Interimistische ORF-Generaldirektorin Thurnher lud Spitzen der Kirchen und Religionsgesellschaften zum Gedankenaustausch

Wien (OTS) – Im ORF-Mediencampus fand heute, Dienstag, 14. April
2026, ein Round
Table statt, bei dem auf Einladung des ORF Vertreterinnen und
Vertreter der 16 in Österreich gesetzlich anerkannten Kirchen und
Religionsgesellschaften sowie Expertinnen und Experten aktuelle
Entwicklungen und zukünftige Perspektiven der ORF-
Religionsberichterstattung diskutierten. Im Zentrum der Veranstaltung
stand der offene Dialog über Programmstrategien, gesellschaftliche
Erwartungen und die Rolle des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in
Zeiten tiefgreifender gesellschaftlicher und medialer Veränderungen.

Die interimistische ORF-Generaldirektorin Ingrid Thurnher
begrüßte u. a. den Wiener Erzbischof Josef Grünwidl, Cornelia
Richter, Bischöfin der Evangelischen Kirche A.B., Maria Kubin,
Bischöfin der Altkatholischen Kirche, Jaron Engelmayer, Oberrabbiner
der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, Ümit Vural, Präsident der
Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich, und Gerhard Weißgrab,
Präsident der Österreichischen Buddhistischen Religionsgesellschaft.
An der Veranstaltung nahm neben weiteren Vertreterinnen und
Vertretern der verschiedenen christlichen Kirchen und zahlreicher
anderer Religionsgemeinschaften auch Publikumsrat Christoph Riedl
teil.

Moderiert wurde die Gesprächsrunde von Barbara Krenn, Leiterin
der ORF-Hauptabteilung „Religion und Ethik – multimedial“, die u. a.
die strategischen Neuausrichtungen im Programmangebot präsentierte.
Ausgangspunkt dafür sind die veränderten Mediengewohnheiten in der
Gesellschaft und die vom ORF initiierte Studie „Was glaubt
Österreich?“ der Universität Wien, die deutlich veränderte Glaubens-
und Wertvorstellungen der Menschen in Österreich belegt. U. a. wurden
digitale Explainer-Formate wie die Serie „Schlüsselmomente der
Religionen“, die ausgehend von ikonischen Fotografien Wendepunkte der
Religionsgeschichte beleuchten, und die Serie „Was im Leben zählt“,
die sich anhand von zehn Philosophinnen und Philosophen grundlegenden
Fragen des Zusammenlebens widmet, vorgestellt – ebenso neue Podcast-
Formate wie „Macht und Herrlichkeit – der Ö1-Popecast“, der sich der
Geschichte des Papsttums im Spannungsfeld von Religion, Politik und
Macht widmet, und der Ethikpodcast „Die entscheidende Frage“. Mit den
„Was glaubt Österreich?-Zaungesprächen“ will der ORF zudem zum
gesellschaftlichen Austausch über verschiedene Ansichten zu Wert- und
Glaubensvorstellungen beitragen.

Ingrid Thurnher, interimistische ORF-Generaldirektorin:

„Unabhängiger Religionsjournalismus ist heute keine Nische mehr.
Er ist eine demokratische Notwendigkeit. Religion ist zurück im
Zentrum gesellschaftlicher Auseinandersetzungen: politisch wirksam,
ethisch aufgeladen, kulturell umkämpft. Gerade deshalb braucht es
einen Journalismus, der hinschaut, einordnet und auch widerspricht!
Ein Religionsjournalismus – so wie wir ihn verstehen – braucht klare
Prinzipien: Unabhängigkeit, Fach- und Sachkenntnis, sprachliche
Präzision und die Fähigkeit zur Kritik ohne Polemik. Wir berichten
über Kirchen und Religionsgesellschaften und setzen dabei auf ihre
Offenheit, ihre Auskunftsbereitschaft, ihre Bereitschaft zum Dialog,
zur Diskussion und zur kritischen Auseinandersetzung. Sie gestalten
unsere Gesellschaft mit – in ihrer Vielfalt, in ihrem Engagement, in
ihrer Suche nach Sinn und Orientierung. Und der ORF sieht es als
seine Aufgabe, dieses Wirken sichtbar zu machen: differenziert,
verständlich und auch kritisch. Mit Respekt vor ihrer Vielfalt und im
Bewusstsein unserer gemeinsamen Verantwortung.“

Spitzenvertreter:innen der Kirchen und Religionsgemeinschaften
zur Bedeutung von unabhängigem Religionsjournalismus und zum
Bedürfnis nach Sinnangeboten und Lebenshilfe in Krisenzeiten

Josef Grünwidl, Erzbischof von Wien:

„Kirchliche Medienpräsenz darf sich nicht auf
‚Hofberichterstattung‘ beschränken. Kritischer Religionsjournalismus
ist hilfreich und für mich auch wünschenswert, sofern er fair ist und
auf solider Recherche beruht. Ich wünsche mir auch in Zukunft eine
kritische und wohlwollende mediale Aufmerksamkeit und danke dem ORF,
dass religiöse Themen vielfältig präsent sind. In Krisen besteht die
Gefahr, dass Menschen sich darin ‚einrichten‘ und damit abfinden. Das
Religionsangebot im ORF hat für mich die Aufgabe, den Blick der
Hoffnung einzubringen: Für wegweisend halte ich die Worte von Papst
Johannes Paul II. bei seinem Besuch in Wien im Jahr 1983 zu
Medienschaffenden: ‚Betrachten Sie den Menschen und die Gesellschaft‘
– und auch die Kirche! – ‚nicht nur mit einem unerbittlich
diagnostizierenden Blick, sondern mit einem Blick der Hoffnung …
Ermöglichen Sie es dem Guten, als ebenso spannend erlebt zu werden
wie das Unerfreuliche‘.“

Cornelia Richter, Bischöfin der Evangelischen Kirche A.B.:

„Kritischer Journalismus arbeitet unabhängig und ist daher über
den Verdacht der religiösen und/oder religionsgemeinschaftlichen
Parteilichkeit erhaben. Beides ist unverzichtbar für eine
glaubwürdige Berichterstattung in einer modernen, säkular
ausdifferenzierten Gesellschaft. Die Journalistinnen und Journalisten
des ORF verfügen über das fachliche und handwerkliche Know-how der
Aufarbeitung und Präsentation der Inhalte. Sie helfen uns damit,
unsere ‚Botschaft‘ sachlich zu konzentrieren und auf den Punkt genau
darzustellen. Menschen sind immer und in Krisenzeiten besonders auf
Sinn- und Lebensorientierung angewiesen. Von ‚Sinn- und Lebenshilfen‘
würde ich nicht von vornherein sprechen, weil das auch einen
entmündigenden Charakter haben könnte. Das gilt auch deshalb, weil
der erste und primäre Ort der Sinn- und Lebensorientierung in
Familie, Freundeskreis und sonstigen vertrauten sozialen
Gemeinschaften (Religionsgemeinschaften, Sportvermeine, Kunst- oder
Musikgruppen, …) liegt. Es wäre daher überheblich, Menschen immer
als hilfsbedürftig ansprechen zu wollen. Trotzdem ist es wichtig,
durch den überparteilichen ORF Angebote zur Sinn- und
Lebensorientierung zu machen, die über die jeweils individuellen
Bezüge hinaus reichen. Denn verstärkt durch die social-media-
bedingten ‚bubbles‘ bleibt man in den eigenen, individuellen Bezügen
oft in dem hängen, was man halt kennt und immer schon geglaubt hat.
Gerade in Krisenzeiten erfasst man damit aber oft nicht die
Komplexität der Sachlage; um diese zu verstehen, braucht es neue
Perspektiven und Argumente. Wo diese neuen Perspektiven und Argumente
fehlen, tendiert die individuelle Orientierung zur einseitigen
Verengung oder zu einem Fatalismus, der jede
Selbstwirksamkeitserwartung und politisch-gesellschaftliches
Engagement im Keim erstickt. Das wiederum verstärkt ein ‚die da oben
– wir da unten‘-Ressentiment, das für jede Gesellschaft gefährlich
ist. Deshalb sehe ich die Aufgabe des ORF darin, Menschen über
aktuelle Entwicklungen zu informieren und überparteilich und kritisch
neue Argumente und Perspektiven anzubieten.“

Maria Kubin, Bischöfin der Altkatholischen Kirche Österreichs:

„Die altkatholische Kirche Österreichs versteht sich als eine
christliche Kirche mit den Merkmalen Freiheit, Offenheit und
Verantwortung für die Welt. Entscheidungen werden in unserer Kirche
auf Synoden getroffen. Geistliche und Laien sind dabei
stimmberechtigt. Wir sind stolz, dass es in unserer Kirche die erste
katholische Bischöfin in Österreich gibt und dass wir uns synodal für
die Ehe für alle entschieden haben. Wir reflektieren unseren Glauben
historisch kritisch. Wir setzen uns für ein gutes Leben aller
Menschen in unserem Land und darüber hinaus ein. Damit unsere
Anliegen gehört werden, brauchen wir und braucht unsere Gesellschaft
einen unabhängigen Religionsjournalismus. Der ORF bietet mit seinem
Religionsangebot auch Sinn- und Lebenshilfe. Inwiefern brauchen
Menschen in Österreich gerade in Krisenzeiten vermehrt solche
Angebote? Einseitigkeit und Verharmlosung der Wirklichkeit sind die
großen Gefahren, angesichts von Krisen. Was Menschen in diesen
schweren Zeiten, in denen wir uns befinden, brauchen, sind
reflektierte und seriöse Angebote von kompetenten Menschen für die
Sinnfindung. Viele benötigen eine tragfähige Hoffnung, die sich von
einer billigen Vertröstung unterscheidet. Das ist auch das Anliegen
der Altkatholischen Kirche.“

Jaron Engelmayer, Oberrabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde
Wien:

„Die unabhängige Religionsberichterstattung des ORF eröffnet neue
Horizonte und gewährt differenzierte Einblicke in die vielfältigen
spirituellen Lebenswelten in Österreich. Gerade diese Beiträge
leisten einen wichtigen Beitrag dazu, das Wirken von
Religionsgemeinschaften in der Gesellschaft sichtbar zu machen und
einen kontinuierlichen Dialog zu fördern, der Menschen näher
zusammenbringt. In einer von religiöser Vielfalt geprägten
Gesellschaft, die auf gemeinsamen Grundwerten basiert, schafft eine
objektive und unabhängige Berichterstattung Vertrauen und Verständnis
– dies ist besonders in Anbetracht unserer turbulenten Zeiten von
besonderer Bedeutung. Die Religionsberichterstattung des ORF
erweitert den kulturellen Horizont der Zuschauerinnen und Zuschauer,
wirkt Vorurteilen mit fundierten Informationen entgegen und trägt
damit wesentlich zum Abbau sozialer Spannungen sowie zu einem
friedlichen und respektvollen Zusammenleben bei.“

Ümit Vural, Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft in
Österreich (IGGÖ):

„Eine freie, kritische und zugleich sachkundige
Religionsberichterstattung ist für eine pluralistische Gesellschaft
unverzichtbar. Sie schafft Transparenz, fördert das Verständnis
zwischen den Religionen und stärkt das Vertrauen der Öffentlichkeit.
Gerade in einer Zeit, in der religiöse Themen oft verkürzt oder
verzerrt dargestellt werden, braucht es journalistische Formate, die
differenzieren, einordnen und auch unbequeme Fragen stellen. Für
Religionsgemeinschaften selbst ist ein solcher unabhängiger Blick
eine Chance: Er hilft, die eigene Verantwortung noch bewusster
wahrzunehmen, sich weiterzuentwickeln und authentisch in den Dialog
mit der Gesellschaft zu treten. Faire und fundierte Kritik kann zur
Selbstreflexion beitragen und letztlich die Glaubwürdigkeit stärken.
Religion darf nicht im geschlossenen Raum verharren: sie muss sich im
Licht der Öffentlichkeit bewähren. In Zeiten von Unsicherheit,
gesellschaftlichen Spannungen oder persönlichen Krisen wächst bei
vielen Menschen das Bedürfnis nach Orientierung, Trost und
persönlicher, innerer Stabilität. Religiöse und spirituelle Angebote
können hier einen Raum eröffnen, in dem existentielle Fragen gestellt
werden dürfen: nach Sinn, Hoffnung, Verantwortung und Zusammenhalt.
Der ORF übernimmt mit seinem Religionsangebot eine wichtige
Brückenfunktion: Er macht diese Dimensionen auch für jene zugänglich,
die vielleicht keinen unmittelbaren Bezug zu einer
Religionsgemeinschaft haben. So bleiben spirituelle Ressourcen in
einer säkularen und vielfältigen Gesellschaft sichtbar und hörbar.
Für viele Menschen sind solche Impulse nicht nur intellektuelle
Anregung, sondern auch seelische Stärkung. Sie erinnern daran, dass
der Mensch mehr ist als seine Krisen, und dass Hoffnung, Mitgefühl
und Vertrauen tragende Kräfte sind, die uns durch schwierige Zeiten
führen können.“

Gerhard Weißgrab, Präsident der Österreichischen Buddhistischen
Religionsgesellschaft (ÖBR):

„Gerade im Kontext mit Religionen besteht in der Bevölkerung oft
nur sehr mangelhaftes Wissen, meist noch geprägt von großen
Missverständnissen und Vorurteilen. Das gilt leider auch in nicht
unbedeutendem Ausmaß für innerhalb der einzelnen Religionen. Genau
deshalb braucht es unabhängigen und faktenbasiert ausgewogenen
Religionsjournalismus. Es kann nie genug Angebote für sinnvolle
Lebensführung geben, mit oder ohne Krisenzeiten. Wichtig dabei ist
die Seriosität des Angebots, egal ob es sich um religiöse oder andere
Quellen handelt. Hier gibt es keinen Exklusivitätsanspruch und der
ORF trägt große Verantwortung für die jeweilige Qualität seiner
Berichterstattungen.“

Barbara Krenn, Leiterin der ORF-Hauptabteilung „Religion und
Ethik – multimedial“:

„Unabhängiger Religionsjournalismus ist heute wichtiger denn je,
weil er komplexe Glaubensfragen faktenbasiert einordnet und so zur
Orientierung in einer zunehmend unübersichtlichen
Informationslandschaft beiträgt. In Zeiten von Fake News hilft er
dabei, Narrative kritisch zu prüfen und religiöse Themen nicht für
ideologische Zwecke verzerrt darzustellen. Gerade weil Religion
wieder stärker politisch aufgeladen ist, braucht es eine redaktionell
unabhängige Berichterstattung, die differenziert, respektvoll und
zugleich kritisch über Macht, Glauben und Gesellschaft berichtet.“