Wien (OTS) – Das Jüdische Museum Wien, ein Museum der Wien Holding,
präsentiert im
Museum Judenplatz die neue Ausstellung „Alles Vergessen“, eine
Kooperation mit dem Jüdischen Museum Hohenems. Die Schau eröffnet
bewusst am 27. Jänner, dem Internationalen Holocaust-Gedenktag.
Dieser Tag erinnert an die Befreiung des Konzentrations- und
Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau, das symbolisch für die
industrielle Ermordung der Jüdinnen und Juden Europas sowie für den
Versuch, jede Erinnerung an diese auszulöschen, steht. Davon
ausgehend widmet sich die Ausstellung dem Vergessen aus
kulturhistorischer und jüdischer Perspektive und stellt die Frage,
welche Formen des Vergessens und Verdrängens unsere Gesellschaft
prägen.
Die doppelte Natur des Vergessens
Im Hebräischen reimen sich die Wörter lischkoach – Vergessen – und
koach, das sowohl Macht als auch Stärke bedeutet, als offenbare sich
darin die doppelte Natur des Vergessens. So erzählt die Ausstellung
Alles vergessen aus kulturhistorischer Perspektive von der Macht,
aber auch der Ohnmacht des Vergessens und fragt, ob es lediglich
Verlust bedeutet oder auch Befreiung sein kann.
Während das Judentum zumeist mit dem Gebot zur Erinnerung assoziiert
wird, gibt es jedoch auch die Aufforderung zu vergessen. Doch gibt es
ein jüdisches Vergessen? Und wie hat Vergessen die Geschichte von
Jüdinnen und Juden beeinflusst?
Macht, Ohnmacht und das Auslöschen von Erinnerung
Die Macht des Vergessens kann unterschiedlich angewendet werden und
lässt diejenigen, die vergessen werden, ohnmächtig zurück.
Innerjüdisch stellt der große Bann (Cherem), der ein Gemeindemitglied
vollständig aus der Gemeinschaft ausschließt und jegliche Erinnerung
an die Person auslöschen soll, die schwerste rabbinische Bestrafung
dar. Aber auch gegen äußere Feinde wird der Fluch des Vergessens
ausgesprochen: jimach schemo, „Sein Name sei ausgelöscht“.
Vergessen im 20. Jahrhundert
Ziel der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik war es nicht
nur, die jüdische Bevölkerung zu ermorden, sondern auch die Beweise
für den Massenmord zu beseitigen. Nach der Befreiung der
Konzentrations- und Vernichtungslager blieben nur mehr jene Zeugnisse
übrig, die der Vernichtung durch die Täter*innen entgangen waren.
Viele Österreicher*innen wollten ab 1945 vergessen, was geschehen war
und welche Rollen sie gespielt hatten. Diese „Vergessenskultur“ wurde
erst 1986, im Zuge der Waldheim-Affäre, aufgebrochen.
Vergessen als gesellschaftliche Herausforderung
In Zeiten, in denen historische Verantwortung und Erinnerung
zunehmend infrage gestellt werden, ist es wichtig, über die
Mechanismen des Vergessens zu sprechen und zu fragen, was verdrängt
und überschrieben, was übersehen und was bewusst ausgelöscht wird.
Die Ausstellung lädt dazu ein, Vergessen nicht nur als Gegensatz zum
Erinnern zu begreifen, sondern als Teil einer komplexen
Auseinandersetzung mit Geschichte und Gegenwart.
Vergessen sichtbar machen
Die Ausstellung zeigt ausgewählte Objekte und künstlerische
Positionen, die exemplarisch verdeutlichen, wie Vergessen
hergestellt, erzwungen oder sichtbar gemacht wird. Der Bannbrief über
Baruch de Spinoza von 1656 verbot jeden Kontakt und jede Erinnerung
an den Philosophen und zeigt, wie innerjüdisches Vergessen als
Machtinstrument eingesetzt wurde. Kurt Waldheims Wehrstammbuch steht
für die „Vergessenskultur“ der Zweiten Republik und deren
„Opferthese“. Nicht das Dokument selbst wurde verborgen, sondern
seine biografische Bedeutung: Waldheim ließ zentrale Aspekte seines
Wehrdienstes aus und erklärte diese Lücken später mit angeblicher
Erinnerungslosigkeit. Die Waldheim-Affäre macht sichtbar, wie
selektives Erinnern und bewusstes Verdrängen das österreichische
Selbstbild über Jahrzehnte prägten. Der Film Night and Fog von Dani
Gal rekonstruiert minutiös die Verstreuung von Adolf Eichmanns Asche
im Mittelmeer. Im Zentrum steht der Versuch, jede Erinnerung an
Eichmann zu tilgen und damit jede Form des Gedenkens zu verhindern.
Der Film thematisiert, wie der Versuch der vollständigen Auslöschung
von Erinnerung selbst zum Mahnmal und damit zum Erinnerungsträger
wird. Brigitte Kowanz’ Lichtobjekt Lizkor veLishkoach / Remember and
Forget überblendet die hebräischen Schriftzüge „erinnern“ und
„vergessen“ auf einer reflektierenden Fläche. Betrachtende sehen ihr
Spiegelbild mit dem Schriftbild vervielfacht, wodurch die Nähe von
Erinnerung und Vergessen unmittelbar erfahrbar wird.
Die Ausstellung entstand in Kooperation mit dem Jüdischen Museum
Hohenems, wo sie anschließend gezeigt werden wird. Zu sehen sind
Objekte aus beiden Häusern, ergänzt durch internationale Leihgaben.
Pressefotos:
Fotos zur Aussendung sind im Presse-Bereich der Wien Holding unter
www.wienholding.at/Presse/Presseaussendungen abrufbar. Honorarfreier
Abdruck im Zuge der Berichterstattung unter Nennung des Copyrights.
Mehr Bilder unter https://www.jmw.at/presse/alles_vergessen