Wien (OTS) – Um 16 Uhr wurde die Tagesordnung für die Beantwortung
einer
Dringliche Anfrage der Grünen an Landeshauptmann-Stellvertreterin und
Bildungsministerin Bettina Emmerling (NEOS) zum Thema „Die
Krisenpflege braucht Hilfe. Kinderrechte schützen“ unterbrochen.
LAbg. Mag. Ursula Berner, MA (GRÜNE) begann die Begründung der
Anfrage mit Berichten aus dem Alltag von MA 11-Mitarbeiter*innen,
diese zeigten immer das gleiche Bild: zu viele Kinder, zu wenig Zeit.
Mitarbeiter*innen könnten nicht mehr ihrer eigentlichen Arbeit
nachgehen und den Kindern helfen, sie seien mit der Frage „Wer
bekommt jetzt zu essen“ beschäftigt. Es fehle „systematisch an
spezifischen Plätzen“ für betroffene Kinder und Jugendliche.
Mitarbeiter*innen seien, ob zu langer Dienste, fehlender Supervision
und ständiger „Mangelverwaltung“ frustriert. „Es ist das System, das
mich ausbrennt“, zitierte Berner aus einem Bericht. In den Berichten
werde aber auch deutlich, dass viele Mitarbeiter*innen „gerne bleiben
würden“, wenn sie strukturell entlastet würden. Für Berner eine „tief
verstörende Botschaft“. Die Kinder- und Jugendhilfe sei dafür
verantwortlich, allen Kindern und Jugendlichen ein gewaltfreies Leben
zu ermöglichen. Eine offene, schonungslose Debatte sei angesichts der
aktuellen Situation für Berner „Pflicht“. Schon in der Vergangenheit
hätten Stadtrechnungshof, Kinder- und Jugendanwaltschaft und
Volksanwaltschaft auf Missstände hingewiesen. Die Krisenzentren der
MA 11 seien seit Jahren überlastet. Seit 2022 sei nur eine von fünf
zentralen Empfehlungen des Stadtrechnungshofs umgesetzt worden, so
Berner. Wien hinke im Vergleich zu anderen Bundesländern auch im
Bereich ambulanter Betreuung für Familien hinterher. Es brauche mehr
Prävention, um die MA 11 künftig zu entlasten, so Berner. Besonders
erschüttert zeigte sich Berner über die Fälle von sieben Kindern, die
in Obhut der MA 11 im vergangenen Jahr wegen Drogenmissbrauchs
verstorben sind. Es gehe hier um Kinder und Jugendliche, die künftig
die Gesellschaft mittragen sollten; eine „offene Debatte“ sei hier
zwingend notwendig. Diese Debatte sei die Politik den Kindern und
Jugendlichen und den Mitarbeiter*innen der Kinder- und Jugendhilfe
schuldig. Berner forderte den Mut, Fehler zu benennen, die Debatte
sei „kein Angriff auf die Kinder- und Jugendhilfe“. Sie glaube an die
Kinder dieser Stadt und daran, dass die MA 11 sich neu aufstellen
könne.
Lhptm-Stv.in Mag. Bettina Emmerling, MSc (NEOS) bedankte sich für
die dringliche Anfrage, die sich um Inhalte drehe und darum, das
Beste für die Kinder und Jugendlichen in der Obhut der Stadt zu
erreichen. Die Situation sei herausfordernd, wegen steigender
Fallzahlen und gleichzeitigem personellem Engpass. Emmerling wies
darauf hin, „dass schon viel passiert ist“, die hohe
Personalfluktuation sei eine „enorme Herausforderung“.
Zu den Fragen zu Überbelag, Schließungen, Aufnahmestopp und
Personalsituation sagte Emmerling: Über Weihnachten seien 713 Kinder
und Jugendliche in MA 11-Einrichtungen betreut worden, in
Einrichtungen mit Gesamtvertrag 818, in jenen mit Einzelvertag 583
Kinder und Jugendliche. In den Krisenzentren waren über Weihnachten
170 Kinder untergebracht, so Emmerling. Im Gegensatz zum Jahr davor
sei es zu Weihnachten 2025/26 zu keiner Steigerung des Bedarfs
bekommen, es habe keinen Aufnahmestopp gegeben. Eine Einrichtung sei
wegen angespannter Personalsituation gesperrt gewesen, keine Kinder
und Jugendlichen seien abgewiesen worden. Aktuell seien 152
Krisenplätze belegt, von den 19 Krisenzentren sind 10 aktuell
überbelegt. Seit 1. Jänner 2025 seien alle Kinder und Jugendlichen in
Krisenzentren untergebracht worden. Aktuell befänden sich fünf Kinder
und Jugendliche in einem Krisenzentrum, die davor in einer
sozialpädagogischen Einrichtung untergebracht waren. 67 Kinder und
Jugendliche in Krisenzentren seien derzeit in Voller Erziehung, in
der Krisenpflege seien dies 44 und in Kleingruppen zwei Kinder. Auf
einen Betreuungsplatz mit Sonderbedarf würden derzeit 40 Kinder und
Jugendliche im Krisenzentrum warten. 2025 habe die Wiener Kinder- und
Jugendhilfe 12.780 Gefährdungsabklärungen durchgeführt, 1.038 davon
in Krisenzentren bzw. bei Krisenpflegepersonen. 378 dieser Kinder und
Jugendlichen hätten im Rahmen der Vollen Erziehung weiterbetreut
werden müssen. Im Mittelwert habe ein Aufenthalt in der Krisenpflege
der Kinder, die 2025 aufgenommen wurden, 13,95 Wochen gedauert. 75
Prozent der Kinder und Jugendlichen in Krisenzentren blieben maximal
bis zu zwei Monate. Die MA 11 habe intern intensive Überlegungen zur
Krisenarbeit durchgeführt, ein Kleinkind-Krisenzentrum oder der
massive Ausbau von ambulanten Leistungen seien erste geplante
Maßnahmen. Auch im Regierungsprogramm sei der Ausbau der
Krisenzentrum festgehalten. Zum Personalnotstandt, sagte Emmerling,
dass die Stadt sich seit Jahren um die Aufstockung der Studienplätze
einsetze, Förderungen für Ausbildungseinrichtungen seien erhöht
worden, auch Kooperationen mit dem WAFF (Wiener Arbeitnehmer*innen
Förderungsfonds) würden dem Fachkräftemangel gut entgegenwirken. Im
Bereich der Krisenpflege bestehe derzeit „kein Notstand“, trotzdem
evaluiere die Kinder- und Jugendhilfe, wie es besser gelingen könne,
Pflegepersonen zu gewinnen.
Zur Prävention von Drogenmissbrauch von Kindern und Jugendlichen
in der Obhut der MA 11 wies Emmerling auf Beziehungsangebote,
Sozialpädagogische, aber auch Individual- und Traumapädagogische
Maßnahmen hin. Auch Alltagsroutinen, wie ein strukturierter
Tagesablauf, ein regelmäßiger Schulbesuch, die Absolvierung einer
Ausbildung würden wesentlich dazu beitragen, Substanzkonsum zu
verhindern. Emmerling wies auf die Kooperation mit dem PSD (
Psychosozialer Dienst) in diesem Bereich hin, hier gebe es
Fortbildungsangebote für Mitarbeiter*innen und regelmäßigen
Austausch. Auch mit der Sucht- und Drogenkoordination, dem Wiener
Gesundheitsverbund und weiteren Suchthilfeeinrichtungen gebe es eine
enge Kooperation. Die Arbeit der Sozialpädagog*innen konzentriere
sich vor allem auf die Bereitschaft Betroffener, suchttherapeutische
Angebote anzunehmen. Die MA 11 trägt auch die Kosten für eine
Therapie, so diese nicht von der Suchthilfe zur Verfügung gestellt
wird. Auch die Unterbringung von Drogen konsumierenden Jugendlichen
außerhalb Wiens sei denkbar und zielführend, diese Angebote würden
von den Betroffenen jedoch kaum angenommen. Im Jahr 2023 seien drei,
im Jahr 2024 vier Kinder in Obhut der MA 11 an den Folgen von
Drogenkonsum gestorben. Für die Aufarbeitung der Todesfälle stehe ein
Kriseninterventionsteam und psychologische Betreuung zur Verfügung,
auch Supervision werde angeboten.
StRin Mag. Judith Pühringer (GRÜNE) zitierte aus einem
„alarmierendem Mail“ von MA 11-Mitarbeiter*innen, dass sie kurz vor
Weihnachten erhalten habe. Dieses Mail habe ein besorgniserregendes
Bild der Situation in der Kinder- und Jugendhilfe gezeichnet. Die
Krise der MA 11 sei „nicht neu“, habe jetzt ein Ausmaß angenommen,
„bei dem nicht mehr weggeschaut werden kann“. Sowohl die Kinder und
Jugendlichen als auch die Mitarbeiter*innen der MA 11 seien in einer
„Ausnahmesituation“. Pühringer hob die Steigerung der Zahl der
Gefährdungsabklärungen um 10 Prozent hervor, gleichzeitig sei die
Zahl der Mitarbeiter*innen zurückgegangen. Der Stadtrechnungshof
warne seit „Jahrzehnten“ vor dramatischen Zuständen und „untragbaren
Arbeitsumständen“, die am Ende auf Kosten der Kinder gehen würden.
Die Krisenzentren seien „chronisch überfüllt“, statt 8 Kinder würden
teilweise bis zu 13 Kinder in einer Gruppe betreut. Das sei kein
geschützter Raum mehr für die Kinder. „Sie lassen hier die Kinder und
die Mitarbeiter*innen im Stich“, sagte Pühringer in Richtung
Emmerling. Kurzfristige Lösungen sah Pühringer in besseren
Arbeitsbedingungen, fairer Bezahlung, Entbürokratisierung, dem Ausbau
von ambulanten Angeboten, dem Vorrang von Kleinstgruppen gegenüber
Groß-WGs und einer Ausbildungsoffensive. Die betroffenen Kinder und
Jugendlichen seien geprägt von Gewalt, psychischen Probleme und
Drogen. Gleichzeitig werde beispielsweise in der Suchthilfe gekürzt.
Die MA 11 soll zu einer Steuerstelle zwischen den Einrichtungen
Schule, Suchthilfe oder Sozialarbeit werden. Dafür müsse sie neu
aufgestellt werden, forderte Pühringer. Alle betroffenen Bereiche
seien in Ressortverantwortung der Bildungsstadträtin, forderte
Pühringer Emmerling zum Handeln auf.
StRin Dr. Katarzyna Greco, MIEM (ÖVP) sagte, die Kinder- und
Jugendhilfe sei eine „riesige Baustelle“. Seit Jahren würden das die
Berichte von Stadtrechnungshof oder Volksanwaltschaft zeigen. Greco
wies auf missbräuchliche Verwendung von Geldern und fehlender
Fachkraftquoten hin. Die Missstände seien „akribisch dokumentiert“:
Chronische Überbelegung, zu geringer Personalschlüssel, nicht
ausreichend ausgebildete Fachkräfte, Fluktuation. Wien sei bei der
Unterstützung der Eltern „das absolute Schlusslicht unter den
Bundesländern“. Es dürfe nicht Normalität werden, dass Mitarbeiter*
innen Säuglinge mit nach Hause nehmen müssten, weil es an
Krisenpflegeeltern mangle, so Greco. „Die MA 11 hat die Pflicht dafür
zu sorgen, dass die Kinder Schutz erfahren und nicht an Drogen
sterben“, sagte Greco anlässlich der Medienberichte über Drogentote
in der Obhut der MA 11. Greco kritisierte mangelnde Transparenz bei
der Verwendung von öffentlichen Mitteln, dieses Geld sei für die
Kinder.
LAbg. Mag. Lukas Burian (NEOS) sah im Gegenstand der Anfrage ein
„höchst sensibles“ Thema. Es brauche Ernsthaftigkeit und einen
realistischen Blick auf die Kinder- und Jugendhilfe. Die aktuellen
Herausforderungen seien real und hätten in den vergangenen Jahren
zugenommen. Im Krisensystem sei die Belastung sehr groß. Ja, die
Krisenzentren seien überlastet, das sei „nicht ideal“, so Burian.
Wien habe bereits Handlungen gesetzt: neue Dienstposten in den
Krisenzentren, zusätzliche psychologische Ressourcen, Ausbau
sozialpädagogischer und -psychiatrischer Angebote, spezialisierte
Krisenzentren. Es gebe aber auch Fälle, „die einen nicht kaltlassen
können“, diese seien aber Einzelfälle. Es sei „nicht alles super“,
aber es müsse auch nicht alles neu gedacht werden. Die Stadtregierung
arbeite an konkreten Verbesserungen, entscheidend sei, dass Kindern
in Not in Wien weiter Schutz und Perspektive fänden. (Forts.) gaa