Wien (OTS) – Mit großer Sorge werden die aktuellen Einsparungen im
Bereich der
Versorgung psychisch erkrankter Menschen in Österreich beobachtet,
die im Zuge budgetärer Konsolidierungsmaßnahmen vorgenommen werden.
Auch wenn in wirtschaftlich herausfordernden Zeiten solidarisches
Handeln notwendig ist, gilt aus fachlicher Sicht klar: Eine
Gesellschaft ist nur so stabil wie ihr Umgang mit ihren
verletzlichsten Gruppen. Menschen mit schweren psychischen
Erkrankungen zählen zu diesen besonders vulnerablen Gruppen – sie
dürfen nicht jene sein, bei denen zuerst oder am stärksten gespart
wird.
Die psychiatrische Versorgung in Österreich ist bereits jetzt
strukturell überlastet. Zeitnahe Behandlungen im niedergelassenen
kassenärztlich-psychiatrischen Bereich sind vielerorts kaum möglich,
stationäre Einrichtungen, wie zuletzt in Schwarzach im Pongau, müssen
sogar wochenends zusperren. Besonders betroffen sind Menschen, die
mehrfachen Benachteiligungen ausgesetzt sind – etwa durch psychische
Erkrankung, Armut, Wohnunsicherheit, Alleinerziehendenstatus oder
Migrationserfahrung. Kürzungen verschärfen diese strukturellen
Ungleichheiten zusätzlich und treffen jene am stärksten, die ohnehin
über die geringsten Ressourcen verfügen.
„Kurzfristige Einsparungen im psychosozialen Bereich sind
fachlich nicht nur problematisch, sondern auch volkswirtschaftlich
unvernünftig. Sie führen verlässlich zu höheren Folgekosten in
Gesundheitssystem, Pflege, Justiz und Sozialbereich“, betont Prim.
Dr. Christian Korbel, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für
Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik (ÖGPP). „Internationale
Leitlinien und wissenschaftliche Studien zeigen eindeutig:
Integrierte, gemeindenahe und kontinuierliche Versorgung reduziert
Hospitalisierungen, Chronifizierungen und soziale Folgeschäden.“
Aus psychiatrischer Perspektive braucht Österreich gerade jetzt
ein Gerechtigkeitskonzept für die psychosoziale Versorgung:
bedarfsorientiert, regional abgestuft und strukturell abgesichert.
Nur so kann Versorgungssicherheit insbesondere für schwer erkrankte
Menschen gewährleistet werden.
Von zentraler Bedeutung ist auch die Vielfalt der
Versorgungslandschaft. Kleine, gemeindenahe und niederschwellige
Einrichtungen ergänzen das Regelsystem, schließen Lücken und
erreichen Zielgruppen, die von großen Institutionen oft nicht
ausreichend erfasst werden. Der Verlust solcher Angebote würde die
regionale Versorgungsgerechtigkeit deutlich verschlechtern.
„Reformen sind notwendig und willkommen – aber sie müssen
transparent, evidenzbasiert und unter Einbindung aller relevanten
Stakeholder erfolgen. Dazu zählen Fachgesellschaften, Expert:innen,
Betroffenen- und Angehörigenvertretungen sowie relevante
Institutionen“, so Prof. Dr. Johannes Wancata, Präsident der
Österreichischen Gesellschaft für Sozialpsychiatrie. „Erfolgreiche
Pilotprojekte müssen in verbindliche, evidenzbasierte Regelstrukturen
überführt werden.“
Gemeinsame Stellungnahme der Österreichischen Gesellschaft für
Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik (ÖGPP), sowie der
Österreichischen Gesellschaft für Sozialpsychiatrie (ÖGSP):
https://oegpp.at/einsparungen-in-der-versorgung-psychisch-erkrankter-
menschen/