Neuer Südwind-Bericht: Gesundheitsrisiken und prekäre Arbeit prägen den Secondhand-Sektor in Uganda

Wien/Kampala (OTS) – Jedes Jahr landen bis zu 100.000 Tonnen
Altkleidung aus dem Globalen
Norden in Uganda, 40 Prozent davon sind unbrauchbarer Müll – das
entspricht 2.000 vollbeladenen LKWs. Zur Bewältigung dieser
Altkleider-Flut entstand ein ganzer Arbeitssektor. Schätzungen
zufolge arbeiten in Uganda zwischen 700.000 bis zu indirekt 5
Millionen Menschen im informellem Secondhand-Sektor – sei es als
Straßenverkäufer:innen, Schneider:innen, Sortierer:innen oder
Müllsammler:innen. Ihr Alltag ist geprägt von finanziellem Druck,
Gesundheitsrisiken und existenzieller Unsicherheit. Das zeigt ein
neuer Bericht der ugandischen Gewerkschafterin und Forscherin Faith
Irene Lanyero , im Auftrag der Menschenrechtsorganisation Südwind.
Der Bericht “ Die Menschen hinter den Altkleiderbergen.
Arbeitsbedingungen in Ugandas Secondhand-Bekleidungssektor ” legt
einen Fokus auf die menschlichen Schicksale hinter dem Secondhand-
Handel und diskutiert Alternativen für einen gerechten Wandel.

„Unter den Bergen an Altkleidern, die nach Uganda kommen,
verbirgt sich eine tiefe soziale und ökologische Krise”, sagt Autorin
Faith Irene Lanyero. „Hunderttausende Arbeiter:innen schuften oft
ohne freien Tag unter gefährlichen Bedingungen, ohne soziale
Absicherung, ohne Gewerkschaftsvertretung und meist ohne Chance auf
ein existenzsicherndes Einkommen. Die wachsenden Müllberge werden
sogar zu einer Bedrohung für angrenzende Siedlungen, wie der Einsturz
der Kiteezi-Deponie 2024 mit 35 Todesopfern zeigte.”

„Der globale Secondhand-Markt ist bei weitem kein nachhaltiger
Kreislauf. Die Arbeiter:innen in Ugandas Secondhand-Sektor zahlen den
Preis für unseren Fast-Fashion-Konsum. Gemäß dem Prinzip ‘Aus den
Augen aus dem Sinn’ werden Europas Müllprobleme auf den Globalen
Süden abgewälzt, ebenso wie die Verantwortung über den Umgang mit
schädlichen Stoffen, Gesundheitsrisiken und prekären
Arbeitsbedingungen”, sagt Lena Gruber, Südwind-Sprecherin für Mode-
Lieferketten . „Das Fast-Fashion-System hat den Secondhand-Handel zu
einer Müllfalle für den Globalen Süden gemacht.”

Zwtl.: 70 Stunden-Woche, hohe Belastung, keine Absicherung

Obwohl die Secondhand-Branche oft als nachhaltige Lösung
dargestellt wird, ist sie von enormen sozialen und ökologischen
Problemen geprägt. In Uganda schafft die Branche zwar viele
Arbeitsplätze, die Bedingungen dieser Arbeit sind jedoch höchst
prekär. Die meisten Arbeiter:innen haben keine Verträge, keine
Schutzkleidung, keine soziale Absicherung und keine
Gewerkschaftsvertretung. Befragte berichten von 70-Stunden-Wochen,
chronischen Schmerzen, Bluthochdruck oder Atemwegsproblemen,
verursacht durch schwere Lasten, Hitze und Staub. Das Einkommen
reicht oft nicht zum Leben.

Märkte wie Owino in Kampala sind überfüllt, schlecht belüftet und
ohne Schutz vor Regen oder Hitze. Überschwemmungen und Brände sind
häufige Gefahrenquellen. Vor allem Frauen arbeiten unter besonders
prekären Bedingungen: Zugang zu Toiletten, Mutterschutz oder
Kinderbetreuung fehlt. Viele Frauen nehmen daher ihre Babys mit in
die gefährliche Arbeitsumgebung. Gleichzeitig verrichten sie oft die
am schlechtesten bezahlten Jobs, wie das Tragen von Altkleider-
Ballen, Bügeln mit Holzkohle, oder das Ausbessern oder Waschen von
Kleidung.

Straßenhändlerin Patricia Nyaketcho berichtet: „Ich arbeite von
Montag bis Montag, ohne freien Tag, jeweils zehn Stunden, um meine
fünfköpfige Familie zu ernähren. Mein Einkommen reicht nicht aus, um
unsere Lebenshaltungskosten zu decken. Die große Menge an
minderwertiger Second-Hand-Ware verursacht für mich große Verluste.”

Zwtl.: Fehlende Kontrollen und mangelhafte Sortierung

Auch Österreich trägt zu diesen Problemen bei. Mit rund 30
Prozent wird zwar überdurchschnittlich viel der aussortierten
Altkleidung gesammelt. Aufgrund fehlender Sortierungs-Infrastruktur
wird jedoch mehr als die Hälfte exportiert. Das entspricht rund
22.000 Tonnen, die jedes Jahr in einem intransparenten System des
Weiterhandels landen, ohne Überprüfung oder Mitsprache von
Zielländern wie Uganda.

„Mit unserer alten Kleidung exportieren wir nicht zuletzt massive
Umwelt- und Sozialprobleme. Es kann nicht sein, dass wir unsere
Müllprobleme auf andere abwälzen, aufgrund von fehlender
Infrastruktur, unzureichenden Kontrollen und Mangel an politischem
Willen in Österreich”, sagt Südwind-Expertin Lena Gruber. „Die
Menschen am Ende der Lieferketten, die unsere Kleidung aussortieren,
weiterverarbeiten und entsorgen, haben ein Recht auf Mitsprache und
Selbstbestimmung über den für sie so wichtigen Wirtschaftssektor.”

Denn trotz aller Probleme bietet der Secondhand-Sektor in Uganda
vielen Menschen eine wichtige Chance: Für viele Familien ist der
Handel mit gebrauchter Kleidung die einzige Einkommensquelle.
„Secondhand kann Teil einer nachhaltigen Modewirtschaft sein und
hochwertige Secondhand-Ware den Bedarf an Neuproduktion reduzieren.
Das zeigen einige ugandische Designer:innen, die aus Altkleidern neue
Produkte entstehen lassen“, sagt Lena Gruber von Südwind. „Nachhaltig
und respektvoll kann das nur gelingen, wenn die Müllflut aus Europa
gestoppt und politische Lösungen für das Fast Fashion-Problem
umgesetzt werden.“

Zwtl.: Forderungen: Vom linearen Müll- zum gerechten Kreislaufsystem

Südwind fordert auf Basis der Studie einen dringenden
Kurswechsel: Das Ziel müsse sein, dass nur wiederverwendbare Kleidung
exportiert werden darf. Um Müllexporte in Länder des Globalen Südens
zu vermeiden, fordert Südwind den Aufbau von ausreichenden
Sortierkapazitäten in den Verbraucher-Ländern, strenge
Exportkontrollen und Sanktionen bei Falschdeklaration .

Gleichzeitig braucht es Maßnahmen, um die Überproduktion zu
bremsen: Dazu zählen eine ökosoziale Steuerung mit Abgaben auf
Billigmode zur Finanzierung von nachhaltigen und sozial gerechten
Lösungen . In dem Sinne müssen Modemarken basierend auf der
erweiterten Herstellerverantwortung (EPR) für den gesamten
Lebenszyklus ihrer Produkte verantwortlich gemacht werden.

Der gesamte Südwind Maßnahmenplan für eine gerechte Modeindustrie
kann online unterstützt werden unter: suedwind.at/justfashion

Download: Factsheets zur Fallstudie – PDF, 12 Seiten

– Download: Gesamtbericht: „Die Menschen hinter den Altkleiderbergen.
Arbeitsbedingungen in Ugandas Secondhand-Bekleidungssektor “ – PDF,
41 Seiten

– Download von hochauflösendem Bildmaterial auf nextcloud.suedwind.at
zur honorarfreien Nutzung unter Angabe des Fotocredits: © Paula
Karina Martinez,