Bildungsminister Wiederkehr im Nationalrat: Lehrpläne brauchen tiefgreifende Veränderung

Wien (PK) – Für die heutige Aktuelle Stunde im Nationalrat haben die
NEOS den
Titel „Zukunftsfittes Bildungssystem – wir stärken Schulen durch
mutige Reformschritte und holen die Lehrpläne ins 21. Jahrhundert“
gewählt. Bildungsminister Christoph Wiederkehr warb für eine
grundlegende Reform der Lehrpläne und der Ausbildung der Lehrkräfte.

Kontrovers diskutiert haben die Abgeordneten insbesondere über
die Ankündigung des Bildungsministers, die Lateinstunden zu
reduzieren, um mehr Platz für Inhalte wie KI und Demokratiebildung zu
schaffen. Für die ÖVP gehört Latein zur Allgemeinbildung. Die SPÖ
will die Reformpläne gemeinsam diskutieren. Die FPÖ fand die
Vorschläge ideologisch motiviert. Die Grünen hingegen vermissen
konkrete Schritte.

Wiederkehr für grundlegende Reform

Um Kinder und Jugendliche gut auf ihr Leben vorzubereiten,
brauche es tiefgreifende Veränderungen in Lehrplänen und in der
Ausbildung der Lehrkräfte, sagte der Bildungsminister. Die letzte
grundlegende Reform der Schulfächer und Lehrpläne habe es in den
1970er-Jahren unter Kreisky gegeben. Seitdem habe sich die
Gesellschaft massiv verändert. Daher sei jetzt der richtige
Zeitpunkt, das Bildungssystem grundsätzlich zu reformieren.

Wiederkehr will die humanistische Bildung aktualisieren, deren
Ziel immer gewesen sei, Menschen zu befähigen, sich in der
Gesellschaft zurechtzufinden. Dafür brauche es mehr informatische
Kompetenzen, mehr Medienkompetenz, Demokratiebildung und
Wirtschaftsbildung. Er wolle nicht immer neue Querschnittsmaterien in
die Lehrpläne hinzufügen, wie es in den vergangenen Jahrzehnten im
Trend gewesen sei. Wenn etwas Neues hinzukomme, müsse auch etwas
Altes reformiert werden, um Schülerinnen und Schüler sowie die
Lehrkräfte nicht zu überfordern, so der Bildungsminister.

NEOS für mehr KI und weniger Latein an Schulen

Auch die Abgeordneten der NEOS traten intensiv für Reformen ein.
Yannick Shetty (NEOS) etwa zeigte sich stolz, dass in der
Bildungspolitik seit der Regierungsbeteiligung der NEOS „kein Stein
auf dem anderen geblieben“ sei. Denn Österreich könne sich in der
Bildung keinen Stillstand mehr leisten. Die Lehrpläne seien noch
nicht im 21. Jahrhundert angekommen. Shetty befürwortete den
Vorschlag des Bildungsministers, bei Latein etwas zu kürzen, um
Spielraum für moderne Inhalte wie KI sowie Demokratie- und
Medienbildung zu schaffen. Er werde nicht zulassen, dass notwendige
Reformen blockiert werden, sagte der Abgeordnete.

Martina von Künsberg Sarre (NEOS) schlug in dieselbe Kerbe. Die
Schule könne sich nicht wegducken und hoffen, dass das Neue sie nicht
betreffe. Es brauche eine Reduktion der Lateinstunden, damit ebenso
wichtige Fächer wie Informatik und Demokratiebildung hinzukommen
können, sagte sie. Janos Juvan (NEOS) kritisierte insbesondere
„Spitzenvertreter der Lehrergewerkschaft“, die Reformen blockieren
würden. Er fühle sich verpflichtet zu Reformen im Bildungsbereich,
wenn das Wohlstandsversprechen an die nächste Generation ernst
gemeint sein soll.

ÖVP verteidigt Latein

Die Koalitionspartner der NEOS zeigten sich nicht uneingeschränkt
an Bord mit den Plänen des Bildungsministers. Nico Marchetti (ÖVP)
bezeichnete es als zwar richtig, dass man sich bei den Lehrplänen
überlegen müsse, was noch zeitgemäß sei. Man müsse KI zum Thema
machen. Gleichzeitig seien aber auch eine gute Allgemeinbildung und
sprachliche Bildung wichtiger als je zuvor. Man werde die Lehrpläne
auf den Prüfstand stellen und gemeinsam darüber verhandeln, was das
Beste sei, sagte er. Er streite lieber mit den NEOS über Lehrpläne
als mit der FPÖ über einen EU-Austritt, so Marchetti. Der Abgeordnete
betonte auch, dass die ÖVP zum ausdifferenzierten Schulsystem und zum
Gymnasium stehe.

Für Romana Deckenbacher (ÖVP) ist zwar wichtig, die Lehrpläne zu
modernisieren. Modernisierung dürfe aber nicht eine Reduktion von
Allgemeinbildung bedeuten. Latein sei kein nostalgisches Relikt,
sondern Sprachbildung. Sie sprach sich dafür aus, Reformen unter
Einbeziehung aller Lehrerinnen und Lehrer umzusetzen.

SPÖ betont Chancengerechtigkeit

Für Heinrich Himmer (SPÖ) müsse eine gute Reform zu mehr
Chancengerechtigkeit führen. Die Diskussion, wie Lehrpläne aussehen
sollen, müsse man länger führen. Es brauche eine gemeinsame
Anstrengung. Himmer forderte, mit angekündigten Reformen nicht für
Verunsicherung zu sorgen, sondern Perspektiven zu geben.

Silvia Kumpan-Takacs (SPÖ) legte dar, dass eine Gesellschaft, in
der Bildung einen hohen Stellenwert habe, chancenreicher sei. Wenn
man die Bildungspläne ins 21. Jahrhundert holen wolle, brauche es
mutige Schritte und einen Weg des Dialogs. Ihre Vision für das
Bildungssystem beinhaltet neben einer Stärkung der Elementarpädagogik
auch eine gemeinsame Schule von sechs bis 14 Jahren.

FPÖ kritisiert Wiederkehrs Vorschläge

Scharfe Kritik an den Plänen des Bildungsministers gab es von der
FPÖ. Die NEOS würden die „ideologische Abrissbirne“ an das Fundament
der Bildung ansetzen, sagte Hermann Brückl (FPÖ). Der Minister würde
über Lehrpläne im Alleingang entscheiden und Hilferufe von
Lehrkräften, Sorgen von Eltern und die Meinung von Expertinnen und
Experten ignorieren. Als „perfide“ bezeichnete er den Vorschlag,
bewährte Fächer wie Latein abzuwerten. Wer KI verstehen wolle,
brauche die analytische Tiefe, die in Latein vermittelt werde. Im
Vorstoß des Bildungsministers für eine sechsjährige Volksschule sah
Brückl ein „trojanisches Pferd für eine sozialistische Einheits- und
Gesamtschule“. Dabei würden die Kernprobleme, nämlich ein
Sprachdefizit von Schülerinnen und Schülern, Integrationsprobleme und
ein Mangel an Lehrkräften, unbehoben bleiben.

Marie-Christine Giuliani-Sterrer (FPÖ) betonte die Bildung als
Fundament der Republik. Wenn man zu nivellieren beginne, entstehe
nicht Gleichheit, sondern Mittelmaß. Am Anfang jeder Bildungsreform
müsse die Frage stehen, was man jungen Menschen inhaltlich zumuten
und zutrauen könne, sagte sie.

Grüne vermissen konkrete Gesetzesvorschläge

Sigrid Maurer (Grüne) hingegen konnte dem Vorschlag, mehr KI-
Kompetenz, dafür weniger Latein zu vermitteln, etwas abgewinnen.
Allerdings vermisste sie konkrete Gesetzesanträge. Es gebe viele
Schlagzeilen, aber wenig Substanz. Diese Politik werde den Sorgen der
Schülerinnen und Schülern sowie der Lehrkräfte nicht gerecht. Maurer
zufolge seien die NEOS mit dem „Weltmeister der Blockade“
konfrontiert, nämlich der „ÖVP in enger Umklammerung der
Lehrergewerkschaft“.

Auch für Barbara Neßler (Grüne) verliere sich die Regierung in
großen Ankündigungen, ignoriere aber die wirklichen
Herausforderungen. Etwa gebe es noch immer keine Lösung für das
angekündigte Social-Media-Verbot für Jugendliche. Die Grünen seien
die Ersten, die bei mutigen Schritten in der Bildungspolitik dabei
seien, so Neßler. Insbesondere brauche es Chancengleichheit, denn
Bildung werde nach wie vor vererbt.

Bildungsausschuss vertagt Beratungen über EU-Vorhaben

Vor der Nationalratssitzung hat der Bildungsausschuss die
Verhandlungen über die EU-Jahresvorschau für 2026 zu den Vorhaben im
Bildungsbereich vertagt. (Fortsetzung Nationalrat) kar

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