Wien (OTS) – Für fast jeden zweiten jungen Muslim stehen islamische
Gesetze über
dem Rechtsstaat. Ebenso viele sind der Ansicht, Musliminnen müssen
ein Kopftuch tragen. Das sind die Zahlen aus einer 2026
veröffentlichten Studie des Sozialwissenschafters Kenan Güngör. Haben
sich elf Jahre nach der großen Flüchtlingsbewegung 2015 die
kulturellen Gräben also vertieft? Vor dem Hintergrund des
Kopftuchverbots an den Schulen für unter 14-Jährige, Debatten über
ein Verbot des „politischen Islam“ und Sorge vor Radikalisierung geht
Hanno Settele in der aktuellen „Dok1“-Ausgabe „Schwieriges
Nebeneinander: Islam in Österreich“ am Mittwoch, dem 28. Oktober
2026, um 20.15 Uhr in ORF 1 und auf ORF ON der Frage nach, wie sich
die Situation unter den Jugendlichen, vor allem unter muslimischen
Jugendlichen mit Migrationshintergrund, darstellt. Wie ist der Alltag
an sogenannten Brennpunktschulen? Welche Faktoren beeinflussen das
Gelingen oder Scheitern von Integration?
Was kann Schule leisten, wenn die Herausforderungen immer größer
werden? Und was braucht es, damit Kinder – unabhängig von ihrer
Herkunft – faire Chancen erhalten? Diesen Fragen nähert sich danach
um 21.05 Uhr in einer ORF-Premiere der Dokumentarfilm „Favoriten“ der
österreichischen Regisseurin Ruth Beckermann („Waldheims Walzer“).
Für die vom ORF im Rahmen des Film/Fernseh-Abkommens kofinanzierte
und international mehrfach preisgekrönte Kinoproduktion begleitete
Beckermann eine Volksschulklasse einer sogenannten Brennpunktschule
im Wiener Bezirk Favoriten sowie deren Lehrerin Ilkay Idiskut. Die
kritische Milieustudie beleuchtet die Probleme migrantischer
Volksschülerinnen und -schüler, den berührenden Einsatz einzelner
Lehrkräfte sowie die Schwächen des reformbedürftigen österreichischen
Schulsystems. Entstanden ist ein vielschichtiges Porträt über
Kindheit, Bildung und das Zusammenleben in einer vielfältigen
Gesellschaft.
„Dok 1: Schwieriges Nebeneinander: Islam in Österreich“
Beim Besuch an einer NMS in Wien-Brigittenau ist Hanno Settele
bei einem Demokratie-Workshop dabei. Die Schuldirektorin berichtet
von Sprachproblemen – weniger von kulturellen Differenzen an ihrer
Schule. Anders schildert das eine Mittelschullehrerin, die anonym
bleiben möchte, sowie die Volksschuldirektorin und Buchautorin
Susanne Wiesinger. Traditionelle Rollenbilder, Diskussionen um
„Haram“- und „Halal“-Jausen und Wettfasten zu Ramadan gehören zum
Alltag. Der Kenner der syrischen Community, Nimer Nimer, berichtet,
dass er oft Konflikte miterlebt hat, bei denen Eltern drohen, ihre
Kinder nach Syrien zu schicken und zwangszuverheiraten, wenn sie
nicht folgsam sind. Die Islam-Influencerin und Feministin Nur El-Huda
Chehade hatte mit Anfeindungen und Drohungen zu kämpfen, als sie
demonstrativ ihr Kopftuch abgelegt hat und das auf ihrem Instagram-
Kanal thematisiert.
Nicht alle der Zugewanderten sind radikal, vertreten anti-
westliches oder salafistisches Gedankengut – aber erzkonservative
Lehren, die in Hinterhofmoscheen oder über das Internet verbreitet
werden, haben großen Einfluss in einigen Communities. Ein anonymer
Aussteiger, der mehrere Jahre im Umfeld einer salafistischen Moschee
verbracht hat, berichtet von der Einstellung in diesem Milieu:
„Demokratie ist ein Irrglaube, sie dürfen sich auch nicht wirklich an
einem solchen Staat beteiligen, öffentliche Ämter bekleiden oder
mitarbeiten. Hingegen ist es erlaubt, von Sozialhilfe zu leben und
sich zu bereichern.“
Der an der Uni Wien tätige Koranwissenschafter Tuğrul Kurt
erklärt, dass unter Muslimen viele unterschiedliche Auslegungen des
Koran verbreitet sind – und im Gelehrtensystem Koranpassagen zitiert
und gepredigt werden, die dann, aus ihrem Kontext gerissen, auch
abspalterische Tendenzen nach sich ziehen. Er und mehrere Kolleginnen
und Kollegen der Universität Wien betreiben daher das Social-Media-
Projekt „Frag Imam“. Darin wird ein modernes, liberales
Islamverständnis verbreitet. Auch diese Gruppe wurde schon mehrmals
von radikalen Moslems bedroht. Die Mitglieder brauchen immer wieder
Polizeischutz.
In einem sind sich alle Experten und Fachkundigen einig: Bildung,
Spracherwerb, Perspektiven möglich machen und Anpassung einfordern,
zur Not auch mit Konsequenzen. Das braucht es unbedingt, wenn
Integration gelingen soll. Gleichzeitig muss gegen staats- und
demokratiefeindliche Tendenzen entschlossen vorgegangen werden.
ORF-Premiere für Ruth Beckermanns preisgekrönte Kinodoku
„Favoriten“
Das österreichische Schulsystem steckt in der Krise. Vor allem in
Wien fehlen Lehrkräfte, gleichzeitig stellen mangelnde
Sprachkenntnisse vieler Kinder und der Familiennachzug die Schulen
vor große Herausforderungen. In ihrem Dokumentarfilm „Favoriten“ aus
dem Jahr 2024 gibt Regisseurin Ruth Beckermann Einblick in den
schwierigen Alltag einer Volksschule im gleichnamigen Wiener
Gemeindebezirk. Drei Jahre lang begleitet Beckermann darin die
engagierte Lehrerin Ilkay Idiskut und ihre 25 Schülerinnen und
Schüler zwischen sieben und zehn Jahren, deren Muttersprache nicht
Deutsch ist. Die Kinder bringen unterschiedliche Erfahrungen und
Lebensgeschichten mit in den Klassenraum, wo Neugier, Unsicherheit,
Freundschaft, Konflikte und große Träume aufeinandertreffen. Mit
wachem Blick beobachtet die Kamera, wie die Heranwachsenden lernen,
miteinander zu leben, Verantwortung zu übernehmen und ihren Platz in
der Gemeinschaft zu finden.
Ankerpunkt der Klasse und des Films ist die Lehrerin Ilkay
Idiskut, die ihren Schülerinnen und Schülern mit Geduld, Klarheit und
großem persönlichem Einsatz begegnet. Sie vermittelt weit mehr als
Lesen, Schreiben und Rechnen: Sie stärkt Selbstvertrauen, fördert
Respekt und schafft einen Raum, in dem sich die Kinder entwickeln
können. Gleichzeitig wird sichtbar, unter welchem Druck Schulen
stehen, wenn Lehrkräftemangel, sprachliche Hürden und fehlende
Ressourcen den Unterricht erschweren.
In „Favoriten“ verzichtet Filmemacherin Ruth Beckermann auf
Kommentare oder Erklärungen und lässt den Alltag für sich sprechen.
Humorvolle Momente wechseln sich mit nachdenklichen Szenen ab. Der
Film erzählt nicht von abstrakten Debatten, sondern von den Kindern,
der Lehrerin und einer Schulklasse, die exemplarisch für die
Herausforderungen und Chancen einer vielfältigen Gesellschaft steht.