden durch die öffentliche
Hand derzeit die Brücken dorthin abgebrochen“, Und er stellt die
Frage: „Wer erklärt jungen Menschen, dass für ihre Zukunft kein Platz
mehr im Budget ist?“
Inflation nagt am Budget: Keine Indexvalorisierung bedeutet reale
Kürzungen
Bei steigenden Betroffenenzahlen verschärft sich ein weiteres
strukturelles Problem: Die fehlende Indexvalorisierung und Anpassung
des arbeitsmarktpolitischen Investitionsbudgets auf den steigenden
Bedarf. Rehbichler dazu: „Für 2026 ist angekündigt, dass das Budget
am Papier stabil bleibt, von potenziellen weiteren Reduktionen ist
die Rede. Bei steigenden Betroffenenzahlen und anhaltend hoher
Inflation bei über 4 Prozent wird 2026 ein besonders herausforderndes
Jahr für die aktive Arbeitsmarktpolitik. Denn ein nominal stabiles
Budget bedeutet bei gleichbleibend hoher Inflation faktisch eine
Kürzung. Und das genau jetzt, wo wir angesichts der Zahlen mehr
Investitionen für den Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt brauchen,
nicht weniger.“
Vollmann ergänzt: „Die fehlende Indexvalorisierung ist ein
massives Problem, uns erreichen täglich Hilferufe unserer
Mitgliedsunternehmen im Netzwerk, die Angebote schließen müssen, weil
die Mittel von Ländern und Bund nicht mehr reichen“, ergänzt
Vollmann. „Während die betrieblichen Kosten mit der Inflation
steigen, bleibt das Budget maximal gleich. Das bedeutet real weniger
Betreuungsplätze, weniger Beratungen, weniger Unterstützung – für
immer mehr Menschen, die es in Anspruch nehmen sollten, um im
Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Diese Rechnung kann nicht aufgehen. Wir
brauchen dringend mehr Mittel, um der steigenden Arbeitslosigkeit
entgegenzutreten.“
Programme werden gekürzt – regionale Auswirkungen auf Wirtschaft
und Betreuung
Die realen Budgetkürzungen durch die weiterhin steigende
Inflation und die laufend umgesetzten Sparmaßnahmen in Bund und
Ländern, insbesondere im Sozialbereich, zwingen die Sozialen
Unternehmen bereits jetzt in allen Bundesländern zu schmerzhaften
Entscheidungen.
„Dabei verlangen die Rahmenbedingungen nach mehr aktiver
Arbeitsmarktpolitik, nicht weniger“, so Vollmann. Die Steiermark ist
jenes Bundesland, in dem die Arbeitslosigkeit im November 2025 mit
plus 6,8 Prozent österreichweit am stärksten angestiegen ist.
Gleichzeitig gehört die Steiermark neben Oberösterreich, Salzburg und
Vorarlberg zu jenen Bundesländern, in denen auch die Zahl der
langzeitbeschäftigungslosen Arbeitslosen überdurchschnittlich stark
zugenommen hat: in der Steiermark um rund 20 Prozent, in den anderen
Bundesländern sogar noch stärker.
„Die angespannte Wirtschaftslage mit dem angekündigten
Personalabbau bei der Voestalpine in Mürzzuschlag und Kindberg lässt
befürchten, dass diese Zahlen noch weiter steigen werden“, so
Vollmann. „Gleichzeitig zeigt eine Umfrage in unseren
Mitgliedsbetrieben eine dramatische Auswirkung der realen
Budgetkürzungen.“ Sie führt an: „Ein Soziales Unternehmen in Leoben
muss, um Schlüsselkräfte nicht zu verlieren, die Einsparungen bei den
Transitarbeitskräften voll durchschlagen lassen. Das bedeutet:
weniger Plätze für AMS-Kund:innen, reduzierte Zugänge zu Projekten,
gekürzte Öffnungszeiten und Stundenreduktionen von 30 auf 27
Wochenstunden bei den Anstellungen. Das wird sich darin
niederschlagen, dass mehr Personen länger arbeitslos bleiben.“
Rehbichler berichtet von einem weiteren Projekt in der
Steiermark, das vom Gesundheitsfonds bereits um 25 Prozent und vom
Sozialministerium um weitere 5 Prozent gekürzt wurde. Weitere
Kürzungen für 2026 stehen bereits im Raum.„Besonders unverständlich
ist, dass die niederschwelligen Beschäftigungsprojekte (NsBA), die
Menschen ermöglichen schrittweise wieder am Arbeitsmarkt
teilzunehmen, in der Steiermark ab Juli 2026 eingestellt werden
sollen, obwohl EU-Mittel für 40 % der Finanzierung bereitstehen .“
Walerich Berger weist auf die Schließung von Produktionsschulen,
Streetwork-Stellen und das Sperren von Jugendzentren hin: „Die Liste
an Kürzungen Auf unserer SWÖ-Bundesländertour – unter anderem in der
Steiermark oder Oberösterreich – konnten wir hautnah erleben, wie
engagiert soziale Trägerorganisationen jungen Menschen Perspektiven
eröffnen. Das sind genau jene Strukturen, die jetzt durch den
Kahlschlag der öffentlichen Hand bedroht sind.“
Vollmann: „Was dies konkret bedeutet? Weniger individuelle
Betreuung, weniger Wiedereinstiegschancen, weniger Integration und
das genau in dem Moment, wo die Langzeitarbeitslosigkeit explodiert.
Diese Kürzungen gefährden nicht nur die Chancen der Betroffenen auf
nachhaltige Integration, sie schwächen auch die regionale Wirtschaft,
wo Soziale Unternehmen wichtige Arbeitgeber, Auftraggeber und
Wirtschaftsfaktoren sind.“
Alleine im Netzwerk von arbeit plus sind rund 20.000
Mitarbeiter:innen österreichweit in den Sozialen Unternehmen tätig.
Rehbichler dazu: „Die angespannte Budgetsituation in den rund 200
Betrieben im Netzwerk von arbeit plus führt bereits jetzt zu einem
beginnenden Brain-Drain. Auf Grund des ökonomischen Drucks – auch
hier Stichwort Inflation, steigende Mieten und Energiekosten –
beginnen hochqualifizierte Fachkräfte mit der Jobsuche. Jahrelang
aufgebautes Know-how geht also genau in jenem Moment verloren, wo wir
sie mit Blick auf die nähere Zukunft besonders brauchen.“
Budget 2027: Jetzt investieren und Weichen stellen statt später
teuer reparieren
„Das Budget 2026 für Arbeitsmarktpolitik muss abgesichert und
2027 vorausschauend geplant werden, um dem Trend der steigenden
Arbeitslosigkeit gegenzusteuern “, werfen Vollmann und Rehbichler
gemeinsam in die Diskussion ein. Mit Blick auf die
Wirtschaftsprognosen weisen beide darauf hin, dass sich die Lage im
kommenden Jahr 2026 nicht plötzlich verbessern wird und betonen, dass
daher die Weichen jetzt zu stellen sind: „Die Kosten werden weitaus
höher sein als die notwendigen Investitionen in wirksame
arbeitsmarktpolitische Maßnahmen. Wer heute bei Qualifizierung,
Betreuung und Integration spart, zahlt morgen ein Vielfaches für
Arbeitslosengeld, Notstandshilfe, Sozialhilfe respektive
Mindestsicherung und die gesundheitlichen Folgen von
Langzeitarbeitslosigkeit.”
Abschließend unterstreicht Rehbichler: „Wir dürfen bei allen
Zahlen, mit denen wir arbeiten nie vergessen, dass hinter jeder Zahl
viele Menschen stehen, die eine persönliche und ökonomische
Perspektive brauchen.“ Vollmann ergänzt: „Es geht um die soziale
Stabilität, und ja auch um die Demokratie in Österreich. Die
kommenden Budgetverhandlungen für das Jahr 2027 sind Chance beides zu
sichern, die nicht verpasst werden sollte.“