Wien (OTS) – Gewalt gegen Frauen ist kein individuelles Schicksal,
sondern ein
tief in unserer Gesellschaft verwurzeltes Problem. Ihre gravierenden
psychischen Folgen werden jedoch häufig übersehen oder unterschätzt.
Darauf weist der Berufsverband Österreichischer Psychologinnen und
Psychologen (BÖP) im Rahmen der internationalen Kampagne „16 Tage
gegen Gewalt an Frauen“ hin, die jährlich vom 25. November bis 10.
Dezember auf die weltweite Gewalt an Frauen aufmerksam macht.
Gewalt gegen Frauen ist Ausdruck von Machtmissbrauch und
patriarchalen Strukturen. Noch immer prägen soziale Netzwerke,
Streaming-Plattformen und mediale Vorbilder ein Frauenbild, das
Abhängigkeit, Anpassung und Objektifizierung normalisiert“, erklärt
BÖP-Präsidentin a.o. Univ.-Prof.in Dr.in Beate Wimmer-Puchinger.
„Diese Stereotype prägen das Verhalten Heranwachsender, formen
Beziehungen und fördern Respektlosigkeit bis hin zu Gewalt. Wenn
junge Menschen tagtäglich mit Bildern von Dominanz, Kontrolle und
sexualisierter Darstellung konfrontiert sind, werden diese Muster
unbewusst als „normal“ abgespeichert – und genau dort beginnt
psychische Gewalt.“
Ein Blick zurück zeigt, dass Gleichberechtigung in Österreich
historisch gesehen jung ist. Erst 1918 erhielten Frauen das
allgemeine Wahlrecht. Bis 1975 galt häusliche Gewalt nicht als
automatischer Scheidungsgrund, und Misshandlung in der Ehe wurde
häufig als „Privatsache“ abgetan. Das erste Frauenhaus öffnete 1978
in Wien – initiiert durch die Frauenbewegung, nicht durch staatliche
Stellen. Erst 1989 wurde Vergewaltigung in der Ehe strafbar, und mit
dem Gewaltschutzgesetz von 1997 erhielt die Polizei die Befugnis,
Täter häuslicher Gewalt aus der gemeinsamen Wohnung zu verweisen.
Diese späten Fortschritte verdeutlichen, wie tief das
vermeintliche „Recht des Mannes“ über den Körper einer Frau in
unserer Kulturgeschichte verwurzelt war – und teilweise noch ist.
Frauen mussten in Österreich bis in die 1990er-Jahre um rechtlichen
Schutz im eigenen Zuhause kämpfen. Diese Vergangenheit wirkt bis
heute fort: in Denkweisen, in Sprache, in gesellschaftlichen
Erwartungen. Solche Muster verschwinden nicht mit einem Gesetz. Sie
prägen Haltungen, Beziehungen und die psychische Gesundheit
nachfolgender Generationen – und genau deshalb ist ihre Aufarbeitung
so entscheidend.
Psychische Gewalt: die oft übersehene Form der Machtausübung.
Gewalt gegen Frauen zeigt sich nicht nur körperlich. Viele erleben
emotionale Kontrolle, Erniedrigung oder soziale Isolation – Formen
psychischer Gewalt, die tiefe seelische Wunden hinterlassen können.
Intensive Ängste, massiver Selbstwertverlust, starke Gefühle von
Schuld, Scham und Selbstverachtung etc. sind häufige Folgen, ebenso
psychische Störungen wie Depressionen, Angststörungen,
posttraumatische Belastungsstörungen oder Substanzabhängigkeiten. Die
Zahlen unterstreichen das Ausmaß der Belastung: Frauen entwickeln
etwa doppelt so häufig Depressionen wie Männer – ein deutliches
Zeichen dafür, wie sehr Gewalt und Benachteiligung die seelische
Gesundheit beeinträchtigen.
Zahlreiche Studien belegen, dass auch Kinder, die häusliche
Gewalt miterleben müssen, psychisch stark betroffen sind. Gewalt
wirkt damit nicht nur unmittelbar, sondern auch strukturell: Sie
hinterlässt Spuren in Familien, Beziehungen und gesellschaftlichen
Haltungen.
Trotz alarmierender Zahlen bleibt echter Wandel aus. Bis November
2025 wurden in Österreich 14 Frauen ermordet – getötet, weil sie
Frauen waren. Weitere 32 Frauen überlebten Mordversuche oder wurden
Opfer schwerer Gewalt. Hinter diesen Zahlen stehen reale Schicksale
und ein gesellschaftliches Klima, das Gewalt gegen Frauen nach wie
vor ermöglicht.
Internationale Vergleiche zeigen: Wo Gleichstellung gelebt wird,
sinkt die Toleranz gegenüber Gewalt. In den skandinavischen Ländern
ist Gleichstellungspolitik eng mit Gewaltprävention verknüpft.
Gewaltprävention beginnt dort bereits in der Schule – Kinder und
Jugendliche lernen früh, was Respekt, Konsens und Gleichberechtigung
bedeuten. In Schweden sind Unterrichtseinheiten zu sexueller
Integrität und Gleichstellung seit 2015 fixer Bestandteil des
Lehrplans.
Auch die Zusammenarbeit von Polizei, Gesundheitsdiensten,
Psycholog:innen und Sozialarbeiter:innen ist in Nordeuropa eng
vernetzt, um Gewaltfälle rasch und systematisch zu behandeln.
Psychologische Unterstützung für Betroffene ist flächendeckend,
niedrigschwellig und entstigmatisierend vorhanden.
Das zeigt: Länder mit geringeren Einkommensunterschieden und
stärker gelebter Gleichstellung zwischen den Geschlechtern fördern
nicht nur wirtschaftliche Unabhängigkeit, sondern auch psychische
Sicherheit. Gewalt gegen Frauen wird dort gesellschaftlich nicht
geduldet, sondern es werden von Anfang an Alternativen gelernt:
Gleichstellung, gewaltfreie Kommunikation, kooperatives und
solidarisches Verhalten, gegenseitiger Respekt etc..
Aufklärung, Verantwortung, Solidarität. Der BÖP fordert eine
tiefgreifende psychologische Prävention: Sensibilisierung für
Geschlechterrollen und Gleichberechtigung bereits im Kindes- und
Jugendalter, Medienverantwortung bei der Darstellung von Beziehungen
und Körperbildern sowie flächendeckende psychologische Unterstützung
für Gewaltbetroffene und deren Familien.
„Jede Form von Gewalt beginnt im Kopf – und kann auch dort
beendet werden. Solange patriarchale Strukturen fortbestehen, wird
sich an den Zahlen wenig ändern. Es braucht eine kollektive
Bewusstseinsarbeit – bereits im Kindergarten, in Schulen, in den
Medien, in der Politik und in den Familien“, so a.o. Univ.-Prof.in
Dr.in Wimmer-Puchinger abschließend.
Da Gewalt ein gesamtgesellschaftliches Problem ist, wird ihre
systematische Prävention und strategische Verankerung im
Regierungsprogramm 2025-2029 der österreichischen Bundesregierung
ausdrücklich festgehalten – ein Auftrag, der Hoffnung macht und
langfristig zu mehr Sicherheit und Gleichberechtigung führen soll.