Wien (OTS) – Wien setzt einen weiteren Meilenstein in der Suchthilfe:
Die
Gesundheitsgreisslerei in Favoriten wurde nach einem Ausbau neu
eröffnet. Die Einrichtung ist österreichweit einzigartig, da sie sich
ausschließlich an suchtkranke Frauen richtet. Mit einem
multiprofessionellen Team aus Psychotherapie, Psychologie, Medizin,
Sozialarbeit und Kunsttherapie bietet sie ein gendersensibles
Setting, das auf die besonderen Bedürfnisse von Frauen eingeht.
„Die Perspektive auf die Medizin wurde überwiegend aus einer
männlichen Wahrnehmung eingenommen. Das ist problematisch, weil ein
geschlechterspezifischer Zugang für die physische und psychische
Gesundheit unumgänglich ist. Die Stadt Wien arbeitet hier konsequent
dagegen an und schafft mit der neu eröffneten Gesundheitsgreisslerei
– neben den Frauengesundheitszentrum – einen weiteren Grundpfeiler.
Suchterkrankungen sind nach wie vor tabuisiert und mit vielen
Vorurteilen behaftet. Besonders Frauen haben oft Angst, ihre Probleme
offen anzusprechen – aus Scham, aus Sorge vor Stigmatisierung oder
vor dem Verlust des Sorgerechts. Die Gesundheitsgreisslerei bietet
ein geschütztes Umfeld, in dem Frauen die Unterstützung bekommen, die
sie brauchen. Wien geht hier österreichweit voran“, betonte
Vizebürgermeisterin und Frauenstadträtin Katrin Gaal .
„Wer nutzt die Angebote und wie funktioniert das eigentlich?“
Seit ihrer Erst-Eröffnung Ende 2020 haben rund 500 Frauen die
Angebote genutzt, der Bedarf ist groß: Bereits drei Monate nach dem
Start war die Einrichtung nahezu voll ausgelastet. Dr.in Barbara
Schreder-Gegenhuber , Geschäftsführerin des SHH und Leiterin der
Einrichtung fasst das Angebot so zusammen: „Das Konzept verbindet
unsere Expertise in der Behandlung von Abhängigkeitserkrankungen mit
einem feministischen, frauenspezifischen Ansatz, der auf
wissenschaftlichen Erkenntnissen und bewährten Methoden basiert. So
entsteht ein stabiler Rückzugs- und Schutzraum, in dem Frauen eine
individuell abgestimmte Behandlung und Betreuung erhalten.“
Auf die Frage hin, wer das Angebot nutzen kann und wie das
funktioniert, erklärt Dr.in Schreder-Gegenhuber: „Unser Angebot ist
für alkohol- sowie drogenabhängige Frauen ab 18 Jahren konzipiert.
Wir bieten ambulante multiprofessionelle Betreuung und Behandlung,
bei der Patientinnen wöchentliche bis zweiwöchentliche Termine in
Anspruch nehmen, bis hin zur hochfrequenten Ganztägig ambulanten
Therapie mit täglichem Angebot.“ Die Abklärung des Bedarfs sowie
Zuweisung im Bereich Alkohol erfolgt über das Regionale
Kompetenzzentrum der Suchthilfe Wien, bei Problemen mit
illegalisierten Substanzen kann frau sich direkt an die
Gesundheitsgreisslerei wenden. In einem unverbindlichen Erstgespräch
wird abgeklärt, welches Angebot passend ist.
Integrierte Versorgung als Wiener Weg
„Mit der Gesundheitsgreisslerei zeigen wir, wie moderne Suchthilfe
funktioniert: integriert, niederschwellig und bedarfsgerecht. Sie ist
Teil des wienweiten Programms Alkohol. Leben können. und ein
wichtiger Baustein für die Versorgung suchtkranker Menschen in
unserer Stadt“, erklärte Ewald Lochner , Koordinator für Psychiatrie,
Sucht- und Drogenfragen der Stadt Wien. Mehr als 13.600 Personen
wurden in den letzten 10 Jahren im Rahmen des Programms Alkohol.
Leben können beraten, behandelt und betreut. Das Erfolgsprogramm wird
gemeinsam finanziert von der Pensionsversicherung Österreich, der
Österreichischen Gesundheitskasse und der Stadt Wien. Begleitende
Studien zeigen deutliche Verbesserungen: Bei rund 40 Prozent der
Teilnehmenden verbesserte sich der Gesundheitszustand, bei 53 Prozent
das Konsumverhalten.
„Integrierte Versorgung bedeutet, dass nicht die Krankheit,
sondern die Person im Mittelpunkt steht. Verschiedene Einrichtungen
arbeiten eng zusammen, um medizinische, psychische und soziale
Bedürfnisse gleichermaßen zu berücksichtigen. Damit erhöhen wir die
Qualität der Versorgung und erleichtern den Zugang zu Hilfe“, so
Lochner.
Bezirksvorsteher Marcus Franz unterstrich die Bedeutung für
Favoriten: „Mit dieser Einrichtung im Herzen unseres Bezirks setzen
wir ein starkes Zeichen gegen Stigmatisierung und erleichtern
betroffenen Frauen den Weg zu Hilfe und Therapie.“
Hintergrundinfos und Entstehung
Die Gesundheitsgreisslerei wird vom Schweizer Haus Hadersdorf (
SHH) betrieben, einer seit 1998 anerkannten gemeinnützigen
Einrichtung, die auf Therapieangebote bei Abhängigkeitserkrankungen
spezialisiert ist. Die Idee der Gesundheitsgreisslerei entstand aus
der langjährigen praktischen Erfahrung in der Arbeit mit suchtkranken
Frauen. In bestehenden Versorgungssystemen werden oftmals die
Bedürfnisse der Zielgruppe nicht und nicht ausreichend abgedeckt.
Neben dem Faktor Sicherheit umfasst das Konzept der
Gesundheitsgreisslerei auch, dass im Rahmen der Behandlung sensible
Themen wie Stigmatisierung, Gewalt oder Trauma offen angesprochen
werden können.
Das Schweizer Haus Hadersdorf ist Teil des Wiener Sucht- und
Drogenhilfenetzwerks.