Wien (OTS) – Ein internationales Forschungsteam unter Leitung der
Medizinischen
Universität Wien berichtet über eine neue Behandlungsstrategie, durch
die bei einem Patienten ohne realistische Chance auf ein geeignetes
Spenderorgan eine Nierentransplantation ermöglicht werden konnte. Wie
die Fallstudie erstmals zeigt, kann durch den Einsatz eines neuen
Wirkstoffs aus der Krebsmedizin eine bislang nicht erreichte,
substanzielle und nachhaltige Reduktion von Antikörpern gegen
potenzielle Transplantate erzielt werden. Dadurch verbessert sich die
Aussicht auf eine erfolgreiche Organtransplantation selbst bei
besonders ungünstiger immunologischer Ausgangslage deutlich. Die
Ergebnisse wurden aktuell im hoch angesehenen New England Journal of
Medicine publiziert und könnten neue Perspektiven in der
Transplantationsmedizin eröffnen.
Der neue Wirkstoff Teclistamab wird bisher zur Behandlung von
Blutkrebs (Myelom) eingesetzt. Er eliminiert gezielt jene Zellen in
Blut und Knochenmark, die Antikörper gegen körperfremde Strukturen
bilden. Aufgrund dieser besonderen Wirkweise rückte die Substanz nun
auch ins Blickfeld der Transplantationsmedizin: Das Forschungsteam um
Georg Böhmig und Martina Schatzl (Klinische Abteilung für Nephrologie
und Dialyse, Universitätsklinik für Innere Medizin III, MedUni Wien)
wandte ihn erstmals im Rahmen einer Fallstudie bei einem
dialysepflichtigen Patienten mit denkbar ungünstiger immunologischer
Ausgangslage an.
Der 37-Jährige hatte nach zwei vorangegangenen
Nierentransplantationen eine besonders ausgeprägte HLA-
Sensibilisierung entwickelt. Dabei bildet das Immunsystem Antikörper
gegen Gewebemerkmale potenzieller Spenderorgane, die als HLA (Human
Leukocyte Antigens) bezeichnet werden. Diese Antikörper schränken die
Verfügbarkeit geeigneter Organe erheblich ein. Im konkreten Fall der
Studie lag die rechnerische Wahrscheinlichkeit (cPRA-Wert), jemals
eine kompatible Spenderniere für den Patienten zu finden, sogar bei
null. Entsprechend stand der Name des Studienteilnehmers mehr als
zwölf Jahre auf der Warteliste, während sich sein Zustand zunehmend
verschlechterte.
Erfolgreiche Transplantation nach 31 Wochen Therapie
Durch die Behandlung mit Teclistamab über einen Zeitraum von 31
Wochen wendete sich das Blatt: Mit dem Wirkstoff konnte eine so
substanzielle und nachhaltige Reduktion von Antikörpern gegen
Gewebsantigene erzielt werden, wie das mit den derzeit bei HLA-
Sensibilisierung verfügbaren Verfahren nicht möglich ist. „Im Verlauf
der Therapie konnten HLA-Merkmale von Spendernieren, gegen die zuvor
starke Antikörperreaktionen bestanden, schrittweise als akzeptabel
eingestuft werden“, berichtet Erstautorin Martina Schatzl.
Schließlich konnte ein geeignetes Organ gefunden und erfolgreich
transplantiert werden. „Dem Patienten geht es heute sehr gut, die
Nierenfunktion ist ausgezeichnet, er braucht keine Dialyse mehr“,
ergänzt Studienleiter Georg Böhmig.
Weitere Studien zu Nutzen und Risiko nötig
20 bis 30 Prozent der Patient:innen auf der Warteliste für
Spendernieren sind von einer relevanten HLA-Sensibilisierung
betroffen, manche davon ohne Chance auf ein passendes Organ.
Bestehende Verfahren zur sogenannten Desensibilisierung zielen darauf
ab, die Zahl der Antikörper vor einer Transplantation zu reduzieren,
sind aber nur begrenzt und kurzfristig wirksam. Der in der Fallstudie
beschriebene Behandlungsansatz greift dagegen direkt in die
Antikörperproduktion ein und senkt die Abwehrreaktion nachhaltig für
einen längeren Zeitraum. „Das könnte einen Paradigmenwechsel in der
Transplantationsmedizin eröffnen und für eine bisher besonders
benachteiligte Gruppe von Patient:innen neue Perspektiven schaffen“,
sagt Böhmig.
Immunologische Detailergebnisse der aktuellen Fallstudie weisen
zudem darauf hin, dass die neue Behandlungsstrategie vielleicht auch
bei Xenotransplantationen, also der Transplantation von Organen
genetisch modifizierter Schweine, sowie bei blutgruppeninkompatiblen
Transplantationen Anwendung finden könnte. „Perspektivisch erscheint
auch eine Ausweitung auf andere Formen der Organtransplantation, etwa
die Herztransplantation, sowie ein Einsatz im Post-
Transplantationssetting zur Behandlung antikörpervermittelter
Abstoßungsreaktionen denkbar“, so Böhmig. Bevor die neue
Behandlungsstrategie in der klinischen Praxis eingesetzt werden kann,
müssen jedoch Nutzen und Risiken systematisch erforscht werden. Eine
Studie dieser Art ist an der MedUni Wien bereits in Planung.
Publikation: New England Journal of Medicine
T-Cell Engager-Mediated HLA Antibody Depletion before Kidney
Transplantation.
Martina Schatzl, Katharina A. Mayer, Hermine Agis, Susanne Haindl,
Daniela Kriks, Gottfried Fischer, Markus Exner, Gideon Hönger,
Nikolina Veljancic, Daniela M. Allmer, Irene Graf, Matthias Diebold,
Philip F. Halloran, Anne Halpin, Caishun Li, Lori West, Nicolas
Kozakowski, Georg A. Böhmig.
DOI: 10.1056/NEJMc2603853