Wir dürfen die Menschen jetzt nicht allein lassen. Don Rafael Bejarano über die Folgen des Erdbebens in Kolumbien

Wien (OTS) – P. Rafael Bejarano Rivera ist kolumbianischer Salesianer
Don Boscos
und seit März 2025 Generalrat für Jugendpastoral in Rom. Der 1977 in
Buga im Valle del Cauca geborene Priester engagiert sich seit vielen
Jahren für junge Menschen in schwierigen Lebenssituationen, unter
anderem in der Ciudad Don Bosco in Medellín, wo er Jugendliche
begleitete, die zuvor bewaffneten Gruppen angehört hatten. Seine
Familie lebt in Cali im Valle del Cauca, einer vom Erdbeben besonders
betroffenen Region. Anlässlich seines Besuchs in Wien sprach Don
Bosco Mission Austria mit ihm über die Situation in seiner Heimat und
die Folgen des Erdbebens.

Don Rafael, das schwere Erdbeben hat große Teile Ihrer Heimat
Kolumbien getroffen. Ihre Familie lebt in Cali im Valle del Cauca.
Wie haben Sie die Nachricht vom Erdbeben erlebt, und wie geht es
Ihrer Familie und den Menschen in Ihrer Heimatregion?

Ich war zum Zeitpunkt des Erdbebens in Tigray, im Norden
Äthiopiens, wo ich unsere sozialen Einrichtungen besuchte. Als ich
die Nachricht erhielt, war ich zutiefst erschüttert. Es war etwa 7:35
Uhr in Kolumbien.

Ich rief sofort meine Mutter in Cali an. Sie war allein zu Hause,
während mein Vater Medikamente kaufen war. Meine Mutter sah gerade
die Messe im Fernsehen, als sie eine Warnung auf ihrem Handy erhielt.
Sie verließ daraufhin die Wohnung, und kurz danach ereignete sich das
schwere Erdbeben.

Zunächst konnte ich noch mit ihr telefonieren. Danach waren für
etwa 24 Stunden Telefon, Strom, Wasser, aber auch Gas ausgefallen,
sodass ich keinen Kontakt mehr zu meiner Familie hatte. Ich verfolgte
die Ereignisse über die Nachrichten und sozialen Medien und war sehr
bewegt von den Bildern.

Gott sei Dank sind meine Eltern wohlauf. Ihr Haus wurde zwar
beschädigt und weist Risse auf, ist aber nach derzeitigem Stand nicht
einsturzgefährdet.

Besonders beeindruckt hat mich die große Solidarität der
Menschen. Gerade in meiner Heimatregion Valle del Cauca ist
Solidarität ein zentraler Wert. Die Menschen waren selbst
verängstigt, haben aber sofort begonnen, Trümmer zu beseitigen und
anderen zu helfen. Das hat mich sehr berührt.

Sie kennen die Situation junger Menschen in Kolumbien aus Ihrer
langjährigen Arbeit sehr gut. Welche Auswirkungen hat eine solche
Naturkatastrophe auf Kinder und Jugendliche, insbesondere auf jene,
die bereits unter schwierigen sozialen Bedingungen leben?

Für die jungen Menschen ist diese Katastrophe besonders
schwerwiegend, weil viele von ihnen bereits mehrere Krisen erlebt
haben. Kolumbien ist seit Jahren von Gewalt und sozialen Problemen
geprägt. Dann kam die COVID-19-Pandemie, die gerade für junge
Menschen sehr belastend war.

Ich spreche deshalb von einer „COVID-Generation“. Viele
Jugendliche mussten während der Pandemie isoliert zu Hause bleiben,
teilweise ohne Strom oder Internet, und unter schwierigen Bedingungen
lernen. Als sie danach wieder in die Schule zurückkehren konnten, war
die Schule für viele wie eine Rettung: ein Ort der Stabilität und
Normalität.

Nun erleben viele dieser Jugendlichen erneut eine traumatische
Situation. Einige haben durch das Erdbeben ihr Zuhause verloren oder
müssen ihre Häuser verlassen, weil diese abgerissen werden. Dadurch
kommen neue Ängste und psychische Belastungen hinzu.

Deshalb brauchen die Jugendlichen jetzt nicht nur Unterricht,
sondern auch Begleitung und psychologische Unterstützung. Die Schule
ist für sie mehr als ein Ort der Bildung: Sie gibt ihnen Halt,
Gemeinschaft und Hoffnung.

Auch mehrere Einrichtungen der Salesianer Don Boscos wurden durch
das Erdbeben schwer beschädigt. Welche Informationen erreichen Sie
derzeit aus den betroffenen salesianischen Einrichtungen, und wo
sehen Sie den dringendsten Unterstützungsbedarf?

Wir erhalten Nachrichten aus verschiedenen Regionen. Besonders
betroffen sind Einrichtungen in Chocó, Pereira und Dosquebradas,
Manizales und Cali.

In Dosquebradas wurde ein großer Teil des Hauptgebäudes unserer
Schule beschädigt, darunter die Bibliothek, Büros und mehrere
Klassenzimmer.

Besonders dramatisch ist die Situation in Cali. Unsere Schule,
die vor allem Kinder aus sehr armen Familien aufnimmt, wurde zu etwa
85 Prozent beschädigt. Auch die angrenzende Kirche wurde schwer
beschädigt; große Teile des Daches sind eingestürzt.

Gleichzeitig gab es Glück im Unglück: Zum Zeitpunkt des Erdbebens
war die Schule in Cali wegen der Ferien leer. In anderen
Einrichtungen konnten die Menschen dank regelmäßiger
Evakuierungsübungen rechtzeitig in Sicherheit gebracht werden.

Der dringendste Unterstützungsbedarf besteht für mich in Cali.
Die Schule hat rund 1.500 Schülerinnen und Schüler. Wir wollen sie
nicht schließen, denn das würde bedeuten, die Kinder und ihre
Familien im Stich zu lassen.

Wir brauchen deshalb dringend Unterstützung für den Wiederaufbau,
die Fortsetzung des Unterrichts, Lebensmittel und Medikamente sowie
psychologische Betreuung. Auch Familien und Mitarbeiter haben ihre
Häuser und teilweise ihren gesamten Besitz verloren. Deshalb geht es
nicht nur um Gebäude, sondern vor allem um die Menschen.

Sie begleiten weltweit junge Menschen in schwierigen
Lebenssituationen. Welche Botschaft möchten Sie angesichts dieser
Katastrophe den Menschen in Kolumbien und besonders den betroffenen
Kindern und Jugendlichen mitgeben?

Meine wichtigste Botschaft ist: Wir dürfen die Menschen jetzt
nicht allein lassen.

Gerade in einer solchen Situation müssen wir Solidarität zeigen.
Die Menschen in Kolumbien haben selbst nach dem Erdbeben gezeigt, wie
stark ihre gegenseitige Solidarität ist. Sie waren verängstigt und
betroffen, haben aber gleichzeitig anderen geholfen.

Den Kindern und Jugendlichen möchte ich sagen, dass sie ihre
Hoffnung nicht verlieren sollen. Die Schule und die Gemeinschaft
müssen für sie weiterhin Orte sein, an denen sie Sicherheit,
Begleitung und eine Perspektive für ihre Zukunft finden.

Wir Salesianer wollen ihnen zeigen: Ihr seid nicht vergessen und
ihr seid nicht allein. Trotz der Zerstörung müssen wir ihnen eine
Zukunft ermöglichen.

Was können wir hier in Österreich tun, um die Menschen in den
betroffenen Regionen zu unterstützen? Und wie können die Salesianer
Don Boscos und Don Bosco Mission Austria dabei konkret helfen?

Das Wichtigste ist derzeit finanzielle Unterstützung. Damit
können wir die Nothilfe und vor allem den Wiederaufbau der Schule in
Cali ermöglichen. Gleichzeitig wollen wir sicherstellen, dass die
Kinder und Jugendlichen ihren Bildungsweg fortsetzen können. Wir
wollen zunächst Onlineunterricht anbieten und gleichzeitig prüfen,
welche Teile des Gebäudes sicher genutzt werden können. Auch ein
Schichtbetrieb ist vorgesehen.

Don Bosco Mission Austria und die Salesianer Don Boscos können
dabei helfen, die Nothilfe und den Wiederaufbau zu finanzieren und
die betroffenen Familien und jungen Menschen langfristig zu
begleiten. Es geht nicht nur darum, Gebäude wiederherzustellen,
sondern einer mehrfach belasteten Generation Zukunft und Hoffnung zu
geben.

Vielen Dank für das Interview!

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