Tag der Parlamentsforschung stellt neues Forschungsprojekt zu politischer Repräsentation vor

Wien (PK) – Das kommende Forschungsjahr des Parlaments steht im
Zeichen
politischer Repräsentation. Der neue Forschungsschwerpunkt wurde am
heutigen Tag der Parlamentsforschung bekanntgegeben. Ermela Gianna
von der Universität Salzburg wird untersuchen, inwieweit Bürgerinnen
und Bürger sowie Abgeordnete gemeinsame oder unterschiedliche
Vorstellungen von politischer Repräsentation haben und analysieren,
welche Folgen diese Übereinstimmungen oder Unterschiede für die
demokratische Vertretung und das Vertrauen in parlamentarische
Institutionen haben.

Präsentiert wurden auch Einblicke in das aktuelle
parlamentarische Forschungsprojekt. Kunsthistorikerin Julia Rüdiger
erforscht die Bedeutung von Architektur als Medium demokratischer
Inszenierung und die Wirkung parlamentarischer Räume auf Abgeordnete
sowie Besucherinnen und Besucher.

Schließlich folgte eine Podiumsdiskussion zur Frage „How can we
make democracy feel good?“. Unter der Moderation von Daniela Ingruber
vom Institute for Strategy Analysis/netPOL diskutierten die
Regisseurin, Drehbuchautorin und Lehrerin Olga Kosanović, der
Journalist Georg Renner sowie die Linguistin Maria Stopfner von der
Universität Innsbruck über die emotionale Dimension demokratischer
Teilhabe.

Aktuelles Projekt über „Resonanzräume der Demokratie“

Bevor die Vorsitzende des wissenschaftlichen Beirats der
Parlamentsdirektion Susanne Janistyn-Novák das neu ausgewählte
Forschungsprojekt bekanntgab, erläuterte sie die Grundidee der
Initiative der Parlamentsdirektion. Es gehe darum, wissenschaftliche
Forschung mit parlamentarischer Praxis zu verknüpfen und aktuelle
demokratiepolitische Fragestellungen ungeachtet des
wissenschaftlichen Hintergrunds zu beleuchten. Es forschten bereits
eine Philosophin, ein Politologe und derzeit eine Kunsthistorikerin
im Parlament.

Beim aktuellen Forschungsprojekt geht es um die Rolle
parlamentarischer Räume und Strukturen innerhalb sich verändernder
Demokratievorstellungen. Unter dem Titel „Resonanzräume der
Demokratie: Wandel der Parlamentsarchitektur im 21. Jahrhundert“
untersucht die Kunsthistorikerin Julia Rüdiger, wie sich die
Parlamentsarchitektur an neue gesellschaftliche, politische und
kommunikative Anforderungen anpasst. Parlamentsgebäude würden sich
von repräsentativen Machtzentren hin zu offenen Orten des Austauschs
entwickeln und die Voraussetzungen für Offenheit und Teilhabe
schaffen, wodurch Resonanz und ein stärkeres Verbundenheitsgefühl mit
dem Parlamentsgebäude ermöglicht würden, so die vorläufigen
Ergebnisse.

Neues Forschungsprojekt untersucht Verständnis von politischer
Repräsentation

Das Forschungsprojekt „Übereinstimmungen im Verständnis
politischer Repräsentation: Bürgerinnen bzw. Bürger und Abgeordnete
im österreichischen Parlament“ untersucht, wie ähnlich oder
unterschiedlich Bürgerinnen und Bürger sowie Abgeordnete des
österreichischen Parlaments politische Vertretung verstehen. Die
Politikwissenschaftlerin Ermela Gianna möchte damit eine
Forschungslücke schließen: Während viel darüber bekannt ist, wie
Parlamente arbeiten und separat erforscht wird, wie Bürgerinnen und
Bürger Demokratie wahrnehmen, seien beide Perspektiven bisher nur
selten gemeinsam betrachtet worden. Im Mittelpunkt steht die Frage,
ob Bevölkerung und gewählte Vertreterinnen und Vertreter dieselben
Vorstellungen davon haben, was „gute politische Repräsentation“
bedeutet. Dafür sollen Parlamentsdebatten und Archive ausgewertet
sowie Interviews geführt werden. Ziel ist es, Muster von
Übereinstimmung oder Differenzen sichtbar zu machen. Die Ergebnisse
sollen neue Erkenntnisse über demokratische Repräsentation liefern
und langfristig auch zur Stärkung des Vertrauens in parlamentarische
Institutionen beitragen.

Podiumsdiskussion über die emotionale Dimension demokratischer
Teilhabe

In der anschließenden Podiumsdiskussion unter dem Titel „How can
we make democracy feel good?“ betonte Olga Kosanović die Bedeutung
des Gefühls, in einer Demokratie gesehen und gehört zu werden. Gerade
Menschen, die mangels Staatsbürgerschaft nicht wählen können – in
Wien seien das bereits 35 % der Bevölkerung im wahlfähigen Alter -,
fühlten sich oft unsichtbar, was zu Abwendung vom demokratischen
System führen könne. Es müssten daher Wege gefunden werden, die
Menschen stärker einzubeziehen und ihnen das Gefühl zu vermitteln,
Teil des politischen Gemeinwesens zu sein. Kosanović sprach sich
daher für einen offeneren Zugang zur Staatsbürgerschaft und für mehr
Solidarität mit Personen ohne Wahlrecht aus.

Georg Renner stellte hingegen infrage, ob Demokratie überhaupt
darauf ausgerichtet sein müsse, sich „gut anzufühlen“. Demokratie
lebe vom Wettstreit unterschiedlicher Interessen und Ideen und solle
diesen Wettstreit konstruktiv organisieren, nicht auflösen.
Entscheidend sei vielmehr, dass Bürgerinnen und Bürger den Eindruck
hätten, dass ihre Anliegen im politischen Prozess vertreten würden.
Als zentrale Voraussetzungen für eine funktionierende Demokratie
nannte Renner eine informierte Öffentlichkeit sowie die Bereitschaft
der Menschen, sich aktiv am demokratischen Leben zu beteiligen.

Maria Stopfner hob die die Bedeutung von Sprache und politischer
Diskussionskultur hervor. Menschen würden Demokratie dann positiv
erleben, wenn sie sich respektiert und einbezogen fühlten. Zugleich
warnte sie vor politischen Kommunikationsstrategien, die gezielt mit
Angst, Wut oder Ausgrenzung arbeiteten. Politikerinnen und Politiker
haben laut Stopfner eine wichtige Vorbildfunktion für den
gesellschaftlichen Diskurs. Demokratie brauche zwar Konflikt und
Meinungsvielfalt, ebenso aber die Fähigkeit, Brücken zwischen
unterschiedlichen Positionen zu bauen.

Der Tag der Parlamentsforschung wurde bereits zum vierten Mal vom
Rechts-, Legislativ- und Wissenschaftlichen Dienst (RLW) der
Parlamentsdirektion organisiert. Das Programm umfasste heute mehrere
Panels und Poster Sessions sowie zwei Keynotes. Die Historikerin Ute
Frevert befasste sich mit dem Parlament als emotionalen Raum aus
historischer Sicht, die Rechtsphilosophin Sabine Müller-Mall legte
den Fokus auf die Emotionen in den Mechanismen von Politik und Recht
(siehe Parlamentskorrespondenz Nr. 566/2026 ). Die englischsprachige
Veranstaltung zielt darauf ab, parlamentsbezogene Forschung aus der
Perspektive unterschiedlichster Disziplinen gemeinsam mit
internationalen Vortragenden zu beleuchten und über deren Relevanz
für die parlamentarische Praxis zu diskutieren. (Schluss Tag der
Parlamentsforschung) fan/wit

HINWEIS: Fotos von dieser Veranstaltung sowie eine Nachschau auf
vergangene Veranstaltungen finden Sie im Webportal des Parlaments .