Schönheit

KI spricht Altgriechisch: Apollo schließt Lücken in 2.000 Jahre alten Texten

Wien (OTS) – Neues Sprachmodell von Österreichischer Akademie der
Wissenschaften
und Mistral entwickelt. „Apollo“ ergänzt fehlende Inhalte in
fragmentarischen antiken Texten. Weltweit erstes LLM für
Altgriechisch.

In Museen und Bibliotheken weltweit lagern hunderttausende
Inschriften und über eine Million Papyrusfragmente aus der Antike.
Der Großteil des Materials ist fragmentarisch und schwer lesbar. 92
Prozent der Papyri warten bis heute auf ihre Entzifferung. Ein
gigantischer, unerschlossener Schatz der Geschichte. Doch: Die
wissenschaftliche Erschließung erfordert enorm viel Zeit und sehr
spezifisches Wissen. Genau hier setzt „Apollo“ an: das weltweit erste
große KI-Sprachmodell für Altgriechisch.

Entwickelt wurde das Large Language Model (LLM) in einer
einzigartigen Kooperation zwischen der Österreichischen Akademie der
Wissenschaften (ÖAW) und den europäischen KI-Unternehmen Mistral AI
und SAIL Reply. Nun präsentieren die Forschungspartner die erste
Stufe des Apollo KI-Systems, die damit ab sofort der Wissenschaft und
der Öffentlichkeit zur Verfügung steht.

Zwtl.: 600 Millionen Wörter Altgriechisch in Sekundenschnelle
abrufbar

Das Besondere an Apollo: Das Sprachmodell kann fehlende Inhalte
von Fragmenten eigenständig ergänzen. Denn die meisten Texte der
Antike sind nur unvollständig überliefert. Es fehlen einzelne Wörter
oder sogar ganze Textpassagen. Diese können für das Verständnis und
die historische Einordnung eines Schriftstückes entscheidend sein.
Mit Apollo können nun in Sekundenschnelle solche Textlücken
geschlossen werden. Der lückenhafte Text wird einfach in die KI
eingegeben, diese erstellt sofort passende Vorschläge, die Forschende
dann wiederum sichten und prüfen können.

Obwohl für das Training der KI in Altgriechisch nur 600 Millionen
Wörter zur Verfügung standen – mehrere zehn Milliarden Wörter sind
üblicherweise der Standard für LLMs – ist Apollo enorm treffsicher.
„Bei einem vorhandenen Originaltext auf Papyrus erreicht das Modell
bei maskierten, also bewusst versteckten Passagen eine Trefferquote
von rund 80 Prozent“, erklärt Anna Dolganov, Forscherin am
Österreichischen Archäologischen Institut der ÖAW und Mastermind
hinter dem Projekt. Bei tatsächlich unbekannten Textlücken bewerteten
internationale Fachexpert:innen, die das KI-System im Rahmen einer
Blindstudie evaluiert haben, Apollos Vorschläge in 77 Prozent der
Fälle als mindestens ebenso gut wie durch Menschen vorgenommene
Ergänzungen und in 16–20 Prozent der Fälle sogar besser.

Zwtl.: Altgriechisch ist nicht gleich Altgriechisch

Besonders beeindruckend ist zudem, wie präzise Apollo zwischen
verschiedenen Sprachstufen des Griechischen unterscheiden kann,
betont Anna Dolganov: „Unser LLM kann mit vergleichsweise geringem
Wissen über einen Kontext weitreichende Schlüsse ziehen. Anhand von
Satzbau und Vokabular erkennt Apollo präzise, ob ein Text zum
Beispiel aus Homers „Odyssee“ stammt, und ergänzt ihn im passenden
Sprachregister.“

Wie gut das funktioniert, demonstrierte Anna Dolganov bei der
erstmaligen Präsentation von Apollo vor Medien anhand von drei
originalen Beispielen aus der Geschichte. Eine antike Geburtsurkunde
wurde von Apollo vollständig rekonstruiert, eine beim Ausbruch des
Vesuvs verkohlte Schriftrolle wurde an entscheidenden Stellen
vollständig lesbar gemacht. Mit der Rekonstruktion einer
fragmentarischen Inschrift aus dem Schwarzmeerraum lässt sich zudem
belegen, dass in einer bestimmten Region bereits Römisches Recht
galt, eine weitreichende Erkenntnis, die durch einen Beleg für die
römische Prostitutionssteuer untermauert wird.

Zwtl.: Völlig neue Erkenntnisse zur Antike möglich

Das Apollo KI-System kann damit völlig neue Einblicke in die
antike Welt geben und zu einem tieferen Verständnis unseres
kulturellen Erbes beitragen. „Mithilfe der KI entsteht ein neues Bild
der antiken Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, da sich viele
Erkenntnisse erst aus der Masse der Dokumente ergeben – etwa bei
Steuerquittungen“, erklärt Dolganov. Gleichzeitig könnten einzelne,
bisher unpublizierte Schriftstücke völlig überraschende historische
Zeugnisse bergen.

Für Dolganov ist aber auch klar, was die KI nicht kann: den
Menschen ersetzen. „Apollo bedeutet nicht nur eine Beschleunigung der
Arbeit, sondern eine echte Anregung. Das Modell schlägt Ergänzungen
in Texten vor, auf die man sonst vielleicht nie oder erst nach langer
Suche gekommen wäre.“ Forschende können so neuen Fragestellungen
nachgehen.

Zwtl.: Next step: Eine KI für Latein

Der ersten Stufe des Modells, die nun präsentiert wurde, sollen
bald noch weitere folgen. „Das Ziel ist ambitioniert, aber machbar“,
wie Dolganov betont: Die KI soll künftig unerschlossene Papyri sowohl
entziffern als auch rekonstruieren können. Geplant ist außerdem eine
Erweiterung, mit der das Modell thematische und semantische Suchen in
der gesamten griechischen Textüberlieferung durchführen sowie
Parallelstellen suchen soll und so die passende Evidenz für
Ergänzungsvorschläge gleich mitliefert.

Dolganov, die ÖAW und Mistral wollen bei Altgriechisch nicht
aufhören. Aufbauend auf den wertvollen Erfahrungen soll die KI
künftig auch mit einem lateinischen Textkorpus trainiert werden.
Dafür stehen dann rund zwölf Milliarden Wörter zur Verfügung. Was für
das Projekt noch fehlt, ist ein passender Name. Aber vielleicht kann
Apollo diese Lücke für seinen lateinischen Bruder füllen und einen
Vorschlag machen.

Zwtl.: Was hinter dem Namen Apollo steckt

Apollo ist der antike Schutzpatron der Künste und Wissenschaften.
In Zusammenarbeit mit den europäischen KI-Unternehmen Mistral und
SAIL Reply hat die ÖAW das KI-System mit rund 400.000 Euro
finanziert. Apollo ist im Eigentum der ÖAW und als Open-Access-
Anwendung frei zugänglich.

Zwtl.: Link zu Apollo:

https://apollo.vbc.ac.at/

Zwtl.: Stimmen zu Apollo:

Eva-Maria Holzleitner, Bundesministerin für Frauen, Wissenschaft
und Forschung: „KI allein macht noch keine gute Wissenschaft.
Entscheidend ist, was wir daraus machen: mit fachlicher Expertise,
klaren wissenschaftlichen Standards und guter Qualitätssicherung.
Genau das zeigt dieses Projekt eindrucksvoll und macht sichtbar,
welches Potenzial entsteht, wenn europäische KI-Kompetenz auf
wissenschaftliche Exzellenz trifft. Ich gratuliere allen Beteiligten
herzlich und bin gespannt, welche Erkenntnisse daraus noch entstehen
werden.“

Heinz Faßmann, Präsident der Österreichischen Akademie der
Wissenschaften (ÖAW): „Apollo bringt die Erforschung von historischen
Schriftstücken und Dokumenten in ein neues Zeitalter. Der Einsatz des
neuen Sprachmodells wird völlig neue Forschungsfragen zulassen und
unser historisches Wissen erweitern. Wir sind stolz, dass die ÖAW
gemeinsam mit dem europäischen KI-Unternehmen Mistral diese
wegweisende Technologie entwickelt hat. Für die Zukunft streben wir
eine vertiefte Zusammenarbeit mit Mistral an.“

Guillaume Lample, Co-Founder und Chief Scientist von Mistral:
„Apollo zeigt, was europäische Zusammenarbeit leisten kann, wenn KI,
die gezielt an wissenschaftliche Anforderungen angepasst werden kann,
auf jahrhundertealtes wissenschaftliches Wissen trifft. Indem
Mistrals Technologie dabei hilft, Texte wiederherzustellen, die seit
zweitausend Jahren nur fragmentarisch überliefert sind, eröffnet sie
ein neues Fenster zu unserem gemeinsamen kulturellen Erbe – und das
ist erst der Anfang. Wir sind stolz darauf, mit der Österreichischen
Akademie der Wissenschaften an einem Modell zu arbeiten, das offen
und frei zugänglich ist und ganz im Dienst der Forschung steht.“

Zwtl.: Publikation:

Apollo Restore: A Foundation LLM for Historical Greek Optimized
for Fill-in-the-Middle Restoration of Ancient Greek Texts, Hope
McGovern, Anna Dolganov, Samuel Belkadi, Guillaume Kunsch, Dimitris
Vlitas, David A. Smith, ArXiv 2026
DOI: https://doi.org/10.48550/arXiv.2609.22455

Wissenschaftlicher Kontakt:

Anna Dolganov
Österreichisches Archäologisches Institut
Österreichische Akademie der Wissenschaften
Dominikanerbastei 16, 1010 Wien, Österreich
T: +43 676 4188061
E: [email protected]