Wien (OTS) – Anlässlich des Internationalen Tages der Intensivmedizin
am 18. Juni
macht die Österreichische Gesellschaft für Anästhesiologie,
Reanimation und Intensivmedizin (ÖGARI) auf einen grundlegenden
Wandel in der Versorgung kritisch kranker Menschen aufmerksam.
Moderne Intensivmedizin zielt heute nicht nur auf das Überleben,
sondern zunehmend auch auf die Vermeidung von Langzeitfolgen und die
bestmögliche Rückkehr in ein selbstständiges Leben ab.
Frühmobilisation gilt heute als eines der wichtigsten
Qualitätsmerkmale moderner Intensivmedizin. Internationale
Behandlungskonzepte empfehlen, Patientinnen und Patienten bereits
innerhalb der ersten 72 Stunden nach Intensivaufnahme gezielt zu
aktivieren. Damit sollen intensivmedizinisch bedingte Muskelschwäche,
Delirien und langfristige Funktionseinschränkungen möglichst
verhindert und die Erholung nachhaltig unterstützt werden.
Grundlage dafür ist das international etablierte ABCDEF-Bundle (
ICU Liberation Bundle [1] ) , ein evidenzbasiertes
Behandlungskonzept, das Schmerzmanagement, eine zielgerichtete
Sedierung, spontane Aufwach- und Atemversuche, Delirprävention,
Frühmobilisation sowie die aktive Einbindung von An- und Zugehörigen
miteinander verbindet. Ziel des interprofessionellen
Betreuungskonzeptes ist es, negative Folgen eines Intensivaufenthalts
zu reduzieren und die körperliche sowie kognitive Erholung der
Patientinnen und Patienten zu fördern. Studien belegen, dass eine
konsequente Umsetzung des ABCDEF-Bundles mit besseren
Behandlungsergebnissen und einer höheren Lebensqualität nach dem
Intensivaufenthalt verbunden ist. [2]
»Die moderne Intensivmedizin hat in den vergangenen Jahren einen
grundlegenden Wandel vollzogen. Unser Ziel ist heute nicht allein die
Stabilisierung lebensbedrohlicher Zustände, sondern die bestmögliche
Rückkehr der Patientinnen und Patienten in ein selbstständiges Leben.
Die Frühmobilisation ist ein zentraler Baustein«, betont Univ.-Prof.
Dr. Stefan Schaller, Klinikleiter der Universitätsklinik für
Anästhesie, allgemeine Intensivmedizin und Schmerztherapie an der
MedUni Wien und dem AKH Wien sowie Vorstandsmitglied der ÖGARI .
Zwtl.: Muskelmasse erhalten, Selbstständigkeit bewahren
Bereits wenige Tage Bettruhe können zu einem erheblichen Verlust
an Muskelmasse und körperlicher Leistungsfähigkeit führen.
Frühmobilisation wirkt diesem Prozess entgegen und trägt gleichzeitig
dazu bei, Delirien zu reduzieren, die Herz-Kreislauf-Funktion zu
unterstützen und die Erholung der Lungenfunktion zu fördern. Selbst
beatmete Patientinnen und Patienten können und sollen, unter strenger
Überwachung und abhängig von ihrem Gesundheitszustand, schrittweise
mobilisiert werden.
Zwtl.: Anästhesiologie und Intensivmedizin: Verantwortung für
komplexe Behandlungsprozesse
Wie anspruchsvoll diese Verantwortung im klinischen Alltag ist,
zeigt sich auch bei der Frühmobilisation auf Intensivstationen. ÖGARI
-Präsident Priv.-Doz. Dr. Michael Zink verweist darauf, dass
Fachärztinnen und Fachärzte für Anästhesiologie und Intensivmedizin
die zentrale Rolle in der Österreichischen Intensivmedizin spielen:
»Moderne Intensivmedizin bedeutet für uns, innerhalb kürzester Zeit
eine Vielzahl komplexer Informationen zu erfassen,
Therapieentscheidungen zu treffen und unterschiedlichste
Behandlungsmaßnahmen aufeinander abzustimmen. Nicht einzelne
Maßnahmen retten Patientinnen und Patienten, sondern die Fähigkeit,
den gesamten Behandlungsprozess zu steuern und medizinisch zu
verantworten. Genau dafür sind Fachärztinnen und Fachärzte für
Anästhesiologie und Intensivmedizin ausgebildet. Sie übernehmen die
medizinische Gesamtverantwortung für kritisch kranke Menschen, setzen
Prioritäten, koordinieren komplexe Therapien und treffen jene
Entscheidungen, die für den weiteren Heilungsverlauf oftmals
entscheidend sind. Möglich wird dies jedoch nur durch das enge
Zusammenspiel eines hervorragend eingespielten interprofessionellen
Teams. Einen unverzichtbaren Beitrag leistet dabei die
hochqualifizierte intensivmedizinische Pflege, deren Expertise,
Erfahrung und kontinuierliche Präsenz am Patientenbett wesentlich zum
Behandlungserfolg beitragen.«, betont ÖGARI-Präsident Zink.
Zwtl.: Langzeitfolgen vermeiden, Lebensqualität erhalten
Ein Intensivaufenthalt kann auch nach der Entlassung Spuren
hinterlassen. Das sogenannte Post-Intensive-Care-Syndrom (PICS)
beschreibt körperliche, kognitive und psychische Einschränkungen, die
bei Betroffenen noch Monate oder sogar Jahre nach einer kritischen
Erkrankung bestehen können. Dazu zählen beispielsweise
Muskelschwäche, Konzentrationsstörungen, Gedächtnisprobleme,
Angstzustände oder Depressionen. Auch um mögliche Langzeitfolgen
möglichst zu vermeiden oder zu reduzieren, setzt die moderne
Intensivmedizin zunehmend auf eine frühzeitige Mobilisation der
Patientinnen und Patienten. Deren Umsetzung erfordert jedoch
erhebliche personelle und fachliche Ressourcen sowie das ärztlich
koordinierte Zusammenwirken der relevanten Gesundheitsberufe.
[1] ABCDEF-Maßnahmenpaket als international anerkannter
Behandlungsstandard:
– Assess, prevent and manage pain (Schmerzmanagement)
– Both SAT and SBT (spontane Aufwach- und Atemversuche)
– Choice of analgesia and sedation (optimierte Sedierung)
– Delirium: assess, prevent, and manage (Delir-Management)
– Early mobility and exercise (Frühmobilisation)
– Family engagement and empowerment (Einbindung der Angehörigen)
[2] Barr J et al. Improving Outcomes in Mechanically Ventilated
Adult ICU Patients Through Implementation of the ICU Liberation
Bundle . Critical Care Explorations. 2024