Wien (OTS) – Die jüngst geführte Diskussion über mögliche Kürzungen
des
österreichischen Hochschulbudgets und die hierzu veröffentlichte
Position des Österreichischen Rats für Forschung, Wissenschaft,
Innovation und Technologieentwicklung (FORWIT) lenkt die
Aufmerksamkeit auf grundlegende Fragen der zukünftigen Ausgestaltung
des österreichischen Hochschul- und Wissenschaftssystems. Der
Forschungsrat vertritt die Auffassung, dass die gegenwärtige Debatte
über budgetäre Einsparungen die eigentliche Herausforderung verdecke,
nämlich die Frage nach einer langfristig tragfähigen Struktur des
Hochschulwesens. Diese Argumentation verdient eine differenzierte
wissenschaftspolitische Betrachtung.
Zwtl.: Leistungsbewertung von Universitäten: Grenzen
innovationsorientierter Indikatoren
Ein zentrales Argument des Forschungsrates besteht in der
Feststellung, dass Österreich im internationalen Vergleich erhebliche
finanzielle Ressourcen in Forschung und Hochschulbildung investiere,
die erzielten Ergebnisse jedoch hinter jenen vergleichbarer Staaten
zurückblieben. Als Beleg werden häufig innovationsbezogene
Indikatoren wie Patentaktivitäten, Unternehmensgründungen, Spin-offs,
Technologietransferleistungen oder wirtschaftliche Verwertungserfolge
herangezogen. Diese Indikatoren besitzen zweifellos hohe Relevanz für
technologieorientierte Forschungsbereiche und technische
Universitäten. Ihre Aussagekraft hinsichtlich der Gesamtleistung
eines differenzierten Hochschulsystems bleibt jedoch begrenzt.
Universitäten erfüllen neben ihrer Innovationsfunktion eine Vielzahl
weiterer gesellschaftlicher Aufgaben, die sich nur eingeschränkt
durch ökonomische Verwertungskennzahlen erfassen lassen.
Dies gilt insbesondere für die Medizinischen Universitäten, deren
Kernaufgaben neben Forschung und Lehre auch die klinische Versorgung
von Patientinnen und Patienten, die Ausbildung von Gesundheitsberufen
sowie die wissenschaftliche Weiterbildung umfassen. Ebenso leisten
geistes-, sozial-, rechts- und kulturwissenschaftliche Disziplinen
wesentliche Beiträge zur gesellschaftlichen Reflexion, zur
demokratischen Entwicklung sowie zur kulturellen und intellektuellen
Infrastruktur eines Landes. Diese Leistungen entziehen sich vielfach
einer unmittelbaren Quantifizierung durch innovationsökonomische
Kennzahlen.
Zwtl.: Universitäre Rahmenbedingungen und strukturelle Belastungen
Die Forderung nach umfassenden Strukturreformen wird häufig mit
der Diagnose begründet, dass ein „Weiter wie bisher“ im
Hochschulsystem nicht möglich sei. Eine solche Einschätzung greift
jedoch zu kurz, wenn sie die tatsächlichen Rahmenbedingungen
universitärer Arbeit unzureichend berücksichtigt. Österreichische
Universitäten sehen sich seit Jahren mit einer Vielzahl zusätzlicher
Anforderungen konfrontiert. Dazu zählen steigende Studierendenzahlen,
zunehmende regulatorische Vorgaben, umfangreiche
Qualitätssicherungsmaßnahmen, die fortschreitende Digitalisierung
akademischer Prozesse, wachsende Dokumentationspflichten sowie ein
zunehmender internationaler Wettbewerb um wissenschaftliche Exzellenz
und Drittmittel. Gleichzeitig ist die reale Grundfinanzierung pro
Studierendem in vielen Bereichen nicht im gleichen Ausmaß gewachsen
wie die Anforderungen an die Institutionen.
Vor diesem Hintergrund erscheinen zahlreiche gegenwärtig
diskutierte Herausforderungen nicht ausschließlich als Ausdruck
struktureller Defizite, sondern auch als Folge einer über längere
Zeiträume unzureichend dynamisierten Hochschulfinanzierung .
Zwtl.: Wettbewerb und Drittmittelfinanzierung: Chancen und Grenzen
Der Forschungsrat plädiert seit Jahren für eine stärkere
wettbewerbliche Mittelvergabe. Dieses Konzept entspricht
internationalen Governance-Modellen, die auf Wettbewerb,
Leistungsanreize und Ergebnisorientierung setzen. Unbestritten können
wettbewerbliche Finanzierungsinstrumente wissenschaftliche Exzellenz
fördern und Innovationsprozesse beschleunigen. Internationale
Erfahrungen zeigen jedoch zugleich potenzielle Nebenwirkungen einer
übermäßigen Wettbewerbsorientierung. Dazu zählen ein erheblicher
administrativer Aufwand bei Antragstellung und Evaluation, sinkende
Planungssicherheit für wissenschaftliche Einrichtungen, kurze
Projektlaufzeiten, prekäre Beschäftigungsbedingungen für den
wissenschaftlichen Nachwuchs sowie eine Konzentration von Ressourcen
auf wenige bereits etablierte Standorte.
Universitäre Kernaufgaben wie Lehre, langfristig angelegte
Grundlagenforschung und nachhaltige Personalentwicklung benötigen
daher eine verlässliche institutionelle Grundfinanzierung.
Wettbewerbliche Instrumente können diese ergänzen, jedoch nicht
ersetzen.
Zwtl.: Hochschulstruktur und Standortpolitik
In der öffentlichen Debatte wird wiederholt die vergleichsweise
hohe Zahl österreichischer Universitäten thematisiert. Daraus wird
gelegentlich die Schlussfolgerung abgeleitet, eine Konzentration von
Standorten könne automatisch zu höherer Qualität und internationaler
Wettbewerbsfähigkeit führen. Eine solche Argumentation vernachlässigt
die historische und funktionale Vielfalt des österreichischen
Hochschulsystems. Neben klassischen Volluniversitäten umfasst dieses
spezialisierte Kunstuniversitäten, Medizinische Universitäten,
Technische Universitäten sowie regionale Hochschulstandorte mit
spezifischen Bildungs-, Forschungs- und Versorgungsaufgaben.
Internationale Spitzenuniversitäten sind in der Regel nicht
primär durch institutionelle Konzentration entstanden, sondern durch
langfristige Investitionen in Personal, Infrastruktur und
wissenschaftliche Exzellenz . Strukturelle Veränderungen können
sinnvoll sein, sollten jedoch auf fundierten wissenschaftspolitischen
Analysen beruhen und nicht allein aus fiskalischen Überlegungen
abgeleitet werden.
Zwtl.: Perspektiven und institutionelle Zusammensetzung des
Forschungsrates
Die derzeit öffentlich besonders sichtbaren Vertreterinnen und
Vertreter des Forschungsrates verfügen über herausragende Expertise
in Bereichen wie Technologieentwicklung, Innovationsförderung,
Forschungsmanagement und High-Tech-Unternehmertum. Diese Perspektiven
stellen einen wichtigen Bestandteil moderner Wissenschafts- und
Innovationspolitik dar. Gleichzeitig fällt auf, dass Stimmen aus
großen lehrintensiven Universitäten, insbesondere aus den Medizin-,
Geistes-, Sozial- und Rechtswissenschaften, in der öffentlichen
Wahrnehmung weniger präsent erscheinen. Daraus ergibt sich die Gefahr
einer impliziten Schwerpunktsetzung zugunsten innovations- und
wirtschaftsorientierter Bewertungsmaßstäbe.
Eine umfassende Hochschulpolitik sollte jedoch der gesamten
Breite universitärer Aufgaben Rechnung tragen. Universitäten sind
nicht ausschließlich Innovationsmotoren, sondern zugleich
Bildungsinstitutionen, Orte kritischer Wissensproduktion, kulturelle
Einrichtungen sowie tragende Elemente gesellschaftlicher
Infrastruktur.
Zwtl.: Schlussfolgerung
Die gegenwärtige Debatte über die Finanzierung österreichischer
Universitäten sollte nicht auf die Frage reduziert werden, ob sich
Österreich seine Hochschulen leisten kann. Aus
wissenschaftspolitischer Sicht erscheint vielmehr die Frage zentral,
welche Rolle Universitäten künftig für Gesellschaft, Wirtschaft,
Gesundheitswesen, Demokratie und kulturelle Entwicklung erfüllen
sollen. Strukturreformen können einen wichtigen Beitrag zur
Weiterentwicklung des Hochschulsystems leisten. Ihre
Erfolgsaussichten hängen jedoch wesentlich davon ab, ob sie von
ausreichenden Investitionen, langfristiger Planungssicherheit und
einer breiten Beteiligung der betroffenen Institutionen begleitet
werden. Internationale Erfahrungen zeigen, dass nachhaltige
Reformprozesse in der Regel dort gelingen, wo
Veränderungsbereitschaft mit verlässlichen Entwicklungsbedingungen
verbunden wird. Reformen, die primär unter fiskalischem Druck
erfolgen, laufen hingegen Gefahr, die Leistungsfähigkeit und
internationale Wettbewerbsfähigkeit des Hochschulsystems langfristig
zu beeinträchtigen.
Dr. med.univ. Gerhard Wirnsberger, Medizinische Universität Graz,
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