Faire Bedingungen statt Zwang

Graz (OTS) – Die ÖH Med Graz steht dem Vorschlag eines
verpflichtenden
„Solidarbeitrags“ für Medizinabsolvent*innen kritisch gegenüber. Der
Plan, Jungmediziner*innen nach dem Studium zu einem Dienst im
öffentlichen Gesundheitssystem zu verpflichten, greift zu kurz und
löst weder den Mangel an Kassenärzt*innen, noch die Unterversorgung
in strukturschwachen Regionen oder in medizinischen Mangelfächern.
Zudem wurde die Verfassungs- und Unionsrechtwidrigkeit dieses
Wunsches bereits 2024 festgestellt.

„Wir verstehen den Wunsch nach mehr Ärzt*innen im öffentlichen
System. Zwang ist jedoch keine nachhaltige Lösung. Gute
Rahmenbedingungen während der Ausbildung und im Arbeitsalltag
schaffen langfristige Bindung – nicht gesetzliche Verpflichtungen.“ ,
sagt Henrik Abeln, 1. stellvertretender Vorsitzender der ÖH Med Graz.

Medizinstudierende entscheiden sich bewusst für einen Beruf, der
hohe Verantwortung, Menschlichkeit und Einsatzbereitschaft verlangt.
Damit sie diesen Anspruch auch im Berufsalltag erfüllen können,
braucht es Wertschätzung, verlässliche Ausbildungs- und
Arbeitsbedingungen. Eine gesetzliche Verpflichtung, nach dem Studium
in bestimmten Bereichen oder an vorgegebenen Orten zu arbeiten, würde
diese Qualität gefährden statt fördern und greift zugleich in das
grundlegende Recht auf freie Berufswahl ein – ein Recht, das zu den
zentralen Prinzipien einer offenen Gesellschaft gehört.

„Unsere Studierenden leisten jetzt schon viel – in Famulaturen,
im Klinisch-Praktischen Jahr, in Forschung und Lehre. Sie wollen
ihren Beitrag leisten, aber in dem Fach und an dem Ort, den sie sich
ausgesucht haben. Gute Arbeitsbedingungen halten Ärzt*innen im
System, nicht gesetzliche Pflichten“ , erklärt Johanna Brehmer,
Vorsitzende der ÖH Med Graz.

Ein verpflichtender „Solidarbeitrag“ würde zudem soziale
Ungleichheiten weiter verschärfen. Viele Studierende müssen ihr
Studium durch Nebenjobs, Kredite oder familiäre Unterstützung
finanzieren. Eine zusätzliche Verpflichtung nach dem Abschluss trifft
gerade jene besonders hart, die ohnehin schon finanzielle Belastungen
tragen. Auch hier gilt: Freiheit bedeutet, den eigenen beruflichen
Weg selbstbestimmt wählen zu können – unabhängig von sozialem
Hintergrund oder finanziellen Möglichkeiten.

„Wer während des Studiums jeden Euro umdrehen muss, darf am Ende
nicht auch noch mit neuen Zwängen konfrontiert werden – knapp zwei
Drittel der Studierenden sind laut Bundesministerium für Bildung,
Wissenschaft und Forschung armutsgefährdet. Wir brauchen faire
Chancen für alle – nicht neue Hürden, die soziale Unterschiede
vertiefen“ , betont Lukas Jager, 2. stv. Vorsitzender der ÖH Med
Graz.

Die ÖH Med Graz sieht den Schlüssel zu einem funktionierenden
Gesundheitssystem nicht in Zwangsmaßnahmen, sondern in besseren
Arbeitsbedingungen, verlässlicher Ausbildung und langfristiger
Planung. Viele junge Ärzt*innen finden nach dem Abschluss monatelang
keine Ausbildungsstelle – daran ändert auch ein verpflichtender
Dienst nichts. Statt Symbolpolitik braucht es gezielte Investitionen
in Ausbildungskapazitäten, Personal und Infrastruktur.

„Wir beginnen das Studium mit viel Begeisterung und dem Wunsch,
später wirklich etwas zu bewegen – für unsere Patient*innen und für
das Gesundheitssystem. Wenn man von Anfang an erlebt, dass Engagement
geschätzt wird und gute Bedingungen warten, wächst automatisch der
Wunsch, hier zu bleiben und Teil dieses Systems zu sein. Die Aussicht
auf Zwang bewirkt dagegen das Gegenteil – sie nimmt Motivation, bevor
sie überhaupt richtig entstehen kann.“ So fasst eine Studierende an
der Med Uni Graz, die anonym bleiben möchte, die Stimmung unter ihren
Mitstudierenden zusammen.

Fazit:

Die ÖH Med Graz fordert echte Lösungen, die faire Bedingungen
schaffen, Wahlfreiheit sichern und das Gesundheitssystem langfristig
stärken. Junge Ärzt*innen wollen ihren Beitrag leisten – aber sie
brauchen dazu Perspektiven, nicht Verpflichtungen.

„Wer junge Menschen halten will, muss ihnen Freiheit und
Vertrauen geben – nicht Vorschriften. Nur wer frei entscheiden kann,
bleibt aus Überzeugung“ , so die ÖH Med Graz abschließend.