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So sichern ärztliche Hausapotheken die Versorgung ab

Wien (OTS) – Österreich droht bis 2035 eine erhebliche
Versorgungslücke in der
Kassenmedizin, speziell in Gemeinden unter 5.000 Einwohnern ist die
Nachbesetzung oft besonders schwer. Eine aktuelle Studie des
Beraternetzwerks Kreutzer Fischer & Partner zeigt auf, wie das
Problem rasch gelindert werden kann – und die Gesundheitspolitik auf
vielen Ebenen davon profitiert.

Für eine grundsätzliche Freigabe ärztlicher Hausapotheken für
alle Allgemeinmedizin-Ordinationen mit Kassenvertrag sprechen drei
Argumente, fasst Studienautor Andreas Kreutzer die Erkenntnisse
zusammen: Zum einen ließen sich dadurch die Wegzeiten der
Patientinnen und Patienten für die Besorgung von Medikamenten
deutlich reduzieren. So könnten volkswirtschaftliche Kosten von
zumindest 160 Millionen Euro eingespart werden, indem Wegzeit und
Wartezeit in der Apotheke reduziert werden könnten. „Zum anderen
entlastet eine hausarztzentrierte Medikamentenverabreichung die
Umwelt. Die privaten PKW-Fahrten zur Beschaffung von
rezeptpflichtigen Arzneimitteln verursachen jährlich CO2-Emissionen
von rund 30.000 Tonnen“, führte Kreutzer aus. Und drittens wäre der
Ausbau ärztlicher Hausapotheken eine wirksame Maßnahme, um die
medizinische Grundversorgung auch in strukturarmen, spärlich
besiedelten Regionen dauerhaft abzusichern. Finanzielle Befürchtungen
seitens der Standesvertretung der Apotheker seien unbegründet: Auch
bei einem Ausbau ärztlicher Hausapotheken wäre die wirtschaftliche
Existenz der öffentlichen Apotheken ungefährdet, sagte der
Studienautor.

„Win-win-win-Situation“

„Die Absicherung der solidarisch finanzierten
Gesundheitsversorgung und die Patientenorientierung sollten für alle
Partner im Gesundheitssystem das oberste Ziel der kommenden
Jahrzehnte sein“, hielt Johannes Steinhart, Präsident der
Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK), fest: „Dazu gehört, die
Interessen der Patientinnen und Patienten in den Mittelpunkt zu
stellen. Es ist unverständlich und nicht zumutbar, dass kranke
Menschen immer noch gezwungen werden, oft zig-kilometerlange Strecken
auf sich zu nehmen, um zu ihrem dringend benötigten Medikament zu
kommen, obwohl sie es bei ihrer Ärztin oder ihrem Arzt sehr einfach
beziehen könnten.“ Wenn die Politik ihr Bestreben ernst meine, die
Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten zu berücksichtigen, dürfe
dieses Vorhaben nicht am antiquierten Gebietsschutz der Apotheken
scheitern.

Steinhart: „Es ist höchste Zeit für mehr ärztliche Hausapotheken,
denn diese sichern einen möglichst flächendeckenden, barrierefreien
und einfachen Zugang zu Medikamenten im Sinne eines One-Stop-Shop:
Diagnose, Therapiestellung und Medikamente aus einer Hand. Das wäre
echte und gelebte Patientenzentrierung. Davon würden die Patientinnen
und Patienten gleich doppelt profitieren: Ihre Gemeinden finden
leichter Ärztinnen und Ärzte, womit die wohnortnahe Versorgung
gesichert wird, und sie kommen im Krankheitsfall leichter zu ihrem
Medikament“, unterstrich Steinhart. Darüber hinaus profitieren die
Volkswirtschaft und die Umwelt. „Wir haben also eine Win-win-win-
Situation ohne nennenswerte Nachteile – wenn jetzt nicht gehandelt
wird, wann dann?“, so der ÖÄK-Präsident. Da sich auch in Wien
Patientinnen und Patienten oft auf mühsame Wege zur nächsten
geöffneten Apotheke machen müssen, sprach sich Steinhart für ein
allgemeines und freiwilliges Dispensierrecht für alle Ärztinnen und
Ärzte aus.

Kilometergrenze aus der Zeit gefallen

Edgar Wutscher, Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer
und Bundeskurienobmann der niedergelassenen Ärzte, erinnerte: „Die
Forderung nach einer Lockerung der Regeln für die Führung einer
ärztlichen Hausapotheke kommt nicht von der Ärzteschaft allein. Auch
die Bundeswettbewerbsbehörde hat schon vor Jahren gefordert, die
völlig aus der Zeit gefallene Kilometergrenze ersatzlos zu
streichen.“ Die neue Studie unterstreiche zudem nochmals, dass eine
Liberalisierung der Hausapotheken-Frage zu keinen nennenswerten
Einbußen für die öffentlichen Apotheken führt.
„Es geht in dieser Frage ja nicht um einen Verdrängungswettkampf,
sondern darum, was für Patientinnen und Patienten am sinnvollsten
ist. Ist es sinnvoller, wenn eine fiebernde Patientin 20 Kilometer
zur nächsten geöffneten Apotheke und 20 Kilometer wieder retour fährt
– oder ist es sinnvoller, wenn die Patientin ihr Medikament gleich
beim Arzt bekommt und sich zuhause ihrer Genesung widmen kann? Nur
der Gebietsschutz der Apotheken und die Lobbyarbeit verhindern eine
vernünftige und patientenorientierte Lösung“, betonte Wutscher. Man
dürfe nicht vergessen, dass das Einzugsgebiet der rund 800 ärztlichen
Hausapotheken in Österreich eine Bevölkerung von rund drei Millionen
umfasst: „Für viele Menschen, besonders ältere Menschen mit
eingeschränkter Mobilität, sind ärztliche Hausapotheken die
wichtigste Möglichkeit der Medikamentenversorgung.“

Beiderseitiges Interesse

„Ärztliche Hausapotheken hat der Gesetzgeber genau für diesen
Zweck vorgesehen: die Versorgung mit Medikamenten im ländlichen
Raum“, schilderte Silvester Hutgrabner, Leiter des Referats für
Hausapotheken und Medikamentenangelegenheiten in der Österreichischen
Ärztekammer. Das duale System aus öffentlichen Apotheken in
Ballungsgebieten und ärztlichen Hausapotheken in ländlichen Regionen
sei für Österreich optimal. Beide Professionen seien aufeinander
angewiesen. „Man darf ja nicht vergessen, dass in ‚Null-Arzt-
Gemeinden‘ auch eine Apotheke keine guten Bedingungen vorfindet. Dass
Kassenstellen, auch am Land, schnell nachbesetzt werden, liegt in
beiderseitigem Interesse. Entscheidend ist also: Wie kommen Ärztinnen
und Ärzte in die Regionen und wie kommen Menschen am schnellsten zu
ihrem Medikament.“

In diesen Fällen würden auch die vielgelobten
Primärversorgungszentren nichts bringen – im Gegenteil. „PVZ haben
absolut ihre Berechtigung in Ballungsräumen, für dünner besiedelte,
ländliche Gegenden wären die sogenannten Primärversorgungs-Netzwerke
besser geeignet – dafür muss endlich genau geregelt werden, was in
diesen Fällen mit bestehenden Hausapotheken geschieht“, forderte
Hutgrabner.