Wien (OTS) – Seit 75 Jahren begleiten die Sujets der Wiener
Festwochen das
kulturelle Leben der Stadt. Anlässlich dieses Jubiläums zeigt das MAK
mit der Ausstellung HYPE UND HOCHKULTUR. 75 Jahre Wiener Festwochen
in Plakaten (22.4.–20.9.2026) im MAK Plakat Forum rund 80 prägende
Kampagnen aus der Sammlung der Wienbibliothek im Rathaus. Die Auswahl
aus über tausend Festwochen-Plakaten dokumentiert nicht nur die
visuelle Entwicklung eines der bedeutendsten europäischen
Kulturfestivals, sondern entwirft zugleich ein Psychogramm der Stadt
Wien – von den kulturellen Aufbrüchen der Nachkriegszeit bis zu den
radikalen Gegenwartsentwürfen unter der Intendanz von Milo Rau.
In enger Kooperation mit den Wiener Festwochen | Freie Republik
Wien und der Wienbibliothek im Rathaus beleuchtet die MAK Ausstellung
die wechselvolle Geschichte des Festivals und schlägt zugleich eine
Brücke zu aktuellen künstlerischen Grenzüberschreitungen.
Einer Chronik markanter Jahressujets (1951–2026) steht ein
thematischer Parcours gegenüber. Dieser bündelt Schlaglichter auf
Bereiche wie Theater, Musik, Ausstellungen, Orte (Arena) oder
öffentliche Debatten. Im Zuge der Ausstellung wird zudem erstmals der
gesamte Bestand des Wiener-Festwochen-Archivs digital zugänglich
gemacht. Seit ihrer Gründung im Jahr 1951 repräsentieren die Plakate
der Wiener Festwochen weit mehr als bloße Ankündigungsmedien und sind
zunächst ein Prisma der Zeit im gesellschaftspolitischen Klima der
Nachkriegsjahrzehnte. Die Bildsprache jener Jahre untermauert den
Drang, das besetzte Wien als kulturelle Metropole neu zu erfinden.
Das erste Sujet, gestaltet vom renommierten Plakatkünstler Victor
Theodor Slama, wirkte selbst für damalige Verhältnisse erstaunlich
konservativ: Ein barocker Putto vor der Stadtsilhouette sollte nach
den ideologischen Verwerfungen der NS-Zeit Vertrauen und Kontinuität
symbolisieren. Nach den Gräueln des Zweiten Weltkriegs und der NS-
Diktatur besann man sich in der visuellen Kommunikation oft auf das
Barock oder Biedermeier. Der Putto steht symbolisch für das „alte,
glanzvolle Wien“ und die Lebensfreude. Er sollte die Stadt als
Kulturmetropole von Weltrang rehabilitieren.
Über Jahrzehnte prägten die Arbeiten profilierter und dekorierter
Grafiker wie Walter Hofmann, Hans Fabigan, Hermann Kosel, Otto
Liewehr, Georg Schmid oder Josef Seger das Stadtbild. Liewehr war es
auch, der 1954 das markante rot-weiß-rote „Festwochen-W“ entwickelte
– ein Signet, das über sieben Jahrzehnte hinweg visuelle Klammer und
Identitätsanker des Festivals ist. Der Entwurf dazu wird anlässlich
der Ausstellung erstmals einer breiten Öffentlichkeit zugänglich
gemacht. Das Plakat dieser Ära war ein Instrument der ästhetischen
Erziehung, vielfach ausgezeichnet durch die städtische
Plakatwertungsaktion, die das künstlerische Element im öffentlichen
Raum verstärken sollte.
In der Folge spiegeln diese Affichen subtil den Zeitgeist wider.
Eingebettet zwischen Nachkriegs-Walzerseligkeit und der jungen 2.
Republik bis hin zu den Skandal-umwitterten Kampagnen der Gegenwart
lösen sie bei den Bewohner*innen dieser Stadt Erinnerungen aus: an
unvergessene Theaterskandale, hitzige Debatten – und vor allem an
große Kunsterlebnisse. Stadtgesellschaftlich brisante Ereignisse wie
die Arena-Besetzung im Jahr 1976 klingen ebenso an wie bleibende
Momente, etwa das Falco-Eröffnungskonzert aus dem Jahr 1985.
Der Paradigmenwechsel: Das Plakat als Provokation
Fast ein Vierteljahrhundert prägte die Agentur Demner, Merlicek &
Bergmann das Erscheinungsbild des Festivals. Der entscheidende Bruch
mit der rein dekorativen Tradition vollzog sich zur Jahrtausendwende.
Im Jahr 2001 änderte die Agentur unter der Intendanz von Luc Bondy
den Ton radikal. Nicht nur das Programm auf der Bühne, sondern
bereits die Kampagne im Vorfeld sollte provozieren. Unter dem Motto
Vom 11. Mai bis 18. Juni wird’s kritisch wurden Originalzitate aus
erbosten Leserbriefen – wie etwa „Einer Kulturnation unwürdig!“ oder
„Geschmacks-proleten!“ – motivisch ins Zentrum gestellt.
Diese Strategie der Aneignung von Kritik verwandelte die
Plakatwand in einen öffentlichen Diskursraum. Das Festwochenplakat
hatte sich nun endgültig von seiner Rolle als bloßes
Informationsmedium gelöst und war zum eigenständigen Teil des
künstlerischen Programms avanciert.
Einprägsam bleibt das Mozart-Jahr 2006, in dem das Festival dem
Geniekult mit ironischer Note begegnete: Plakate mit Mozart- und
Freud-Köpfen, die demonstrativ ihre Augen verdrehten, wurden zu
ikonischen Motiven der Wiener Designgeschichte.
Die Freie Republik: Das Plakat als politischer Akteur
In der jüngeren Vergangenheit, insbesondere unter der Intendanz
von Milo Rau, erreichte die politische Aufladung eine neue
Intensität. Die Ausrufung der „Freien Republik Wien“ bringt eine
eigene symbolische Ordnung mit sich, in der das Plakat als
Kampfansage fungiert. Dass die Relevanz dieser visuellen Setzungen
ungebrochen ist, zeigen die Ereignisse von 2025: Sujets des
Designkollektivs Studio Sirene (Fotografin Anna Breit) mit schwulen
Paaren oder schwangeren Frauen wurden am Schwarzenbergplatz
heruntergerissen, verunstaltet oder verbrannt. Die daraus
resultierende „Mahnwache der Liebe“ der Festivalleitung bewies
erneut, dass das Medium Plakat nach wie vor die Kraft besitzt,
Debatten vom Feuilleton direkt auf die Straße zu tragen.
HYPE UND HOCHKULTUR eröffnet den Reigen vieler spannender
Kulturveranstaltungen im Zeichen der Wiener Festwochen 2026, die auch
heuer wieder unter der Intendanz von Milo Rau die Grenzen zwischen
Kunst und Aktivismus ausloten.
wiener hefte — Nr. 5
Hrsg. von der Wienbibliothek im Rathaus & den Wiener Festwochen
75. Wiener Festwochen
Das Heft ist im MAK und in der Wienbibliothek erhältlich.
Pressefotos stehen unter MAK.at/presse zum Download bereit.
Ein gemeinsames Projekt der Wiener Festwochen | Freie Republik Wien
und des MAK
In Kooperation mit der Wienbibliothek im Rathaus
Eröffnung
Dienstag, 21.4.2026, 19 Uhr
Eintritt frei zur Ausstellungseröffnung
Ausstellungsort
MAK Plakat Forum
MAK, Stubenring 5, 1010 Wien
Ausstellungsdauer
22.4.–20.9.2026
Öffnungszeiten
Di 10–21 Uhr, Mi bis So 10–18 Uhr
Gastkurator*innen
Franz Gangelmayer, Manuela Leutgeb, Wienbibliothek
MAK Kurator
Peter Klinger, Stellvertretende Leitung MAK Bibliothek und
Kunstblättersammlung
Publikation
wiener hefte — Nr. 5
Hrsg. von der Wienbibliothek im Rathaus & den Wiener Festwochen
75. Wiener Festwochen
Rahmenprogramm
abrufbar unter MAK.at
MAK Eintritt
Ꞓ 19/18*; ermäßigt Ꞓ 15,50/14,50*; jeden Dienstag 18–21 Uhr: Eintritt
Ꞓ 9,50/8,50*
Eintritt frei für Kinder und Jugendliche unter 19
* Ticketpreis im Online-Vorverkauf