Wien (OTS) – Die art_curia / Kurie Kunst trauert um Elfie Semotan.
Elfie war da. Sie war präsent. Sie hörte zu, fragte nach, bezog
Stellung. Und das, obwohl sie längst zu jenen seltenen
Persönlichkeiten gehörte, die nichts mehr beweisen mussten. Ihre
Autorität erwuchs nicht aus Lautstärke, sondern aus Erfahrung,
Integrität und einem tiefen Verständnis für die Bedeutung von Kunst.
Innerhalb der art_curia war sie eine treibende Kraft. Mit
Bestimmtheit und viel weiblichem Charme unterstützte sie Initiativen
und Anliegen der Kurie Kunst, insbesondere dort, wo es darum ging,
aktuelle Entwicklungen und Konflikte aus der Sicht der Kunst zu
reflektieren und daraus Positionen von allgemeiner Relevanz zu
formulieren. Sie vertrat mit Nachdruck die Auffassung, dass sich eine
Gemeinschaft von Künstlerinnen und Künstlern, Denkern und
Intellektuellen – darunter Persönlichkeiten wie Kiki Smith, Michel
Houellebecq, Peter Sloterdijk, Gerhard Rühm oder Patti Smith – ihrer
gesellschaftlichen Verantwortung bewusst sein müsse, gerade in einer
Zeit wie dieser.
Obwohl sie mit Ausstellungen ihrer eigenen Arbeit, mit dem Film
über Martin Kippenberger, ihrem zweiten Mann, mit dem Nachlass von
Kurt Kocherscheidt und nicht zuletzt mit ihren Söhnen August und Ivo
beschäftigt war, blieb sie aufmerksam und engagiert. Noch vor nicht
allzu langer Zeit haben wir gemeinsam den Bundespräsidenten in der
Hofburg zu besucht, um ihn von der Bedeutung unserer Anliegen zu
überzeugen – bis wir schließlich feststellen mussten, dass er ohnehin
längst überzeugt war. Was blieb, waren Gespräche, Beobachtungen und
Eindrücke. Die Hofburg sah man plötzlich auch mit ihren Augen: mit
diesem schnellen, scharfen und nahezu untrüglichen Blick und
vermutlich war es naheliegend, dass unsere Gespräche noch lange
danach um „ästhetische Intelligenz“ kreisten.
Ich glaube, ich lernte Elfie vor einer Ewigkeit kennen.
Vielleicht Anfang der siebziger Jahre, als ich mit dem kanadischen
Fotografen Brian Spence befreundet war, der damals im Atelier des
Filmemachers John Cook arbeitete. Wirklich näher gekommen sind wir
einander jedoch später, gemeinsam mit Kurt Kocherscheidt, ihrem Mann,
einem der feinsinnigsten und konsequentesten Künstler, denen ich
begegnet bin und den ich bis heute besonders schätze. Das war
anlässlich einer Ausstellung, die ich 1989 in Budapest gestaltete.
Obwohl wir einander während jener Jahre, in denen Elfie
internationale Anerkennung und Weltgeltung erlangte, oft lange Zeit
nicht gesehen haben – manchmal ein ganzes Jahrzehnt –, blieb sie mir
immer vertraut. Immer nah. Wenn wir einander wieder begegneten,
schien keine Zeit vergangen zu sein. Wir konnten über alles sprechen:
über Kunst, über Menschen, über die Politik, die uns beide oft
gleichermaßen beschäftigte, oft auch ärgerte, nicht zuletzt wegen
jener Provinzialität, die sich in dieser Stadt und in diesem Land
immer wieder erstaunlich hartnäckig behauptet.
Wer Elfie verstehen wollte, musste auch ihren Ort kennen. Jenen
alten Bauernhof zwischen Ungarn und Slowenien, den sie gemeinsam mit
Kurt Kocherscheidt aufgebaut hat. Ein Rückzugsort und zugleich eine
Wirkungsstätte. Ein Ort der Konzentration, der Natur und der Arbeit.
Dort wurde spürbar, wie eng für sie Kunst, Landschaft, Freiheit und
Leben miteinander verbunden waren. Dort traf man gelegentlich auch
August und Ivo, und dort erschloss sich etwas Wesentliches von ihrem
Verständnis der Welt.
Noch vor wenigen Wochen hatten wir einen Fototermin mit meiner
Familie, Elisabeth und Louisa, in der Ausstellung von Helmut Lang
vereinbart. Dazu ist es leider nicht mehr gekommen.
Nun ist es an mir, mich im Namen der Kurie von Elfie Semotan zu
verabschieden. Wir verdanken ihr nicht nur ihre Unterstützung, ihre
Klarheit und ihre Freundschaft, sondern auch viele wunderbare
gemeinsame Augenblicke.
Elfie Semotan war in vieler Hinsicht einzigartig. Nicht nur als
Ikone der Kunst-, Werbe- und Modefotografie. Nicht nur als prägende
Stimme einer visuellen Kultur, deren Einfluss weit über Österreich
hinausreicht. Sie war vor allem ein außergewöhnlicher Mensch:
unabhängig, wach, mutig, elegant, humorvoll und von einer seltenen
geistigen Großzügigkeit.
Ihr Blick auf die Welt war präzise, ihr Urteil klar, ihre
Loyalität unverwechselbar. Sie hinterlässt Spuren in der Kunst, in
der Fotografie und in den Erinnerungen jener, die das Glück hatten,
ihr zu begegnen.
Wir werden sie vermissen.
Sehr.
Peter Noever, Chair art_curia, Juni 2026
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