Milliardenschwere Stolperfalle: Wie Österreich durch falsch verstandene Prävention den Pflegeaufwand vervielfacht

Wien (OTS) – Download Medieninfo und Präsentation der heutigen
Hilfswerk-
Pressekonferenz, Audio- und Video-Stream

„ In der Diskussion um die Pflegeversorgung in Österreich gibt es
eine neue politische Zauberformel: Eigenverantwortung und Prävention.
Damit verbunden ist die Hoffnung, den Pflegeaufwand zu reduzieren.
Diese Hoffnung wird sich nicht erfüllen, solange wir in Österreich
Prävention derart oberflächlich diskutieren, solange wir völlig
verfehlte Maßnahmen setzen und wirksame Interventionen unterlassen “,
kritisiert der Präsident des Hilfswerk Österreich, Othmar Karas ,
anlässlich einer Pressekonferenz am 24. März in Wien. Besonders
deutlich zeige sich das laut Hilfswerk an der drastischen Situation
im Bereich Sturzvorbeugung und Sturzversorgung.

In Österreich ereignen sich hochgerechnet zwischen 800.000 und 1
Million Stürze bei Personen über 65 pro Jahr. Ein Viertel davon ist
medizinisch behandlungsbedürftig. Besonders schwerwiegend sind
Hüftfrakturen, die im Jahr 2024 in 9.800 Fällen zu
Krankenhausaufenthalten geführt haben. Viele Stürze wären vermeidbar.
Während Österreich kaum belastbare Daten erhebt, zeigen
internationale Beispiele wie Schweden, dass sturzbedingte
Verletzungen Kosten in Milliardenhöhe verursachen – auf Österreich
umgelegt wären das rund 1,7 Milliarden Euro jährlich. Aber damit
nicht genug: Mangelnde Nachsorge und fehlende Therapiepläne erzeugen
Drehtüreffekte und bleibende Schäden sowie viel zu oft auch dauernden
Pflegebedarf.

Prävention muss anders gedacht werden – umfassender,
differenzierter, konsequenter

„Wenn uns Prävention wirklich helfen soll, den Pflegebedarf zu
dämpfen, und das nicht erst in Jahrzehnten, dann müssen wir
Prävention anders denken“, sagt Elisabeth Anselm , Geschäftsführerin
des Hilfswerk Österreich. In der politischen Diskussion sei meist von
der Primärprävention die Rede – also dem Erhalt der Gesundheit durch
einen entsprechenden Lebensstil. „ Gerade mit Blick auf eine zeitlich
absehbare Dämpfung des Pflegebedarfs müssen wir aber auch die
Sekundär- und Tertiärprävention in den Blick nehmen “, ist Anselm
überzeugt.Sekundärprävention meint die Früherkennung von Erkrankungen
und die gezielte Behandlung, um deren Fortschreiten zu verhindern.
Tertiärprävention zielt auf die bestmögliche Wiederherstellung der
Gesundheit ab, auf die Vermeidung von nicht notwendigen
Krankheitsverschlechterungen oder auf die Verzögerung von
Folgeschäden einer bereits eingetreten Erkrankung, beispielsweise
durch Rehabilitation.

„In diesem Sinne dürfen wir Rehabilitation nicht vorrangig als
Nachsorge verstehen, sondern wir müssen sie als Prävention
begreifen“, meint Regina Roller-Wirnsberger , Professorin für
Geriatrie und Leiterin der Forschungsabteilung Altersmedizin und
lebenslange Gesundheit an der Medizinischen Universität Graz. „Wir
haben in Österreich eine starke Akutversorgung, aber mächtige Lücken
davor und danach“, sagt Roller-Wirnsberger. „ Moderne geriatrische
Prävention muss darauf abzielen, Funktion, Selbstständigkeit und
Teilhabe zu erhalten – trotz Multimorbidität. Gebrechlichkeit ist
kein Schicksal. Sie ist ein dynamischer Zustand: Früh erkannt, kann
sie gebremst oder sogar verbessert werden “, erklärt die Expertin.
„Prävention im Alter funktioniert jedoch nur integriert – Medizin,
Pflege, medizinisch-technische Professionen und Soziales gemeinsam.
Wir brauchen aus medizinischer Sicht endlich Strukturbedingungen für
eine integrierte-interprofessionelle Medizin, die Pflegeabhängigkeit
verhindern kann“, fordert Roller-Wirnsberger.

Fehlende geriatrische Prävention, fehlende Übergangspflege,
fehlende Rehabilitation

Angelika Kuhn , fachliche Leitung für Pflege und Pflegepolitik im
Hilfswerk Österreich, beschreibt eine leidvolle Fallgeschichte, wie
sie in der Praxis vielfach vorkommt: Die allein und selbstständig
lebende 78-jährige Else. Nach ihrem ersten Sturz im eigenen Heim gibt
das Krankenhaus Entwarnung: kein Knochenbruch. Else wird nach Hause
geschickt – ohne Fragen nach der Sturzursache und ohne Vorkehrungen
zur Verhinderung weiterer Stürze. Wenige Tage später ereignet sich
der durch Schwindel ausgelöste nächste Sturz: Oberschenkelhalsbruch!
Die Operation verläuft gut, eine umfassende Entlassungsplanung
unterbleibt jedoch. Der Arztbrief kompensiert nicht das fehlende
Versorgungsnetz. Else ist wieder zu Hause, sie geht auf Krücken –
jede Bewegung ein Risiko, jeder Teppich eine Stolperfalle. Es gibt
keine Übergangspflege, keine Präventionsmaßnahmen, keinen
abgestimmten Therapieplan, die Wartezeiten auf Physiotherapie und
einen Platz in der Rehabilitation betragen Monate. Während dieser
Zeit verliert Else Schritt für Schritt ihre Selbstständigkeit und
Selbstsicherheit, ihr Körper wird schwächer, sie wird zum Pflegefall.
„ Die Ursachen für rasche und anhaltende Pflegebedürftigkeit nach
Sturzereignissen sind nicht die Stürze selbst, sondern die
unterlassenen Präventionsmaßnahmen davor und danach “, sagt Kuhn.

Sechs-Punkte-Programm des Hilfswerks für wirksame Prävention von
Pflegebedarf

Punkt 1: Bessere Daten für bessere Entscheidungen. In Österreich
fehlt es an relevanten Daten über Zusammenhänge, Krankheits- und
Unfallursachen, die für wirksame Prävention unbedingt notwendig sind.
In Schweden hingegen wird beispielsweise ein einheitliches
„Sturzregister“ geführt, um zu verstehen, warum Menschen stürzen und
wie man das verhindern kann.

Punkt 2: Rehabilitation vor Pflege. Maßnahmen zur Rehabilitation
werden in Österreich häufig nicht oder zu spät gesetzt.
Pflegebedürftige Menschen haben oft gar keinen Zugang zu
Rehabilitation! Wie in Deutschland muss auch in Österreich das
Prinzip „Rehabilitation vor Pflege“ gelten. Dafür braucht es den
Ausbau geriatrischer Rehabilitation und einen präventiven Ansatz beim
Pflegegeld.

Punkt 3: Gezielte Bewegung und Therapie auf Rezept. Statt
späterer „Reparatur“ muss die Entstehung von Erkrankungen sowie deren
Fortschreiten verhindert oder gebremst werden. Es braucht die
Möglichkeit, bei sich anbahnenden oder bereits eingetretenen
Einschränkungen gezielte Bewegungsprogramme und Therapieangebote (
u.a. Physio- und Ergotherapie) zu verordnen.

Punkt 4: Behandlungen besser koordinieren. Viele ältere Menschen
haben mehrere Krankheiten, nehmen diverse Medikamente und sind bei
unterschiedlichen Stellen bzw. Berufsgruppen in Behandlung. Es
braucht besser abgestimmte Therapiepläne und Therapiepfade. Dazu
gehört auch die regelmäßige Überprüfung von Medikamenten (Stichwort
Polypharmazie), um z. B. das Sturzrisiko aufgrund von Nebenwirkungen
wie Schwindel zu vermeiden.

Punkt 5: Nachsorgelücke nach dem Krankenhaus schließen. Der
Übergang vom Spital nach Hause ist eine gefährliche Schwachstelle im
österreichischen Versorgungssystem. Lückenhafte Nachsorge produziert
Folgerisiken und Drehtüreffekte. Mehr Kapazitäten in der
Akutgeriatrie und in der Übergangspflege sind gefragt. Die
Niederlande und Dänemark zeigen, dass auch eine intensive mobile
Übergangspflege sinnvoll ist, die älteren Menschen nach
Spitalsaufenthalten hilft, sich trotz Einschränkungen wieder zu Hause
zurechtzufinden.

Punkt 6: Die eigenen vier Wände sicherer machen. Stürze sind
häufig der Grund von Verletzungen und nachhaltigen Einschränkungen.
Die Mehrzahl der Stürze geschieht im eigenen Haushalt. Eine gezielte
Förderung von Wohnraumadaption und einschlägiger Beratung zur
Beseitigung von Sturzrisiken und zur Schaffung von bestmöglicher
Barrierefreiheit im eigenen Zuhause sollte flächendeckend ausgebaut
werden.

Initiative des Hilfswerks zu Prävention, Mobilität und
Lebensqualität im Alter

Mit seiner Jahresinitiative 2026 will das Hilfswerk Bewusstsein
für die präventive Bedeutung von Bewegung in fortgeschrittenem Alter
stärken. Öffentlichkeitsarbeit, Information und Beratung für
Interessierte, Betroffene und Angehörige, ein Ratgeber und ein
Webportal, Fortbildungsprogramme für Fachkräfte, Leitlinien und
Assessments sind Teil des Programms. Mehr unter www.hilfswerk.at ,
Facebook und Instagram , oder unter der kostenlosen Service-Hotline
0800 800 820 .

Folgende Partner unterstützen die Initiative des Hilfswerks:
Erste Bank und Sparkassen, Wiener Städtische, Essity/TENA, Hartmann
und Publicare.