FMK: Vortrag zum Thema Mobilfunkstrahlung für MedizinerInnen

Wien (OTS) – Eine umfassende Bewertung der
Weltgesundheitsorganisation (WHO)
analysierte mit österreichischer Beteiligung die aktuelle Evidenzlage
zu gesundheitlichen Risiken. Die Ergebnisse wurden im Rahmen der 35.
Grazer Fortbildungstage der Ärztekammer Steiermark 2025 von DI Gernot
SCHMID, PhD, Senior Applied Researcher und Projektleiter im
Fachbereich Elektromagnetische Verträglichkeit der Seibersdorf
Laboratories, vorgestellt.

Die Nutzung hochfrequenter elektromagnetischer Felder (RF-EMF,
Frequenzbereich 100 kHz bis 300 GHz) nimmt seit den 1950er-Jahren
stetig zu. „Funkstrahlung ist allgegenwärtig in unserer modernen
Umwelt“, erklärte Schmid, dessen Vortrag unter

auf dem Youtube-Kanal des Forum Mobilkommunikation abrufbar ist.

RF-EMF breiten sich als elektromagnetische Wellen aus und führen
durch Absorption zu thermischen Effekten. Diese gezielten
Temperaturerhöhungen werden technisch und medizinisch genutzt – etwa
in der Magnetresonanztomographie oder bei der Diathermie sowie in
Haushaltsgeräten wie dem Mikrowellenherd. Telekommunikationssysteme
wie Radio, Fernsehen, Mobilfunk, WLAN und Bluetooth sind für solche
Anwendungen ungeeignet, denn hier wird Information und nicht Energie
übertragen.“

Bislang war jedoch unklar, ob neben den bekannten thermischen
Effekten auch nicht-thermische Wirkungen auftreten, die unterhalb der
geltenden Expositionsgrenzwerte gesundheitlich relevant sein könnten.
Ende der 1990er-Jahre hat dieses Thema einen regelrechten
Forschungsboom ausgelöst. „In Summe gibt es heute mehr als 3.500
Publikationen zu Hochfrequenzfeldern“, weiß der Experte, der sich
seit 1997 mit den Auswirkungen elektromagnetischer Felder auf den
menschlichen Körper beschäftigt. Die wissenschaftliche Datenlage ist
jedoch seit Beginn inkonsistent, mit zahlreichen untersuchten
Endpunkten und unübersichtlichen und teilweise widersprüchlichen
Ergebnissen.

IARC-Klassifizierung und Forschungslage

Die International Agency for Research on Cancer (IARC) stufte HF-
Felder im Jahr 2013 als „möglicherweise karzinogen für den Menschen“
ein. „Wichtig ist im Hinterkopf zu behalten, dass die Einstufung nur
eine Klassifizierung ist“, betonte Schmid. Sie bedeutet lediglich,
dass ein Zusammenhang mit Kanzerogenität nicht ausgeschlossen werden
kann. „Ob die Einwirkung im Zusammenhang mit Kanzerogenität steht,
hat aber nichts mit dem tatsächlichen Risiko in der Praxis zu tun.
Für die Bewertung wurden ausschließlich Studien zu Kopftumoren und
Mobilfunknutzung gesichtet. „Andere Krebsarten oder HF-Quellen wie
Sendestationen sind definitiv keine Grundlage für die Einstufung.“

WHO-Review: Evidenz kritisch bewertet

Um der zunehmenden Polarisierung und Fehlinterpretation
entgegenzuwirken, initiierte die WHO eine umfassende, objektive und
transparente Bewertung der wissenschaftlichen Literatur. In insgesamt
zwölf systematischen Reviews zu zehn Themenfeldern analysierten
unabhängige, international anerkannte Expertenteams die Evidenzlage
zu unterschiedlichen Gesundheitsendpunkten bei Menschen und Tieren
untersucht wurden:
· Tumorentstehung (Neoplasien)
· Reproduktionsstörungen
· Kognitive Beeinträchtigungen
· Psychische und neurologische Symptome
· Oxidativer Stress und zelluläre Signalwege
„Der gemeinsame Nenner all dieser Studien: Wenn Effekte berichtet
werden, sind diese durchwegs schwach“, fasste Schmid zusammen, der an
zwei der systematischen Übersichtsarbeiten mitwirkte. Die Reviews zu
Kognition (z. B. Orientierung, Aufmerksamkeit, Gedächtnis) und zu
Symptomen wie Tinnitus, Kopfschmerzen, Schlafstörungen, multiplen
Beschwerden oder sogenannte Elektrohypersensitivität ergaben keine
konsistenten Zusammenhänge mit HF-Expositionen. „Gerade die
systemischen Reviews zu den Symptomen zeigen, dass die berichteten
Beschwerden nicht mit der Exposition assoziiert sind“, so Schmid.
„Die Beobachtungsstudien zum Zusammenhang zwischen Handystrahlung,
Kopftumoren und ähnlichen Krebsendpunkten zeigen, dass hier wenig bis
kein Zusammenhang zu finden ist.“

In Tierstudien wurden hingegen vereinzelt Effekte beschrieben.
„Von den Autoren wird jedoch eingeräumt, dass die Übertragung der
Studienergebnisse auf den Menschen extrem schwierig ist“, betonte
Schmid. Auch Biomarker zum oxidativen Stress liefern nur Evidenz von
sehr geringer Qualität. „In den meisten Fällen sind die Ergebnisse
sehr inkonsistent und nicht nachvollziehbar“, so Schmid.

Fazit und Ausblick

„Nach wie vor leidet die Studienlage unter einer
Widersprüchlichkeit und einem fehlenden roten Faden“, kritisierte
Schmid und wies einmal mehr auf die auffällig hohe Rate an qualitativ
schlechten und methodisch schwachen Studien hin. Besonders in den
Bereichen Reproduktion, Kognition und oxidativer Stress besteht
Bedarf an hochwertigen Untersuchungen, bevor belastbare
Schlussfolgerungen gezogen werden können.
„Momentan ist durch die neuen systematischen Reviews eine Basis für
die Bewertung geschaffen worden. Die finale Conclusio aus diesen
Reviews wird die WHO in den nächsten ein bis zwei Jahren
veröffentlichen“, blickte Schmid bereits in die Zukunft.