Wien (OTS) – „Fast neun von zehn Alleinerziehenden sind Frauen. Diese
Bundesregierung setzt die Inflationsanpassung bei Familienleistungen
aus, beim Ausbau der Kinderbetreuung kommt sie nur im Schneckentempo
voran und beim unterdotierten Unterstützungsfonds für
Alleinerziehende gibt es nicht einmal einen Rechtsanspruch. Und dann
veröffentlicht das Familienministerium einen Ratgeber, der genau
diesen Frauen erklärt, sie sollten nicht glauben, ‚mehr Geld‘ würde
ihre Probleme lösen und weniger mit ihrem ‚Schicksal hadern‘. Das ist
keine Unterstützung. Das ist blanker Hohn“, reagiert die
Frauensprecherin der Grünen, Meri Disoski, auf einen aktuellen
Bericht des Standard über den mittlerweile zurückgezogenen
Alleinerziehenden-Ratgeber des Familienministeriums.
„Alleinerziehende Frauen brauchen keine Nachhilfe in positivem
Denken. Sie brauchen Geld, von dem sie und ihre Kinder leben können,
und Kinderbetreuung, auf die sie sich verlassen können. Wer genau
dort nicht ausreichend absichert und Frauen gleichzeitig ‚Erste Hilfe
bei Selbstmitleid‘ empfiehlt, wälzt politische Verantwortung auf jene
ab, die ohnehin jeden Tag alles stemmen müssen“, sagt Disoski.
Der Standard berichtet, dass die mit „Stand Jänner 2026“
versehene Broschüre inhaltlich bereits 2016 konzipiert wurde. Bei den
Neuauflagen seien laut Familienministerium lediglich Links und
einzelne Daten aktualisiert worden. Nach öffentlicher Kritik wurde
sie nun offline genommen. Das Ministerium räumt selbst ein, dass die
Formulierungen „so nicht in Ordnung“ sowie „Inhalte und Tonalität“
nicht mehr zeitgemäß seien.
„Dass Ministerin Bauer die Broschüre jetzt vom Netz nimmt, ist
überfällig. Aber damit ist das eigentliche Problem nicht gelöst.
Alleinerziehende brauchen keine neue Hochglanzbroschüre, sondern
endlich verlässliche Unterstützung im Alltag. Wenn Familienleistungen
real an Wert verlieren, Kinderbetreuung vielerorts nicht mit den
Arbeitszeiten von Eltern zusammenpasst und selbst beim neuen
Unterstützungsfonds kein Rechtsanspruch besteht, dann helfen keine
gut gemeinten Tipps. Dann braucht es bessere Rahmenbedingungen“, sagt
die Familiensprecherin der Grünen, Barbara Neßler.
Besonders schwer wiegt für die beiden Sprecherinnen, dass der
problematische Ton nicht auf einzelne Formulierungen beschränkt
bleibt. Der Ratgeber reproduziert wiederholt stereotype Vorstellungen
von Frauen und Männern. In einem Familienbeispiel erklärt die Mutter
von vier Kindern: „Meine Arbeit ist hier“, während der Vater von der
Erwerbsarbeit nach Hause kommt und mit den Kindern eine „Runde Toben“
einlegt. Ein pubertierender Bub brauche laut Broschüre einen
männlichen Erwachsenen als „Reibebaum“ zur Identitätsfindung.
„Mama kümmert sich, Papa tobt, Buben brauchen einen männlichen
‚Reibebaum‘ und Alleinerziehende bekommen ‚Erste Hilfe bei
Selbstmitleid‘. Zehn Jahre lang wurden offenbar Links und Zahlen
aktualisiert – nur das Frauenbild nicht. Dass solche Rollenklischees
2026 mit dem Stempel eines Bundesministeriums neu aufgelegt wurden,
ist frauenpolitisch völlig inakzeptabel“, kritisiert Disoski.
Neßler kritisiert zudem die Auswahl der Unterhaltungsangebote in
der Broschüre: „Als wären die Ratschläge nicht schon weltfremd genug,
werden Alleinerziehenden auch noch Serien als Ablenkung empfohlen,
die teilweise überhaupt nichts mit Alleinerziehen zu tun haben oder
mit problematischen Geschlechterbildern arbeiten. Das zeigt
zusätzlich, wie dringend eine grundlegende Überarbeitung nötig ist.“
Disoski und Neßler verlangen von Bauer außerdem Aufklärung
darüber, wie die Neuauflage zustande kam: „Eine Broschüre nach
öffentlichem Druck offline zu nehmen und eine Überarbeitung
anzukündigen, erledigt die politische Verantwortung nicht. Ministerin
Bauer muss erklären, wie diese Inhalte unter ihrer Verantwortung mit
‚Stand Jänner 2026‘ veröffentlicht werden konnten, wer die Neuauflage
freigegeben hat und wie viel Steuergeld dafür verwendet wurde.“
Abschließend halten Disoski und Neßler fest: „Wertschätzung für
Alleinerziehende schreibt man nicht ins Vorwort einer Broschüre. Sie
zeigt sich daran, ob Frauen und ihre Kinder finanziell abgesichert
sind, ob Kinderbetreuung verfügbar ist und ob Politik ihre
Lebensrealität ernst nimmt. Genau daran muss sich Ministerin Bauer
messen lassen.“