Wien (OTS) – Von der präoperativen Risikoabschätzung bis zur
automatisierten
Narkoseführung: Künstliche Intelligenz (KI) hält Einzug in den
Operationssaal – und wird die Arbeit von Anästhesist:innen
grundlegend verändern. »KI-Systeme werden uns künftig dabei
unterstützen, Patientensicherheit und Effizienz im OP weiter zu
erhöhen – die ärztliche Verantwortung aber bleibt unersetzlich«,
erklärt Prim. Priv.-Doz. Dr. Johann Knotzer , Vorstand des Instituts
für Anästhesiologie und Intensivmedizin am Klinikum Wels-Grieskirchen
und Leiter der Säule Anästhesiologie im Vorstand der ÖGARI.
Zwtl.: Präziser planen – individueller behandeln
KI-Modelle, die Patientendaten wie Laborwerte, Vitalparameter
oder Medikationslisten analysieren, können postoperative Risiken
erstaunlich genau vorhersagen. Systeme an der Charité oder der Mayo
Clinic erreichen Genauigkeitswerte (AUC) zwischen 0,84 und 0,90 und
ergänzen damit bewährte Scores wie die ASA-Klassifikation. »Diese
Modelle helfen uns, präziser aufzuklären und die Narkose noch
individueller anzupassen«, betont Primarius Knotzer.
Zwtl.: Risiken rechtzeitig erkennen: Neues KI-Modell aus Wien
Ein aktuelles Projekt der Medizinischen Universität Wien und der
Technischen Universität Wien zeigt das Potenzial eindrucksvoll: Ein
neues KI-Modell kann gefährliche Blutdruckabfälle während Operationen
bis zu sieben Minuten im Voraus vorhersagen.
Der sogenannte Temporal Fusion Transformer (TFT) analysiert
kontinuierlich Vitalparameter wie Blutdruck, Puls,
Sauerstoffsättigung und Beatmungswerte – und ermöglicht so
rechtzeitiges Eingreifen, bevor ein gefährlicher Blutdruckabfall
entsteht.
Das System arbeitet mit Routinedaten, die ohnehin im OP erhoben
werden, und wurde mit Datensätzen von über 73.000 Patient:innen am
AKH Wien trainiert. Die Vorhersage des Blutdruckverlaufs gelang mit
einer durchschnittlichen Abweichung von nur 4 mmHg – ein
außergewöhnlich präziser Wert. Zudem erkannte das Modell mit über 90
Prozent Genauigkeit kritische Abfälle im Voraus. »Solche
Entwicklungen zeigen, wie KI die Sicherheit im Operationssaal weiter
erhöhen kann«, bestätigt Knotzer und verweist auf die
Forschungsarbeit seines ÖGARI-Kollegen Univ.-Prof. Dr. Oliver
Kimberger, Leiter des Expert:innengremiums „ Digitalisierung“ der
ÖGARI, der sich für den verantwortungsvollen Einsatz digitaler
Technologien in der Medizin einsetzt.
Zwtl.: Smarter steuern – sicherer operieren
Auch während der Operation kommt KI zunehmend zum Einsatz:
Automatisierte Closed-Loop-Systeme regulieren Narkosemittel wie
Propofol in Echtzeit – gesteuert durch EEG-, Kreislauf- und
Atemdaten. Studien zeigen eine stabilere Narkosetiefe und bis zu 30 %
weniger Medikamentenverbrauch. »Das bedeutet mehr Sicherheit für die
Patient:innen und mehr Effizienz für das OP-Team«, bestätigt Knotzer.
Zwtl.: Dokumentation, die mitdenkt
KI kann Ärzt:innen auch bei Routineaufgaben entlasten: Systeme
wie der Smart-Anesthesia-Manager übernehmen Dokumentation und
Protokollierung weitgehend automatisch. So bleibt mehr Zeit für das
Wesentliche – die Patient:innen. Künftig wird KI durch
Spracherkennung und Echtzeit-Empfehlungen zusätzlich die
Entscheidungsfindung unterstützen.
Zwtl.: Wissenschaft und Weiterbildung mit KI
Auch Aus- und Weiterbildung profitieren: KI-gestützte
Simulationen analysieren Teamverhalten, geben individuelles Feedback
und steigern die Lernerfolge um bis zu 35 %. In Kombination mit
Virtual und Augmented Reality entstehen praxisnahe, sichere
Trainingsumgebungen, die klinische Abläufe realitätsgetreu abbilden.
Darüber hinaus eröffnet KI neue Wege in der Forschung: Sie kann
komplexe, heterogene Daten aus Narkoseprotokollen,
Intensivdokumentationen und Patient:innenakten systematisch
auswerten, Muster erkennen und bislang verborgene Zusammenhänge
sichtbar machen. So lassen sich Risiken wie intraoperative Hypotonie,
postoperative Delirien oder Atemdepressionen künftig noch gezielter
vermeiden.
Univ.-Prof.in Dr.in Judith Martini, Universitätsprofessorin für
Experimentelle Anästhesie und Intensivmedizin an der Univ.-Klinik für
Anästhesie und Intensivmedizin Innsbruck betont, dass der Schlüssel
im verantwortungsvollen Umgang mit der Technologie liegt: KI-Systeme
müssen auf hochwertigen, ausgewogenen Daten beruhen, um Verzerrungen
zu vermeiden. Ebenso wichtig ist die Nachvollziehbarkeit der
Algorithmen – die „Black Box“ hat in der Wissenschaft keinen Platz.
Nur transparente, überprüfbare Prozesse sichern Glaubwürdigkeit und
Qualität. Auch ethische und datenschutzrechtliche Aspekte müssen
konsequent mitgedacht werden: Die Integrität wissenschaftlicher
Arbeit und der Schutz sensibler Patient:innendaten dürfen nie
gefährdet werden.
Zwtl.: Menschliche Verantwortung bleibt zentral
So groß die Chancen auch sind – KI ersetzt weder Erfahrung,
Intuition noch Empathie. »Künstliche Intelligenz wird ein wertvoller
Kollege sein, aber kein Ersatz für ärztliche Verantwortung«,
bestätigen Univ.-Prof.in Priv.-Doz.in Dr.in Judith Martini und Prim.
Priv.-Doz. Dr. Johann Knotzer übereinstimmend.