Wien (OTS) – Frau
Bundesministerin Korinna Schumann
Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Pflege und
Konsumentenschutz
Herrn
Bundesminister Dr. Wolfgang Hattmannsdorfer
Bundesministerium für Wirtschaft, Energie und Tourismus
Herrn
Bundesminister Christoph Wiederkehr, MA
Bundesministerium für Bildung
Offener Brief: Berufsschutz – wer Fachkräfte in der Pflege sucht,
muss diese auch schützen
Sehr geehrte Frau Bundesministerin, sehr geehrte Herren
Bundesminister,
eine aktuelle Entscheidung des Obersten Gerichtshofs (10 Ob S
64/26y) zeigt ein Problem auf, das dringend politisch gelöst werden
muss. Eine Pflegeassistentin hat 37 Jahre lang im Krankenhaus
gearbeitet. Tag für Tag hat sie kranke Menschen versorgt und
Verantwortung übernommen. Aus gesundheitlichen Gründen kann sie diese
Arbeit nicht mehr machen. Trotzdem bekommt sie nicht den
Berufsschutz, den andere Berufsgruppen haben.
Das ist für uns nicht nachvollziehbar: Wer 37 Jahre lang für
kranke Menschen da war, darf nicht im Stich gelassen werden, wenn die
eigene Gesundheit nicht mehr mitspielt.
Wer Fachkräfte sucht, muss sie auch als Fachkräfte behandeln
Auf der einen Seite sucht Österreich dringend Personal für die
Pflege und andere Gesundheitsberufe. Pflegekräfte werden über die
Mangelberufsliste sogar gezielt aus dem Ausland angeworben. Auf der
anderen Seite verweigert unser Sozialversicherungssystem
Beschäftigten wie einer Pflegeassistentin den entsprechenden
Berufsschutz.
Das passt nicht zusammen. Man kann Menschen nicht heute als
dringend benötigte Fachkräfte anwerben und sie morgen beim sozialen
Schutz im Regen stehen lassen. Wer als Fachkraft gebraucht wird, muss
auch als solche behandelt und entsprechend geschützt werden.
Gute Arbeitsbedingungen sind die Grundlage
Ja, wir brauchen zusätzliche Beschäftigte in der Pflege und in
anderen Gesundheitsberufen. Auch Menschen, die aus anderen Ländern zu
uns kommen, leisten einen wichtigen Beitrag zu unserem
Gesundheitssystem. Aber Zuwanderung allein löst den Personalmangel
nicht. Wir müssen gleichzeitig dafür sorgen, dass die Menschen, die
bereits in der direkten Patient:innenversorgung arbeiten, ihren Beruf
auch langfristig ausüben können.
Damit das gelingt, braucht es ausreichend Personal, faire
Bezahlung, verlässliche Dienstpläne sowie gute Ausbildungs- und
Arbeitsbedingungen, die nicht krank machen. Es reicht nicht, ständig
neue Menschen für die Pflege zu suchen. Wir müssen auch dafür sorgen,
dass die Beschäftigten bis zur Pension gesund in ihrem Beruf arbeiten
können.
Leistungsträger:innen unserer Gesellschaft
Bei den Beschäftigten in der Pflege sprechen wir über Menschen,
die jeden Tag Verantwortung für andere übernehmen. Sie arbeiten am
Tag und in der Nacht. Sie arbeiten an Wochenenden, zu Weihnachten, zu
Ostern und an Feiertagen. Sie sind das ganze Jahr für kranke, alte
und pflegebedürftige Menschen da.
Diese Beschäftigten gehören zu den Leistungsträger:innen unserer
Gesellschaft. Und wer Tag für Tag für andere da ist, muss sich darauf
verlassen können, dass die Gesellschaft auch für ihn da ist, wenn es
darauf ankommt. Diese Wertschätzung darf nicht nur in Sonntagsreden
vorkommen. Sie muss sich auch in Gesetzen und in der sozialen
Absicherung zeigen.
Deshalb fordert die Gewerkschaft vida:
1. Berufsschutz für alle Beschäftigten in der direkten
Patient:innenversorgung
Der Berufsschutz im ASVG muss geändert werden. Wer über viele
Jahre direkt mit Patient:innen arbeitet und dabei körperlich und
psychisch belastende Tätigkeiten leistet, braucht einen
entsprechenden Schutz. Kann jemand diese Arbeit aus gesundheitlichen
Gründen nicht mehr ausüben, darf die bisherige Lebensleistung nicht
plötzlich nichts mehr wert sein.
2. Wer einen Beruf zum Mangelberuf erklärt, muss auch für
entsprechenden Schutz sorgen.
Es ist nicht glaubwürdig, einen Beruf auf die Mangelberufsliste
zu setzen, Menschen dafür im Ausland anzuwerben und gleichzeitig den
Beschäftigten keinen entsprechenden Berufsschutz zu geben.
Mangelberuf darf nicht heißen: dringend gesucht, aber schlecht
geschützt.
3. Bessere Bedingungen statt Personalmangel verwalten
Wir brauchen ausreichend Personal, faire Einkommen, gute
Ausbildungsbedingungen und echte Entlastung am Arbeitsplatz. Unser
Ziel muss sein, neue Beschäftigte zu gewinnen und gleichzeitig jene
im Beruf zu halten, die bereits jeden Tag die Versorgung
sicherstellen.
Zusammenfassend lautet daher unser eindringlicher Appell an die
Bundesregierung, ändern Sie diese Ungerechtigkeit! Schaffen Sie einen
Berufsschutz für alle Menschen, die unmittelbar in der
Patient:innenversorgung arbeiten. Wer Menschen für die Versorgung
unserer Kranken und Pflegebedürftigen braucht, muss auch
Verantwortung für diese Beschäftigten übernehmen.
Berufsschutz muss allen zustehen, die unmittelbar in der
Patient:innenversorgung arbeiten. Wer täglich Verantwortung für
Patient:innen trägt, verdient auch den Schutz unseres Sozialsystems.
Mit freundlichen Grüßen
Roman Hebenstreit, Vorsitzender Gewerkschaft vida
Gerald Mjka, stv. Vorsitzender Gewerkschaft vida, Vorsitzender
Fachbereich Gesundheit