Wien (OTS) – Alexander Sieh, Bauphysiker und Experte für
klimaangepasstes Bauen im
Department Bauen und Gestalten an der Hochschule Campus Wien, sieht
die Überhitzung früher als prognostiziert gekommen. „Dieses Jahr
haben wir in Wien zum ersten Mal die 40 Grad Marke überschritten. Das
sind Temperaturspitzen, die Klimamodelle erst in den nächsten
Jahrzehnten prognostiziert hatten. Wetter- und Temperaturextreme
beschleunigen sich, Hitzeperioden beginnen schon im Juni und dauern
länger. Die Extreme kommen viel zu früh.“ Um das Ziel zu erreichen,
bis 2040 klimaneutral zu sein, dürfe Österreich nichts mehr
verzögern, sondern im Gegenteil die Maßnahmen rascher als geplant
umsetzen, mahnt der Experte. Neben der Erreichung der globalen
Klimaziele sei es aber auch notwendig, sich bautechnisch an die
Klimaerwärmung anzupassen.
Zwtl.: Hitzeschutz in Gebäuden muss zur Norm werden
Schutz vor Hitze im Sommer müsse genauso selbstverständlich sein
wie Schutz vor Kälte im Winter, appelliert Alexander Sieh. „Wir
diskutieren auch nicht, ob die Menschen es im Winter drei Wochen lang
bei null Grad in der Wohnung aushalten müssen. Heizungen sind
selbstverständlich.“
Um Wohnungen im Sommer kühl zu halten, hilft außenliegender
Sonnenschutz wie Rollläden, Raffstores oder Außenjalousien.
„Sonnenenergie sollte bereits abgehalten werden, bevor sie ins
Gebäude gelangt. Innenjalousien können die Überhitzung nur begrenzt
verhindern, weil die Sonnenstrahlung dann schon durch das Fenster in
den Raum gelangt ist. Dort wird sie von Böden, Wänden und Möbeln
aufgenommen und in Wärme umgewandelt.“ Begrünung und Wasserflächen
senken die Temperaturen in den Städten ebenfalls deutlich.
„Oberflächen müssen entsiegelt und Bäume gepflanzt werden. Oft
passiert leider genau das Gegenteil.“
Zwtl.: Bauordnungen sind veraltet und setzen Hitzeschwellen zu hoch
an
Die derzeitigen Bauordnungen müssen dringend an die neue
Hitzerealität angepasst werden, erklärt der Experte für
klimaangepasstes Bauen. „Die Grundlage für die Planung sind
Außentemperaturen der Jahre 1981 bis 2000. Das bedeutet, dass die
maximale Außentemperatur mit 31,5 Grad in Wien angenommen wird,
während sie in Wahrheit fast 40 Grad beträgt.“
Auch die derzeitigen Hitzegrenzwerte in den Bauordnungen sind für
Menschen in Innenräumen sind viel zu hoch, so Sieh. „Derzeit gilt die
Schwelle von 30 Grad bei Gebäuden als einzige Anforderung, um
sommertauglich zu sein. Doch bei 30 Grad Hitze in Innenräumen leiden
viele Menschen.“
„Die Temperaturgrenze, bei der sich noch 90 Prozent der Menschen
wohlfühlen, beträgt 26 Grad. Darüber wird jedes Grad zur Belastung.
Wochenlang bei 30 Grad in der Wohnung zu leben, ist nicht zumutbar.“
Zwtl.: Neue Gebäude sind für die nächsten 100 Jahre – Kühlsysteme
müssen selbstverständlich sein
Gerade beim Neubau sei es einfacher und umweltverträglicher,
Kühlungen von vornherein einzuplanen, sagt der Bauphysiker. „Bei der
Bauteilaktivierung zum Beispiel zirkuliert kühles Wasser durch
Rohrleitungen, die in Wänden oder Decken integriert sind. Dadurch
nehmen die Bauteiloberflächen Wärme aus dem Raum auf und sorgen für
eine gleichmäßige Kühlung.“
Doch dass derzeit eine aktive Bauteilkühlung eingebaut wird, sei
leider die Ausnahme.
Das sei fatal, sagt Sieh. „Die Gebäude, die wir heute bauen,
müssen die nächsten 100 Jahre und länger funktionieren.
Selbstverständlich müssen wir jetzt aktive Kühlsysteme vorsehen.“
Eine Klimaanlage wie ein im Nachhinein gekauftes Splitgerät sei nur
das letzte Mittel, meint Alexander Sieh. „Splitgeräte sorgen zwar für
Abkühlung, sind aber Energiefresser und belasten das Klima
zusätzlich.“
Zwtl.: Krankenhäuser, Pflegeheime und Kindergärten verpflichtend mit
Klimaanlagen ausrüsten
Zur derzeitigen Situation vor allem im Gesundheits- und
Sozialwesen, wo die Temperatur in Operationssälen nicht mehr auf die
wegen Keimfreiheit erforderlichen 19 Grad heruntergekühlt werden kann
und kleine Kinder und alte Menschen bei 38 Grad in den Einrichtungen
leiden, meint Sieh: „Man kann nicht verlangen, dass es alte,
pflegebedürftige oder kranke Menschen und kleine Kinder mehrere
Wochen in Räumen mit 38 Grad aushalten müssen. Gerade bei alten
Menschen sieht man in Statistiken die Übersterblichkeit während
Hitzewellen. Diese Einrichtungen müssen eindeutig mit Klimageräten
nachgerüstet bzw. im Bau mit aktiver Kühlung geplant werden.“
Zwtl.: Fakten auf einen Blick
(Stand: Juli 2026)
Thema: Alexander Sieh, Bauphysiker, Lehrender und Forschender im
Department Bauen und Gestalten der Hochschule Campus Wien, fordert
verbesserte Kühlmaßnahmen für Wohnungen.
Kernbotschaften:
– Kühlsysteme im Sommer müssen so selbstverständlich wie Heizungen im
Winter werden.
– Derzeitige Baunormen sind veraltet und gehen von Höchsttemperaturen
aus dem Jahr 2000 aus.
– Hitzegrenzwert in Wohnung mit 30 Grad zu hoch. Der Grenzwert soll
auf 26 Grad herabgesetzt werden.
– Krankenhäuser, Pflegeheime und Kindergärten sollen verpflichtend
mit Klimaanlagen nachgerüstet werden.
– Quelle: Hochschule Campus Wien
Hochschule Campus Wien
Mit über 9.000 Studierenden am Campus Altes Landgut, einem
weiteren Standort und zwei Kooperationsstandorten, ist die Hochschule
Campus Wien die größte Fachhochschule Österreichs. In den Departments
Angewandte Pflegewissenschaft, Applied Life Sciences, Bauen und
Gestalten, Gesundheitswissenschaften, Sozialwissenschaften, Technik
sowie Verwaltung, Wirtschaft, Sicherheit, Politik steht ein Angebot
von nahezu 70 Studienprogrammen in berufsbegleitender und Vollzeit-
Form zur Auswahl. Anwendungsbezogene Forschung und Entwicklung wird
in neun fachspezifischen Forschungszentren gebündelt. Fort- und
Weiterbildung in Form von Seminaren, Modulen und
Zertifikatsprogrammen deckt die Hochschule über die Campus Wien
Academy ab. Die Hochschule Campus Wien ist Gründungsmitglied im
Bündnis Nachhaltige Hochschulen.
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