Wien (OTS) – Das neue Buch von Rogers Brubaker ,
Geschlechtsidentität: Die
Karriere einer Kategorie , herausgegeben am Institut für die
Wissenschaften vom Menschen, ist im Mandelbaum Verlag erschienen. Das
Buch ist eine deutsche, überarbeitete und wesentlich erweiterte
Fassung der IWM-Vorlesungen , die der Autor im Oktober 2025 in Wien
gehalten hat.
Brubaker zeichnet in diesem Buch die Entwicklung der Kategorie
‚Geschlechtsidentität‘ (eng. gender identity) nach, die innerhalb
weniger Jahrzehnte zu einem grundlegenden Prinzip gesellschaftlicher
Klassifikation avanciert ist. Diese bemerkenswerte Entwicklung wirft
eine Reihe soziologisch aufregender und politisch brisanter Fragen
auf.
– Wie konnte eine Kategorie, die ursprünglich auf seltene,
ausdrücklich als pathologisch verstandene Fälle angewandt wurde, auf
alle Menschen übertragen und für die Strukturierung sozialer
Erfahrungen zentral werden?
– Wie kam es dazu, dass eine Kategorie, die als Ergänzung zum
biologischen Geschlecht eingeführt wurde, in immer mehr
Zusammenhängen als grundlegender als das biologische Geschlecht
verstanden wird?
– Wieso erfuhr „Geschlechtsidentität“ zunächst eine unkontroversielle
institutionelle Einbettung, wurde ab Mitte der 2010er-Jahre jedoch
zum Gegenstand zahlloser hitziger Debatten?
Das Buch bildet einen nüchternen Beitrag zur Versachlichung einer
Debatte, die in den Sog erbitterter Kulturkämpfe geraten ist. Anstatt
Partei zu ergreifen, rekonstruiert Brubaker die Entstehungs- und
Wirkungsgeschichte der Kategorie sowie die Umstände, unter denen sie
so umstritten wurde. Das Ergebnis ist ein seltener Beitrag, der
analytische Klarheit, begriffliche Präzision und empirische
Fundierung in eine Debatte einbringt, die gewöhnlich eher von
toxischer Polarisierung als von Nuancen geprägt ist.
Ich habe dieses Buch im Schatten des radikalen Politikwechsels
der Regierung von Donald Trump und ihrer rhetorischen Angriffe auf
die Würde und Integrität von Transpersonen verfasst. Man könnte sich
fragen, ob dies der richtige Moment ist, um die Entwicklung einer
Kategorie zu analysieren. Ist dies der richtige Zeitpunkt für eine
Analyse, die auf Denunziationen verzichtet und von gelebten
Erfahrungen abstrahiert? Ich denke schon. Polemische Interventionen
gibt es zuhauf, und es gibt eine umfangreiche und wichtige Literatur
über die gelebten Erfahrungen von Menschen, für die der Begriff der
Geschlechtsidentität – und die Idee einer Geschlechtsidentität, die
vom Geburtsgeschlecht abweicht – grundlegend ist. Eine nüchterne
Erklärung dafür, wie diese zunächst obskure Kategorie in der Medizin,
im Recht, in der Datenerhebung und in der Bildung fest verankert
werden konnte und schließlich hitzige öffentliche Debatten auslöste,
steht jedoch noch aus.
Das Buch kann über die Webseite des Mandelbaum Verlags erworben
werden.
Rogers Brubaker ist Professor für Soziologie an der University of
California in Los Angeles, wo er den UCLA Foundation Chair innehat.
Brubaker hat zahlreiche Werke zu Sozialtheorie, Migration,
Staatsbürgerschaft, Nationalismus, Ethnizität, Race, Gender und
Populismus verfasst. 2009 wurde er in die American Academy of Arts
and Sciences gewählt. Ihm wurden zahlreiche Preise und Fellowships
verliehen. 2024 und 2025 war er Distinguished Fellow des IWM.