Wien (OTS) – Vom Filmemacher zum politischen Aktionisten, vom
Theater- und
Opernregisseur zum Schauspieler, bildenden Künstler und
Bestsellerautor: Das Werk von Christoph Schlingensief (1960–2010)
sprengt Gattungsgrenzen und erzeugt überbordende Material- und
Bedeutungsschichten, die sich jeder Zuschreibung entziehen. Seinem
Oeuvre eingeschrieben ist die Herausforderung an das Publikum, eine
aktive Haltung einzunehmen – zwischen Irritation und Erkenntnis,
Überforderung und Reflexion. Mit der Ausstellung Es ist nicht mehr
mein Problem! – ein (Teil-)Zitat des Künstlers aus dem Jahr 2005 –
widmet das MAK gemeinsam mit den Wiener Festwochen | Freie Republik
Wien Christoph Schlingensief die erste umfassende Einzelausstellung
in Österreich (MAK Ausstellungshalle, 13.5.–13.9.2026). Das Land, das
er mit der Aktion Bitte liebt Österreich – erste österreichische
Koalitionswoche (2000) mitten ins Zentrum gesellschaftlicher
Widersprüche führte, wird damit erneut zum Schauplatz seiner
Auseinandersetzung mit Öffentlichkeit, Politik und sozialer
Verantwortung.
Am 12. Mai um 10 Uhr laden das MAK und die Wiener Festwochen |
Freie Republik Wien zur gemeinsamen Pressekonferenz zur Ausstellung
ein. Im Vorfeld der Eröffnung am 12. Mai um 19 Uhr findet zudem um 18
Uhr die Diskussion „Bitte liebt Schlingensief“ statt – mit MAK
Generaldirektorin Lilli Hollein, Aino Laberenz (Archiv Christoph
Schlingensief) und Milo Rau, Intendant der Wiener Festwochen,
moderiert von Kurator Raphael Gygax.
Aus heutiger Perspektive lesen sich viele Arbeiten von Christoph
Schlingensief wie Vorwegnahmen aktueller gesellschaftlicher
Konflikte: Die künstlerische Auseinandersetzung mit
Fremdheitsdiskursen, rassistischen Projektionen, populistischen
Mechanismen und medialer Zuspitzung macht Schlingensiefs Werk zu
einem zentralen Referenzpunkt für gegenwärtige Debatten um Migration,
Identität und demokratische Fragilität.
Den Auftakt und das Zentrum der Ausstellung bildet die
raumgreifende Installation Church of Fear (2003), die erstmals bei
der Biennale von Venedig im Jahr 2003 präsentiert wurde. Sie
stilisierte den „Glauben an die Angst“ zum Dogma und führte die
globale Stimmung nach 9/11 in eine parodistische Glaubensgemeinschaft
über. Church of Fear markiert einen Knotenpunkt in Schlingensiefs
Werk – als ambivalenter Raum zwischen Religion, Kunst und
öffentlichem Diskurs und Spiegelbild, wie Machtverhältnisse über
Emotionen stabilisiert werden können.
Ausgehend von Church of Fear entfaltet sich die kuratorische
Erzählung entlang zweier Zeitlinien: Eine rückblickende versammelt
politische und performative Arbeiten der späten 1990er und frühen
2000er Jahre, wie Chance 2000 (1998), Bitte liebt Österreich – erste
österreichische Koalitionswoche (2000) im Rahmen der Wiener
Festwochen, Hamlet (2001) oder Freakstars 3000 (2002). Sie zeigen
Schlingensiefs künstlerisches Experimentieren mit politischer
Realität, medialer Öffentlichkeit, sozialer Körperlichkeit und
öffentlich-theatralen Interventionen.
Die vorwärts gerichtete Zeitschiene lenkt den Fokus auf filmische
und opernhafte Werkkomplexe wie The African Twin Towers (2005), Der
fliegende Holländer (Manaus, 2007) oder die Videoinstallation Ohne
Titel ( Hasenverwesung; Drosophila Melanogaster; Holländer 2c.
Ausweitung der Dunkelphase; Fremdverstümmelung) (2007), in denen
biopolitische, gesellschaftliche, mythologische und mediale Motive
miteinander verwoben werden.
Die Ausstellung erschließt Schlingensiefs Werk nicht als lineare,
chronologisch geordnete Retrospektive, sondern als inszenierte
Gegenwart. In der dialogischen Konstellation zwischen frühen und
späten Arbeiten entfaltet sich ein Werkzusammenhang, der
künstlerisches Handeln nicht als Entwicklung im klassischen Sinne
zeigt, sondern als permanente Refiguration von Angst, Sichtbarkeit
und sozialen Körpern – zwischen Bühne, Straße und Institution. In
dieser Setzung wird nachvollziehbar, wie sich bei Christoph
Schlingensief künstlerische Strategien zwischen Theater, Film,
Installation und Aktion gegenseitig durchdringen und ein
vielschichtiges Bild seines Denkens formen.
Im Mittelpunkt steht die Bewegung des Fragens, Zweifelns und
Scheiterns – eine Haltung, die Schlingensief wie folgt beschrieb:
„Man kann meines Erachtens voller Lust, Freude und Vorsatz scheitern.
In meiner Arbeit war das immer ein Scheitern, das durch die Aufhebung
von Zielgerade und Zielpunkt, von Raum und Zeit entstanden ist. Wenn
man es innerlich schafft zu akzeptieren, dass es eines Scheiterns
bedarf, um Kräfte nutzbar zu machen, wird viel passieren.“
Christoph Schlingensief, geboren in Oberhausen, zählt zu den am
kontroversesten diskutierten Künstlerpersönlichkeiten im
deutschsprachigen Raum. Sein Werdegang gleicht einem permanenten
Grenzgang zwischen den Künsten: Bereits in den 1980er Jahren trat er
als Filmemacher hervor, unter anderem mit Egomania – Insel ohne
Hoffnung (1986) und 100 Jahre Adolf Hitler (1988/89). Früh zeigte
sich sein charakteristisches Prinzip der Überlagerung und
Überforderung – ein Arbeiten an den Rändern des Wahrnehmbaren, in dem
Bild- und Tonstrukturen kollidieren und neue Erzählräume entstehen.
In den 1990er und 2000er Jahren rückte er mit politisch aufgeladenen
Interventionen wie Chance 2000 oder dem Wiener Containerprojekt Bitte
liebt Österreich – erste österreichische Koalitionswoche in den Fokus
der Öffentlichkeit. Parallel dazu entwickelte er ein Theater- und
Opernschaffen, das sich konsequent gegen Illusionsbildung wandte.
Seine Operninszenierungen, insbesondere seine radikal neue
Interpretation von Richard Wagners Parsifal für die Bayreuther
Festspiele 2004, erschütterten die traditionellen Erwartungshaltungen
des Opernpublikums.
Auch seine bildkünstlerischen Arbeiten vertieften sein Interesse
an der Materialität des Films, an Zersetzung, Überlagerung und
Momenten der Unterbrechung zwischen den Bildern. Installationen wie
Kaprow City (2006/07) im Migros Museum für Gegenwartskunst in Zürich
oder 18 Bilder pro Sekunde (2005) im Haus der Kunst München zeigen
die Vielschichtigkeit seiner Reflexion über Medien und Wahrnehmung.
Mit dem langfristigen Projekt Operndorf Afrika (2009–) in Burkina
Faso weitete Schlingensief sein Wirken auf ein kulturell-soziales
Engagement aus, das über die ästhetische Dimension hinauswirkt.
Seine späten Arbeiten, geprägt durch die Diagnose Lungenkrebs
2008, verarbeiten existenzielle Fragen auf künstlerische Weise, etwa
in Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir (2008). Trotz der
Erkrankung blieb Schlingensief bis zu seinem Tod 2010 unerschöpflich
produktiv. Postum wurde er 2011 für den Deutschen Pavillon an der
Biennale von Venedig, der von Susanne Gaensheimer in Kooperation mit
Aino Laberenz kuratiert wurde, mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet.
Seinem Künstlerweg entsprechend, skizziert die Ausstellung
CHRISTOPH SCHLINGENSIEF.Es ist nicht mehr mein Problem! ein
dynamisches Spannungsfeld, in dem Kunst als Setzung, Überforderung
und Befragung gesellschaftlicher Wirklichkeiten erfahrbar wird. Die
Besucher*innen erleben ein OEuvre, das Grenzen sprengt, Widersprüche
zulässt und zur Reflexion einlädt – im Sinne von Schlingensiefs
radikalem Impuls, Kunst als Erfahrung zu denken, die irritiert,
überfordert, aufrüttelt und neue Perspektiven eröffnet.
Für die Kuratierung konnte der Schweizer Kunsthistoriker und
Kurator Raphael Gygax in Zusammenarbeit mit Aino Laberenz, der
langjährigen Weggefährtin und Ehefrau von Christoph Schlingensief,
gewonnen werden. Raphael Gygax gilt als ausgewiesener Experte für
zeitbasierte Kunst sowie für performative und filmische Praktiken. Er
kuratierte zahlreiche internationale Ausstellungen und arbeitet
regelmäßig mit Künstler*innen sowie künstlerischen Nachlässen. Aino
Laberenz ist Bühnen- und Kostümbildnerin sowie Kuratorin. Als
Leiterin des von Christoph Schlingensief initiierten Operndorf Afrika
und Verwalterin seines Nachlasses setzt sie sich seit vielen Jahren
für die Pflege und Weiterführung seines künstlerischen Vermächtnisses
ein.
Raphael Gygax ist auch Kurator einer weiteren Ausstellung zu
Christoph Schlingensief im Gropius Bau in Berlin, die von 9.10.2026
bis zum 17.1.2027 als gemeinsames Projekt von Gropius Bau / Berliner
Festspiele, Wiener Festwochen | Freie Republik Wien und MAK – Museum
für angewandte Kunst gezeigt wird.
Rahmenprogramm zur Ausstellung
Die Brücke zur anhaltenden Relevanz und Dringlichkeit des Werks von
Christoph Schlingensief im Kontext gegenwärtiger gesellschaftlicher
und politischer Spannungsfelder schlägt auch ein vielschichtiges
Rahmenprogramm zur Ausstellung:
Im Vorfeld der Eröffnung lädt das MAK am 12. Mai, 18 Uhr zur
Diskussion Bitte liebt Schlingensief mit Lilli Hollein, Aino Laberenz
und Milo Rau unter der Moderation von Raphael Gygax. Um Christoph
Schlingensief als Theatermacher geht es beim Talk Bitte liebt
Schlingensief Teil 2 mit den Schauspieler*innen Bibiana Beglau und
Joachim Meyerhoff sowie Barbara Higgs (Schauspielhaus Zürich) unter
der Moderation von Susanne Zobl (News) am 23.6. um 18 Uhr.
Gelegenheit zu einer Dialogführung mit Aino Laberenz gibt es am
13.5. um 15:30 Uhr, zudem geben Künstler*innen der diesjährigen
Wiener Festwochen Einblicke in ihre künstlerische Auseinandersetzung
mit den politischen Konfliktlinien unserer Zeit: Milo Rau, 29.5.,
16:30 Uhr; Susanne Kennedy, 12.6., 16:30 Uhr und Jakob Lena Knebl am
19.6., 16:30 Uhr.
In Zusammenarbeit mit den Wiener Festwochen werden spezielle,
kostenlose Vermittlungsangebote für Schüler*innen ab 14 Jahren
entwickelt, die die Ausstellung diskursiv, performativ und
spielerisch erfahrbar machen.
Alle Details zum Rahmenprogramm und zur Anmeldung zu den
einzelnen Programmpunkten unter MAK.at/christophschlingensief.
Ein gemeinsames Projekt des MAK, der Wiener Festwochen | Freie
Republik Wien und von Gropius Bau/Berliner Festspiele.
Ein Pressetext mit einer ausführlichen Beschreibung der gezeigten
Arbeiten und Pressefotos stehen unter MAK.at/presse zum Download
bereit.
Pressekonferenz
Dienstag, 12.5.2026, 10 Uhr
MAK, Stubenring 5, 1010 Wien
Ihre Gesprächspartner*innen:
Lilli Hollein, Generaldirektorin des MAK
Milo Rau, Intendant der Wiener Festwochen
Raphael Gygax, Gastkurator
Aino Laberenz, Nachlass Christoph Schlingensief
Diskussion
Dienstag, 12.5.2026, 18 Uhr
Bitte liebt Schlingensief
mit Lilli Hollein, Aino Laberenz und Milo Rau
Moderation: Raphael Gygax
Eröffnung
Dienstag, 12.5.2026, 19 Uhr
Eintritt frei zur Eröffnung und zur Diskussion
Die Ausstellung ist bis 22 Uhr geöffnet
Ausstellungsort
MAK Ausstellungshalle (OG)
MAK, Stubenring 5, 1010 Wien
Ausstellungsdauer
13.5.–13.9.2026
Öffnungszeiten
Di 10–21 Uhr, Mi bis So 10–18 Uhr
Gastkurator
Raphael Gygax, in Zusammenarbeit mit Aino Laberenz, Nachlass
Christoph Schlingensief
Assistenzkurator
Max Appel-Palma
Rahmenprogramm zur Ausstellung
Dienstag, 23.6.2026, 18 Uhr
Talk mit den Schauspieler*innen Bibiana Beglau und Joachim Meyerhoff
sowie Barbara Higgs (Schauspielhaus Zürich) unter der Moderation von
Susanne Zobl (News)
MAK Säulenhalle
Teilnahme mit gültigem Museumsticket frei (Dienstagabend)
Dialogführungen:
13.5., 15:30 Uhr: Aino Laberenz
29.5., 16:30 Uhr: Milo Rau
19.6., 16:30 Uhr: Jakob Lena Knebl
12.6., 16:30 Uhr: Susanne Kennedy
In Zusammenarbeit mit den Wiener Festwochen wird eine spezielle
Vermittlungsebene für Schüler*innen ab 14 Jahren geboten, mit
kostenlosen Formaten mit experimentell-theaterpädagogischem Zugang.
Alle Führungen und Programmpunkte sowie Details zur Anmeldung unter
MAK.at/christophschlingensief.
MAK Eintritt
Ꞓ 19/18*
ermäßigt Ꞓ 15,50/14,50*
jeden Dienstag 18–21 Uhr: Eintritt Ꞓ 9,50/8,50*
Eintritt frei für Kinder und Jugendliche unter 19
* Ticketpreis im Online-Vorverkauf
Eine Eintrittskarte der Wiener Festwochen ermöglicht bis 20.9.2026
ermäßigten Eintritt ins MAK um Ꞓ 10 (Nachweis erforderlich)
Tickets sind online und vor Ort verfügbar.