Mehr als ein Tunnel: Die Koralmbahn zeichnet die Wanderkarte des Südens neu

GRAZ/KLAGENFURT (OTS) – Das Leben im Süden Österreichs war lange ein
Dasein in getrennten
Welten. Graz und Klagenfurt, getrennt durch das Koralm-Massiv – eine
geografische und mentale Barriere, die den Freizeitverkehr auf der
Schiene zu einem Geduldsspiel machte. Besonders für Bergsportlerinnen
und Bergsportler galt ein ungeschriebenes Gesetz: Wer in Kärnten
öffentlich auf den Berg will, muss Zeit mitbringen oder Verzicht
üben. Es ist eine Wahrnehmung, die wie ein Vorhang aus altem
Eisenbeton die Möglichkeiten in einen unentrinnbaren Schatten
stellte.

Mit der Eröffnung der Koralmbahn im Dezember 2025 bricht dieser
Vorhang auf. Es ist nicht nur ein Tunnel, es ist ein Quantensprung
für die öffentliche Mobilität, der die traditionelle Wahrnehmung von
Distanz auflöst. Der Verein „Bahn zum Berg“, Österreichs führende
Plattform für klimafreundlichen Bergsport, hat nun erstmals
datenbasiert analysiert, was dieser Fahrplanwechsel für Wanderer
bedeutet.

Ein akribischer Vergleich der Fahrpläne von Ende Oktober 2025 (
vor der Eröffnung) mit dem neuen Plan ab Mitte Dezember 2025 (nach
der Eröffnung) zeigt: Hunderte neuer Tourenstartpunkte werden von
Graz und Klagenfurt aus erreichbar.

Zwtl.: Die Kaskade der Erreichbarkeit

Die vom Verein visualisierten Daten sind eindrücklich: Auf den
Landkarten (siehe Links unten) überschwemmen hunderte neue grüne
Markierungen die Regionen und zeigen Touren, die bisher als
öffentlich unerreichbar galten.

„Der eigentliche Hebel sind nicht nur die 45 Minuten zwischen den
Landeshauptstädten“, erklärt Dietmar Trummer, Technik-Lead und
Datenexperte bei „Bahn zum Berg“. „Es sind die kaskadierenden
Effekte. Weil Hauptverbindungen schneller werden, entstehen im
gesamten S-Bahn- und Regionalbus-Netz völlig neue Anschlussketten.
Plötzlich sind Touren im oberen Murtal, in den Gurktaler Alpen oder
den Karawanken möglich, die weit abseits der eigentlichen Koralm-
Trasse liegen.“

Damit wird ein altes Narrativ endgültig widerlegt. „Das Stigma,
Öffi-Wandern in Kärnten sei schwierig, stimmte so nie ganz – etwa die
S1 im Drautal war immer schon ein starkes Rückgrat, besonders mit dem
Rad“, so Trummer. „Aber jetzt erlebt der Süden eine echte Revolution
der Erreichbarkeit.“ Auch für Graz, dessen bergsportlicher Fokus
bisher fast ausschließlich nach Norden und Osten gerichtet war,
öffnet sich der Kompass nun weit nach Süden und Westen.

Zwtl.: Ein Riss in der Hochglanz-Verbindung

Einen Wermutstropfen in der Euphorie identifiziert der Verein
jedoch – einen blinden Fleck, der die neue Spontaneität bremst: Die
„Klimaticket-Falle“.

„Die regionalen Klimatickets der Steiermark und Kärntens gelten
nicht in den schnellen Railjets durch den Tunnel“, kritisiert
Vereinsvorsitzende Sarah Pallauf. „Wer wandern geht, will flexibel
sein und nicht auf zuggebundene Spartickets angewiesen sein,
besonders bei der Rückfahrt. Hier ist die Politik gefordert, dringend
eine länderübergreifende, alltagstaugliche Lösung nach dem Vorbild
der Ostregion zu finden.“

Trotz dieser tariflichen Hürde ist das Fazit des Vereins
euphorisch. Pallauf: „Die Koralmbahn ist eine Jahrhundertchance für
den klimafreundlichen Bergsport. Sie zeichnet die Wanderkarte des
Südens neu. Unsere Analyse zeigt: Der Berg rückt zur Bahn – und zwar
in einem Ausmaß, das wir selbst kaum zu hoffen gewagt hätten.“