Wien (PK) – Die Schweizer “ Gamaraal Foundation“ wurde heute Abend im
Parlament
mit dem Hauptpreis des Simon-Wiesenthal-Preises 2024 ausgezeichnet.
Der Zweite Präsident des Nationalrates und Vorsitzende des
Kuratoriums des Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des
Nationalsozialismus, Peter Haubner, und Juryvorsitzende Katharina von
Schnurbein überreichten den mit 15.000 Euro dotierten Hauptpreis.
Antisemitismus dürfe keinen Platz in dieser Welt haben und es brauche
Menschen, die gegen Antisemitismus aufstehen statt wegzusehen,
forderte Haubner in seiner Eröffnungsrede.
Der Preis für zivilgesellschaftliches Engagement gegen
Antisemitismus ging an die britische Organisation „Community Security
Trust“. Den Preis für zivilgesellschaftliches Engagement für die
Aufklärung über den Holocaust erhielt der burgenländische Verein
„RE.F.U.G.I.U.S.“. Außerdem wurden neun Zeitzeuginnen und Zeitzeugen
geehrt. In Redebeiträgen hoben Expertinnen und Experten die Bedeutung
der Erinnerung und die drohenden Gefahren von Antisemitismus für
Demokratie und Gesellschaft hervor.
Haubner: Aufstehen statt wegschauen bei Antisemitismus
Antisemitismus sei nicht überwunden und „bittere Realität“ der
Gegenwart. Er dürfe aber weder heute noch morgen einen Platz in
Österreich, in Europa noch anderswo haben, forderte der Zweite
Präsident des Nationalrates und Vorsitzender des Kuratoriums des
Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des
Nationalsozialismus, Peter Haubner, in seiner Eröffnungsrede. In
einer Welt, in der antisemitische Stereotype allzu oft wieder
salonfähig werden, in der Verschwörungserzählungen neue Blüten
treiben und in der das Unsagbare manchmal wieder gesagt wird, brauche
es Menschen, die aufstehen anstatt wegzusehen. Es brauche Menschen,
die ihre Stimme erheben, wenn andere schweigen und die die
Vergangenheit nicht verdrängen, sondern Antisemitismus mit Mut und
Überzeugung bekämpfen, erklärte Haubner. Die Preisträgerinnen und
Preisträger seien genau solche Menschen. Sie würden die Erinnerung an
die Schoah lebendig halten und seien damit Vorbilder für gelebte
Zivilcourage. Der Simon-Wiesenthal-Preis sei weit mehr als eine
Auszeichnung, er sei ein Bekenntnis für die historische Verantwortung
Österreichs, stets wachsam zu sein.
Lessing: Zeitzeug:innen tragen dazu bei, aus der Geschichte zu
lernen
Acht Jahrzehnte nach dem Nationalsozialismus gebe es heute
weltweit einen rasanten Anstieg von Hass, Rassismus und
Antisemitismus, erklärte die Vorständin des Nationalfonds, Hannah
Lessing. Die Demokratie werde dabei auf eine harte Probe gestellt.
Viele der Überlebenden des Holocaust würden einen geschärften Blick
für die Zeichen von Hass und Antisemitismus haben, denn sie haben in
ihrer Jugend Ähnliches erlebt und die schmerzlichen Folgen erfahren.
Ihre Erfahrungen würden viele von ihnen bis heute weitergeben und so
könnten viele Menschen die Geschichte aus dieser besonderen Quelle
der Zeitzeug:innen erfahren. Die Berichte würden dazu beitragen, aus
der Geschichte zu lernen. Das jahrzehntelange Engagement der
Zeitzeug:innen sei zudem eine Inspiration für alle Menschen, die sich
heute gegen Antisemitismus und Rassismus, für die Aufklärung über den
Holocaust und für die Stärkung der Demokratie einsetzen. Dafür könne
man den Zeitzeuginnen und Zeitzeugen nie genug danken.
Pfeffer: Erinnerung ist ein Auftrag
Die Erinnerung sei nicht bloß eine Rückschau, sondern ein
Auftrag, betonte die Vorständin des Nationalfonds, Judith Pfeffer.
Der Simon-Wiesenthal-Preis erinnere daran, dass es auf jede einzelne
Stimme ankomme und dass Gedenken lebendig bleibe, wenn es in Taten
übersetzt wird. Jede der 229 Einreichungen aus 32 Ländern sei ein
starkes Zeichen für Zivilcourage, für Haltung und der Hoffnung. Zudem
ermutigte Pfeffer, sich bei der bereits morgen startenden
Ausschreibung für den Simon-Wiesenthal-Preis 2025 zu beteiligen.
Gespräch mit Zeitzeugen, Wiesenthal-Enkelin und EU-
Antisemitismusbeauftragter
Antisemitismus sei „altes Gift“ in Europa, erklärte die Enkelin
von Simon Wiesenthal und Gründerin der SWIGGI-Gedenkinitiative,
Racheli Kreisberg, in einem Gespräch mit ORF-Journalistin Lisa
Gadenstätter. Wenn man Antisemitismus zulasse, werde die Demokratie
krank. Angriffe auf Jüdinnen und Juden seien ein Test für die
Gesellschaft. Wenn man dies ignoriere, breite sich der Hass auf
andere Bereiche aus.
Antisemitismus sei ein „Krebsgeschwür“ für die Gesellschaft und
es gelte, diesen klar zu benennen, sagte die EU-Koordinatorin für die
Bekämpfung von Antisemitismus und die Förderung jüdischen Lebens,
Katharina von Schnurbein. Antisemitische Vorfälle seien in den
letzten Monaten signifikant gestiegen und Antisemitismus sei überall
im Alltag gegenwärtig. Man müsse gemeinsam mit den Mitgliedsstaaten
sicherstellen, dass Antisemitismus nicht unbeantwortet bleibe. Es
müsse zu jedem Vorfall ein Aufschreien von offizieller Seite und
nicht nur von der Zivilgesellschaft geben, forderte sie. Optimistisch
zeigte sie sich, dass die neuen gesetzlichen Regelungen für Online-
Plattformen in diesem Zusammenhang greifen werden.
Zudem schilderte der Zeitzeuge Dirk Peter Adler Erfahrungen aus
seiner Kindheit, wie er diese Zeit bei einer christlichen Familie,
die ihn aufgenommen und als eigenes Kind ausgegeben hat, in Amsterdam
überlebt hat.
Hauptpreis geht an Schweizer “ Gamaraal Foundation “
Den Hauptpreis des Simon-Wiesenthal-Preises, der für
zivilgesellschaftliches Engagement gegen Antisemitismus und für die
Aufklärung über den Holocaust verliehen wurde, nahm Anita Winter,
Gründerin und Präsidentin der „Gamaraal Foundation“ entgegen. Es
werde eine Mauer gegen Hass geschaffen, wenn die Stimme und
Geschichte der Überlebenden weiter getragen werde, denn Bildung sei
nicht nur Wissensvermittlung, sondern „Herzensbildung“, zeigte sich
Winter überzeugt. Man könne nicht die Vergangenheit, aber sehr wohl
die Gegenwart ändern, würdigte die Antisemitismusbeauftragte der EU-
Kommission und Jury-Vorsitzende Katharina von Schnurbein den Beitrag
der Initiative zur Erinnerungskultur. Die “ Gamaraal Foundation “
setzt sich für die Unterstützung von Holocaust-Überlebenden und die
Förderung von Bildung über den Holocaust ein. Durch zahlreiche
Ausstellungen und Bildungsprojekte, auch über Europa hinaus,
thematisiert die “ Gamaraal Foundation “ die Erfahrungen der
Überlebenden und setzt den Holocaust in einen breiteren historischen
Kontext. Ihre Aufklärungsarbeit zielt darauf ab, dem wachsenden
Antisemitismus entgegenzuwirken und das Bewusstsein für Vorurteile zu
schärfen.
Die weiteren Preisträger: “ RE.F.U.G.I.U.S. “ und “ Community
Security Trust “
Der Preis für zivilgesellschaftliches Engagement für Aufklärung
über den Holocaust ging an den burgenländischen Verein
„RE.F.U.G.I.U.S.“. Dieser ist seit seiner Gründung ein engagierter
Akteur in der Erinnerungskultur und der Aufarbeitung der NS-
Verbrechen. Im Mittelpunkt seiner Arbeit steht das Mahnmal Kreuzstadl
als Ort des Gedenkens und Mahnens. Der Verein würde alles dazu tun,
um die Verbrechen des Holocausts vor Ort aus dem Vergessen
hervorzuholen und damit ein würdiges Andenken und Gedenken zu
ermöglichen, erläuterte Jurymitglied und Zeitgeschichteexpertin
Brigitte Bailer. Durch seine über dreißigjährige Tätigkeit habe der
Verein eine Wandlung im gesellschaftlichen Bewusstsein zur
nationalsozialistischen Zeit initiiert und begleitet, erklärte Paul
Gulda von „RE.F.U.G.I.U.S.“. Die Frage nach Recht und Gerechtigkeit
gegenüber den vertriebenen und ermordeten jüdischen Menschen sei der
Antrieb für dieses Engagement gewesen. Engagement mahnte Gulda ein,
damit künftige Generationen im Nahen Osten in Frieden leben können.
Für ihr zivilgesellschaftliches Engagement gegen Antisemitismus
wurde die gemeinnützige britische Organisation “ Community Security
Trust “ ausgezeichnet. Diese widmet sich dem Schutz der jüdischen
Gemeinschaft in Großbritannien vor Antisemitismus und anderen
Bedrohungen. Das Modell der Organisation als Brücke zwischen der
jüdischen Gemeinschaft und staatlichen Autoritäten sei zum Vorbild
für ähnliche Initiativen in Europa geworden, hebt die Jury hervor.
Jüdische Menschen wollen weder als Opfer gesehen noch bemitleidet
werden, erklärte Jurymitglied Ariel Muzicant. Der “ Community
Security Trust “ sei ein Modell für jüdischen Selbstschutz. Die
Organisation würde die jüdischen Gemeinden vor Antisemitismus
schützen, erläuterte auch ihr Vertreter Jonny Newton.
Neun Zeitzeug:innen aus drei Ländern geehrt
Im Rahmen des Simon-Wiesenthal-Preises wurden auch neun
Zeitzeuginnen und Zeitzeugen geehrt. Diese besondere Würdigung
erhielten Heinrich Ehlers (Österreich), Erich Finsches (Österreich),
Don Jaffé (Deutschland), Felix Lee (Österreich), Ludwig Popper (
Österreich), Josef Salomonovic (Österreich), Kitty Schrott (
Österreich), Adolf Silberstein (Österreich) und Stanislaw Zalewski (
Polen). Damit soll deren außergewöhnlicher persönlicher Einsatz und
Beitrag zu Holocaustbildung, Prävention von Antisemitismus und zur
Stärkung der Demokratie gewürdigt werden. (Schluss) pst
HINWEIS: Fotos dieser Veranstaltung sowie eine Nachschau auf
vergangene Veranstaltungen finden Sie im Webportal des Parlaments .