Wien (OTS) – Am 31. Oktober 1960 brachte eine österreichische
Delegation,
angeführt vom damaligen Außenminister und späteren Bundeskanzler
Bruno Kreisky, das bis dahin ungelöste Streitthema Südtirol zwischen
Italien und Österreich auf die Tagesordnung der Vollversammlung der
Vereinten Nationen. Im Anschluss an die Debatte beschloss die UNO in
New York eine Resolution, die Österreich und Italien aufforderte eine
Lösung auf Basis des Gruber-De Gasperi-Abkommens vom September 1948
zu finden. Diese Sternstunde österreichischer Diplomatie gilt als die
Geburtsstunde der erfolgreichen Südtirol-Autonomie. Seit heute,
Montag, 13. Oktober, erinnert auch eine „Autonomiestele“ am
Südtiroler Platz auf der Wieden an dieses Stück Weltgeschichte. Der
Wiener Bürgermeister und Landeshauptmann Michael Ludwig enthüllte die
Stele gemeinsam mit seinem Amtskollegen Arno Kompatscher aus
Südtirol.
„Diese Stele erinnert uns daran, dass Frieden und
Selbstbestimmung keine Selbstverständlichkeiten sind – sondern das
Ergebnis von Mut zum Kompromiss und diplomatischem Engagement“, sagte
der Stadtchef bei der feierlichen Zeremonie vor zahlreichen Gästen,
auch aus Südtirol. Kompatscher würdigte die Rede Kreiskys vor 65
Jahren als „entscheidender Schritt auf dem Weg zur heutigen Südtirol-
Autonomie“.
Die Stele dokumentiert den Weg Südtirols von der Konfliktregion
zur autonomen Provinz und soll sowohl als Informations- als auch
Begegnungsstätte dienen. Der Aufstellungs-Ort, der Südtiroler Platz
beim Hauptbahnhof, erinnert seit seiner Benennung 1927 an die
Verbundenheit der Stadt mit Südtirol und den Südtiroler*innen.
Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Südtirol durch den Vertrag von
Saint-Germain Italien zugesprochen. Zuvor gehörte das mehrheitlich
deutschsprachige Gebiet zu Österreich-Ungarn. In der Zeit des
Faschismus unter Benito Mussolini von 1922 bis 1943 verfolgte der
italienische Staat eine aggressive „italianisierungspolitik“ mit
Verbot der deutschen Sprache bis hin zu einem Absiedelungs-Abkommen
für deutschsprachige Südtiroler*innen mit Nazi-Deutschland. Nach dem
Zweiten Weltkrieg legte 1946 das in Paris abgeschlossene Abkommen
zwischen dem österreichischen Außenminister Karl Gruber und dem
italienischen Ministerpräsidenten Alcide De Gasperi abgeschlossene
Gruber-De Gasperi-Abkommen den Schutz der kulturellen Eigenart der
deutschsprachigen Bevölkerung in der Region Trentino-Südtirol fest.
Diese Grundlage wurde durch das sogenannte „Paket für Südtirol“ in
den 1960er und 1970er Jahren ausgebaut und politisch umgesetzt. Den
formellen Abschluss dieses Prozesses markierte die Streitbeilegung
von 1992, als sowohl Italien als auch Österreich vor den Vereinten
Nationen erklärten, der Autonomiekonflikt ist beigelegt. Österreich
nimmt seither weiterhin seine Schutzfunktion wahr, die ihm im Pariser
Abkommen zugesprochen wird. Die Autonomie garantiert den Südtiroler*
innen und allen, die in Südtirol leben, weitreichende kulturelle,
politische und administrative Selbstverwaltungsrechte innerhalb
Italiens.
Neben dem Südtiroler Platz, der seit 1927 diesen Namen trägt, und
der neuen ‚Autonomiestele‘ gibt es seit jeher auch eine menschliche
Verbindung zwischen Wien und Südtirol: In unserer Stadt beginnen pro
Jahr rund 2.000 Südtiroler*innen ein Studium an einer der Wiener Unis
– ein Großteil bleibt nach dem Abschluss in Wien und vergrößert die
Zahl der Wiener*innen mit Wurzeln südlich des Brenners. (Schluss)
red/ato